Pop
Zum Tod von Prince

Die Lieblingslieder der Redaktion

© AFP, FAZ.NET

„1999“

In den Achtzigern, als Popmusik noch ein Instrument der Distinktion der Jugend war, gab es eine heiße Diskussion. Sie erinnerte an die Auseinandersetzungen zwischen Beatles- und Stones-Fans in den Sechzigern. Sie lautete schlicht: Michael Jackson oder Prince? Der Kampf der Giganten um den Thron des Popkönigs wurde auch auf den Schulhöfen ausgetragen. Jackson war der unangefochtene Superstar, der das meistverkaufte Album aller Zeiten aufgenommen hatte. Aber irgendwie hatte man als Jugendlicher immer das Gefühl, dass dahinter ganz viel Musikindustrie stand. Als man älter wurde, hörte man davon, was für ein Produktions-Genie Quincy Jones war. So vermutete man, dass der zunehmend bleich werdende Michael Jackson, der noch dazu im Kommerz-Mekka Los Angeles lebte, doch nur eine Marionette war.

Prince dagegen war bei allem glatten Pop, den auch er veröffentlichte, der rauhere Star – es gab keinen Zweifel daran, dass er vom Schlagzeug bis zur Gitarre, vom Klavier bis zum Bass alles selbst spielte, komponierte, seine wilde Truppe The Revolution auf der Bühne zu Höchstleistungen antrieb. Er blieb sein Leben lang in der Nähe seiner Heimatstadt Minneapolis, das völlig irrsinnigerweise zum Ort des Jahres 1984 wurde, als völlig unterschiedliche Musiker wie The Replacements („Tim“), Hüsker Dü („Zen Arcade“) und eben Prince Rogers Nelson („Purple Rain“) drei der tollsten Platten des Jahres herausbrachten. Prince war der Superstar, der sich einen unabhängigen Geist bewahrte und mehr Künstler und Erschaffer zu sein schien als die Projektionsfläche und Pepsi-Werbeikone Michael Jackson. Erst mit einigem Abstand muss man feststellen, dass die Schulhof-Diskussion völlig überflüssig war, weil beide auf ihre Weise ganz groß waren.

Der Song, der die musikalischen Leistungen von Prince, am besten zusammenfasst, ist „1999“ vom gleichnamigen Durchbruch-Album: Ein total verrücktes Synthie-Riff, funky Gitarren, Revue-artiger Duo-Gesang, ein betörender Bassgroove – ideales Disco-Material für die glatten Achtziger. Prince übertrug den Hippie-Ära-Funk von Sly & the Family Stone („Dance to the Music“) in das oberflächliche MTV-Zeitalter. Irgendwie gut, dass dann die Neunziger kamen und den Plastikpop der Achtziger mit geerdetem Rock und aufregendem Elektro wegspülten. Aber Prince blieb der respektierte Genius und der Songwriter von „1999“. Was für eine Wertschätzung er auch von der Nachfolgegeneration erhielt und wie phantastisch sein Song auch in sparsamerem Arrangement funktioniert, zeigt dieses Video des Pearl-Jam-Gitarristen Stone Gossard. Philipp Krohn

„You Sexy MF“

Dieser Funk! Diese Tanzlust! Diese Bläsersätze! Diese Bässe! Ein Song zum Aufspringen und Mitwackeln! Als Prince 1992 seinen Song „Sexy Motherfucker“ mit sehr explizitem Video veröffentlichte, bekam man vor dem Fernseher noch rote Ohren. Ein faszinierender kleiner geiler Mann, der seinen Körper liebt und das auch in jeder seiner lasziven Bewegungen zeigt. Der rappt und jault und mit seiner Stimme verführt.

Prince wirkt wie ein groteske Überzeichnung zwischen all den großen schwarzen Macho-Männern im Video, er tänzelt so feminin wie kein Zweiter und ist gleichzeitig so männlich sexy mit seiner goldenen Pistole in der Hand. Männlich, weiblich, schwarz, weiß, alles scheint hier in einem hinreißenden, schillernden Etwas zusammenzufließen. Und man will nur mitschreien und mitjohlen „Shaking that ass, shaking that ass“. Prince wird uns sehr fehlen. Monika Ganster

