Taylor Swift und die Rechten

Die Blonde gehört zu uns

Von Julia Bähr
 - 06:33

Es ist noch nicht mal ein Album. Es ist ein einziger Song, den Taylor Swift veröffentlicht hat, und dieser Song glänzt auch noch durch Auslassungen und kryptische Andeutungen. Aber das rechte Nachrichtenportal Breitbart reagierte sofort – und twitterte eine Textzeile nach der anderen. „Look What You Made Me Do“ passt offenbar viel zu gut zum Gefühl der Alt-Right-Bewegung, in Wahrheit seien sie die Abgehängten, die zu kurz Gekommenen, die Unterdrückten. Die aus der Defensive aktiv werden, so wie der Text des Liedes es beschreibt: klüger werden, härter werden und dann zurückschlagen.

Schon am ersten Tag ihrer Veröffentlichung brach die Single mehrere Rekorde: Neunzehn Millionen Klicks auf Youtube, acht Millionen Durchläufe auf Spotify, 200.000 Verkäufe. Taylor Swift ist seit Jahren eine der bestverdienenden amerikanischen Popsängerinnen, und nach dem Echo auf die Single zu schließen, dürfte ihr angekündigtes neues Album „Reputation“ diese Erfolgsserie fortsetzen. Das Internet ist voller Hinweise darauf, was und wen die Andeutungen meinen könnten. Meistgenannt sind Personen, die sich öffentlich mit der Sängerin bekriegt haben. In einer Szene im Video etwa liegt Taylor Swift in einer Badewanne voller Schmuck mit einer einzigen Dollarnote. Der Schmuck: eine versteckte Kritik an Kim Kardashian, der ihr Schmuck geraubt wurde? Die Dollarnote: ein Verweis auf den symbolischen Dollar, den Taylor Swift im Prozess gegen den Radiomoderator gewonnen hat, der sie begrabscht hatte? Die „tilted stage“, von der im Text die Rede ist – meint sie damit die schräge Bühne von Kanye Wests letzter Tour? Und wenn nein, wen meint sie dann?

Einer ihrer ersten Hits hieß „Blank Space“. „I’ve got a blank space, baby / and I’ll write your name“, heißt es da. Aber genau das tat sie nie. Taylor Swift hat in ihren Liedern immer wieder die Trennungen von irgendwelchen Lebensabschnittsgefährten besungen, zumindest dem Vernehmen nach – sie bekannte sich nie öffentlich dazu, welches Lied zu wem gehört. Ihr zweiter emotionaler Steinbruch beim Songwriting scheinen ihre persönlichen Fehden zu sein: Ihr größter Erfolg „Shake It Off“ handelt ausschließlich davon, darauf zu pfeifen, dass andere Hass über einen ausschütten. Dass jemand ein so großes Repertoire an „Still standing“-Liedern aufhäuft, heißt natürlich nichts anderes, als dass er in Wahrheit dauernd umfällt. Einige dieser Lieder, auch „Look What You Made Me Do“, sollen unter anderem ihrer Erzfeindin Katy Perry gelten – jawohl, Erzfeindin, denn wer aus Fehden seine Kreativität bezieht, braucht Erzfeinde, am besten lebenslange, und diese waren sogar einmal Freundinnen. Da steckt ordentlich Musik drin. Aber auch hier: keine Namen.

Je nach Lesart macht das ihre Lieder zu einem Lückentext, den Portale wie Breitbart für sich nutzen können. „Look What You Made Me Do“ eignet sich durchaus für deren politische Interpretation, so frei sie auch ist und so viel wahrscheinlicher die persönliche Abrechnung auch wirkt. Es gibt Stellen, da graust es einem beim Gedanken, das Lied wäre auf Deutsch und könnte eine Pegida-Hymne werden: „I don’t like your kingdom keys/They once belonged to me/You ask me for a place to sleep/Locked me out and threw a feast.“ // Dass Taylor Swift eine beliebte Projektionsfläche für Amerikas Rechte abgibt, ist nicht neu. Das Nazi-Blog „The Daily Stormer“ bezeichnete sie schon 2016 als „arische Göttin“. Swift ist blond und blauäugig, das qualifiziert sie zur rechten Ikone. Aber der wahre Grund für die Leidenschaft der Alt-Right für Taylor Swift ist nicht ihr Aussehen, und es sind auch nicht ihre Texte. Es ist ihr Schweigen. Obwohl sie immer wieder gefragt wurde, verriet sie nie, für wen sie ihre Stimme abgegeben hat. Deshalb vermuten manche Republikaner, sie sei Trump-Anhängerin, fürchte aber Kritik von ihren demokratischen Fans.

Die Wahrheit ist: Man kann es nicht wissen und nicht einmal herleiten, denn es gibt viele gute Gründe, seine politischen Ansichten für sich zu behalten. Vielleicht ist Taylor Swift ja glühende Marxistin und fürchtet Kritik sowohl von Demokraten als auch von Republikanern. Vielleicht ist sie unpolitisch – zur Wahl ging sie zwar und postete ein Foto von sich in der Warteschlange auf Instagram, aber sie könnte ihre Stimme auch ungültig gemacht haben. Vielleicht ist sie Wechselwählerin. 2008 trat sie beim Nominierungsparteitag der Republikaner auf; später erklärte sie ihre Sympathie für Barack und Michelle Obama.

Im Gegensatz zu Kolleginnen wie Beyoncé Knowles, Cher oder Lady Gaga hat sie sich allerdings niemals zu Hillary Clinton oder Donald Trump bekannt. Es ist Taylor Swifts Recht, sich über ihre politischen Präferenzen auszuschweigen – nur steht sie damit eben ziemlich allein da. Andererseits war es durchaus ein Statement, nicht am Konzert zu Trumps Amtseinführung teilzunehmen. Man muss davon ausgehen, dass sie angefragt wurde, denn es wurden alle geladen, die in Frage kamen. Manche sagten dezent ab, darunter Bruce Springsteen, andere wie Moby laut und öffentlich. Am Ende blieben hauptsächlich Country-Musiker übrig, etwa Toby Keith, Lee Greenwood und Larry Stewart.

Das passt, schließlich ist Country unter Amerikas Alt-Rights ein beliebtes Genre. Auch Taylor Swifts musikalische Karriere begann im Country – und sie ist nicht die erste Musikerin, die einfach so vereinnahmt wird. 2003 erging es den Dixie Chicks so, einem Country-Trio, das jung und frisch daherkam und ein phantastischer politischer Werbeträger gewesen wäre. Bis die drei sich öffentlich gegen den damaligen Präsidenten George W.Bush stellten: Sie seien „beschämt, dass der Präsident der Vereinigten Staaten aus Texas stammt“. Es hagelte Kritik, schließlich entschuldigte Frontfrau Natalie Maines sich für ihre „respektlose“ Aussage. Trotzdem boykottierten Radiostationen die Band; die Musikerinnen erhielten anonyme Morddrohungen. George W.Bush erklärte dazu, die Meinungsfreiheit gelte für die Dixie Chicks, aber auch für ihre Kritiker. Falls Taylor Swift keine Republikanerin ist, kann man ihr nicht vorwerfen, dass sie sich eine solche Behandlung ersparen will. Ihr Bekenntnis käme zu spät, um sie einigermaßen unbeschadet davon kommen zu lassen: Kein Hass brennt so lichterloh wie eine enttäuschte Liebe.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bähr, Julia
Julia Bähr
Redakteurin im Feuilleton.
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