Wolfgang Niedecken wird 60

Der Mann aus Köln

Von Rose-Maria Gropp
 - 09:33

Im Hintergrund läuft Musik, und sie ist nicht von BAP. Es ist das Album, auf dem Wolfgang Niedecken mit der WDR Big Band spielt und singt - "Niedecken Köln". Das ist gerade die richtige Begleitung; seine Stimme klingt mit den starken Arrangements zusammen, rauh gelebt.

Im Archiv reichen die Artikel zu Niedeckens Band BAP an die dreißig Jahre zurück. Einer merkt tatsächlich an, seine Stimme wäre nicht intonationssicher. Was soll das denn? Es war und es ist - Rockmusik, die einzig mögliche nach Bob Dylan oder den Rolling Stones in Deutschland. So hat er sich eingemischt, zornmütig mitunter. Oder hätte Niedecken glockenrein die bittere Ballade "Kristallnaach" vortragen sollen, ohne kreischende Riffs hinter sich? Säuselnd das finstere Herz des Joseph Conrad in "Verdamp lang her" beschwören, ohne Schweiß und Tränen?

Der intelligente Krawall

Ein Heinrich Böll war an seiner Seite in jenen achtziger Jahren, keine schlechte Gesellschaft wahrhaftig. Bis heute verweigert er, der in der Kölner Südstadt geboren ist, sich kategorisch dem Schriftdeutsch im Gesang - alles auf Kölsch. Trotzdem wurden diese Lieder zu Hymnen in unserem Land, die auch die Nachgeborenen in ihren Ohren dröhnen lassen. Das Bundesverdienstkreuz erhielt Niedecken 1998 für sein Engagement gegen Rassismus.

Warum habe ich vor bald dreißig Jahren - damals bei David Bowie, Patti Smith oder den Talking Heads, beim jungen Prince oder in schwachen Minuten bei Jackson Browne - ein Album gekauft, das beinah unverständlich "Für Usszeschnigge" heißt, von einer Band, die sich BAP nennt? Auf dem alten Vinyl-Cover gibt es Musikinstrumente und Männchen, eben zum Ausschneiden. Ich hätte mir damals Wolfgang Niedecken ausgeschnitten. Dass seine weibliche Anhängerschaft hoch zählt, das muss einmal gesagt werden, und es wird dazu beigetragen haben, dass BAP in den Achtzigern die erfolgreichste deutsche Rockband war (während übrigens die "Neue Deutsche Welle" gurgelte). Aber am Ende war es diese glaubwürdige Aufsässigkeit, der intelligente Krawall.

Immer noch das BAP-Gefühl

Niedecken ist ein leidenschaftliches Zoon politikon, Bürger aus Überzeugung. Als er mit BAB im Sommer 1986 gegen die geplante atomare Wiederaufbereitungsanlage (die nicht zustande kam), in Wackersdorf auftrat, hörten hunderttausend zu. Niedecken ist alles andere als ein Demagoge; er ist einfach konsequent. Und BAP funktioniert noch immer, auch vor einem Publikum, das halb so alt ist wie die Musiker. Außerdem könnte Niedecken - Kunst hat er studiert in den Siebzigern - genauso gut quasi abendfüllend ein Maler sein.

Inzwischen läuft "Sonx" von BAP; mit der Platte von 2004 und der Stimme des Sängers (so kölsch ist das ja gar nicht, manchmal bloß unwiderstehlich) lässt sich überleben. Auch auf dem aktuellen Album weckt gleich der erste Akkord das ganze BAP-Gefühl. Es heißt "Halv su wild" - nein, keine Entwarnung! Am 30. März wird Wolfgang Niedecken, dieser wahre Begleiter, sechzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria (rmg)
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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