„Positivity“

Nach dem epochalen Album „Sign o‘ the Times“ (1987) und der Tournee im Laufe derer Prince auch in Deutschland auftrat – im Frankfurter Waldstadion ging passend zu „Purple Rain“ die Sommersonne unter – waren die Erwartungen an das Nachfolgealbum sicher übertrieben hoch. Doch zum „Black Album“ kam es zunächst nicht, weil Prince die Platte zurückzog, die dann trotzdem als Bootleg auf Kassette die Runde machte. Stattdessen kam rechtzeitig zum Sommer des vorrevolutionären Jahres 1988 „Lovesexy“ auf den Markt, mit Prince als nacktem Pin-Up-Boy vor weißem Hintergrund in Szene gesetzt. Das schwülstige Coverfoto und die Fantasy-Typographie des Albums schienen dessen Titel gleichzeitig zu untermauern und zu ironisieren.

Mein Lieblingsstück ist keines der unumstrittenen Meisterwerke, die Prince komponiert hat, sondern eines, das gut zu meiner damaligen Sommermelancholie passte: Mit seiner getragenen Monotonie und einer stattlichen Länge von sieben Minuten und siebzehn Sekunden fühlt sich „Positivity“ wie eine Litanei an. Ein Gospel, der sich trotz des erstaunlich wuchtigen Beats entschieden in den Gehörgang schraubt, als würde er keinen Widerspruch dulden. Prince ist hier einmal nicht mit Falsettstimme, sondern mit dunkel getöntem Sprechgesang zu hören.

Der Text pendelt reichlich kryptisch zwischen Weltverschwörung und Liebesssehnsucht: Wer nicht aufpasse, so die Warnung, verfalle dem „spooky electric sound“, und der steht, so liest man es heute in Wikipedia, „wahrscheinlich für Prince‘ Metapher für Satan“. Teufel aber auch. Am Ende seiner Beschwörung predigt der Meister eine Durchhalteparole: „Hold on to your soul, y’all, court, sing / Hold on the your soul / We got long way to go.“ Diese lange Wegstrecke orchestriert der Song mit gläsernem Zirpen und einem langsam abschwellenden Rauschen. Das klingt nicht nur wie Sternengefunkel über Meeresbrandung, das ist der magische Moment, der das Titelversprechen von „Positivity“ in Klang umsetzt – und in Energie: Denn wie es sich für eine Litanei gehört, fängt man gleich wieder von vorne an. Hannes Hintermeier

„Musicology“

Hat ein Musiker je freundlicher, witziger und würdevoller gezeigt, in welcher Tradition, also auch Schuld bei seinen Vorgängern er steht? In „Musicology“ verbeugt sich Prince vor den Vätern des Funk, darunter James Brown und George Clinton mit Parliament Funkadelic, und den ebenfalls großen Maceo Parker hat er dafür einfach noch schnell mit zu sich an Bord geholt.

Was Harold Bloom für die Literatur als "Einflussangst" bezeichnet hat, wird hier ins Positive verkehrt: Einflussstolz ist es, den Prince hier spielerisch zeigt. Musikalische Metafiktion also - aber bevor es zu akademisch wird, sollte man lieber auf die Tanzfläche. "We got a PhD in advanced party movin'"! Jan Wiele

„Kiss“

Als die Nachricht von Prince’ Tod gestern Abend auf einer Party die Runde machte, waren wir erst betreten und redeten dann über die Songs, die uns am meisten begeistert hatten. Ich nannte „Kiss“. Von den Männern gab es dafür nur fragende Blicke. Bei den Frauen hingegen begeistertes Blitzen in den Augen. Das hat einen Grund, und der lässt sich am besten mit Julia Roberts erklären: Als Vivian in „Pretty Woman“ räkelt sie sich in einer goldenen Badewanne und singt mit geschlossenen Augen dieses Lied – und dass sie Prince’s Falsett nicht mal ansatzweise trifft, macht überhaupt nichts. Im Gegenteil, es macht sie sexy und noch ein bisschen liebenswerter. Diese Szene fängt perfekt ein, was das Lied mit jeder Frau anstellt. Legen Sie „Kiss“ auf irgendeiner Party auf und die Tanzfläche ist sofort voller Frauen, die genauso inbrünstig mitsingen wie Julia Roberts und dazu ihre Hüften kreisen lassen, als wäre dies der letzte Tanz des Abends, ach was, ihres Lebens. „Kiss“ ist purer magischer Funk.

Vielleicht liegt es an der schlichten Komposition („Kiss“ war Prince’ zweiter Song ohne Basslinie), vielleicht auch am Text. Prince bricht da ja mit allen Konventionen: Seine Traumfrau muss weder cool, noch reich, noch schön sein. Und dann betont er auch noch, dass sie lieber eine richtige Frau sein sollte: „Woman, not girls, rule my world“ – der Mann versteht uns! Und während die Herren der Runde lieber noch über das beste Lied diskutierten, zog es die Frauen auf die Tanzfläche. Sie belagerten den DJ so lange, bis er endlich Prince auflegte. Nur purer magischer Funk konnte diesen Abend noch retten. Maria Wiesner

„Money Don’t Matter 2 Night“

Für die Prince-Enthusiasten der Achtziger Jahre war sein Album „Diamonds and Pearls“ ja schon eine Art Spätwerk des wandelbaren Multiinstrumentalisten. Für mich, der ich Anfang der Neunziger gerade der Grundschule entronnen war, geriet die Erfolgsscheibe zum Startschuss einer Entdeckungsreise durch das Werk dieses Künstlers, dessen Musik mich faszinierte, ja klar, aber der mich auch durch seine divenhafte „Ich tupf mir mal die Stirn und reiche das benetzte Tüchlein generös dem Fan in der ersten Reihe“-Attitüde in den Bann zog. Wow! Und schuld war ausgerechnet der im ersten Höreindruck so wenig prätentiöse Song „Money Don’t Matter 2 Night“.

Als x-te Singleauskopplung war das Lied zwar einigermaßen erfolgreich, es blieb jedoch im Schatten von „Cream“ oder dem Titelsong „Diamonds and Pearls“. Aber das tut dem Song keinen Abbruch, im Gegenteil: Genauso unschuldig und cool, wie der Song nach den großen Hits aus dem Album fiel, klingt er ja auch. Wenige musikalische Mittel, darunter die völlig reduzierte Bass-Schlagzeug-Combo der „New Power Generation“, die bloß akzentuierende zurückgenommene funkige Jazzgitarre, und ein lässig-tiefenentspannter Prince treiben den fast schon monotonen Song mühelos nach vorne. So viel gekonnte Lässigkeit!

Darüber aber explodiert das Lied, und zwar dank der Backing Vocals. Am Anfang noch zurückhaltend, steigern sich unter anderem Prince’ selbst eingesungene Hintergrundgesänge ins fast Hysterische. Derweil marschiert der Song cool weiter. Ich weiß jedenfalls noch, dass ich damals die Repeat-Taste an meiner Stereoanlage entdeckte, sehr zum Leidwesen meiner Familie, die sich das auch immer wieder anhören musste. Wer erklärt den Kindern heute, was eine Stereoanlage ist? Und wer erklärt ihnen künftig, wer Prince war? Der Song könnte dafür geeignet sein: In seinem Soundgewand klingt er erstaunlich zeitlos, fast schon klassisch, was man nicht von jeder Prince-Nummer sagen kann, die nach ihrer Entstehungszeit klingt. „Money Don’t Matter 2 Night“ wird bleiben – mindestens in meinem Gedächtnis. Martin Benninghoff

„Sign o‘ the Times“

Es war damals wie ein Reflex. Wenn in der Disco (das hieß damals so) ein Lied von Prince vom DJ aufgelegt wurde, stürmte ich auf die Tanzfläche. Nach wenigen Takten war mir dann ebenfalls reflexartig klar, dass es ein Fehler war. Bei „Sign o‘ the Times“ zeigte sich dieser besonders deutlich. Angeregt durch den genialen Beat sendete mein Kopf wie immer einen Befehl an meinen Körper, sich sofort zu bewegen.

Doch auf der Tanzfläche angekommen kam es zur Befehlsverweigerung. Zu Prince konnte eigentlich nur Prince tanzen. Als sich dann noch dieser leicht warnende und monotone Gesang mit traurigen Textzeilen wie „A sister killed her baby ’cause she couldn’t afford to feed it“ über das minimalistische Schlagzeug legte, war es an der Zeit, wieder die Tanzfläche zu verlassen und die Zeichen der Zeit in Ruhe zu hören. Knapp dreißig Jahre sind nun vergangen. Es wird Zeit, sich den Kopfhörer aufzusetzen, die Tür zu schließen und zu diesem Lied zu tanzen. Oh yeah. Marco Dettweiler

Quelle: FAZ.NET
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