Raucher im Film

Vernebelt

Von Andreas Platthaus
 - 13:13

Man kann es sich gar nicht vernebelt genug vorstellen: das Filmschaffen. So viele Fragen sind von der Idee bis zur Vorführung zu beantworten. Zunächst qualmen den Drehbuchschreibern die Köpfe, dann den Regisseuren, Fördergremien und Verleihern und zu guter Letzt auch noch den Zuschauern bei der Entscheidung, welchen Film, welche Fernsehsendung sie denn auswählen sollen. Dazu dampft der Angstschweiß aller Mitwirkenden bei den Dreharbeiten vor ihren Herausforderungen, die, wie wir ja mittlerweile wissen, leider nicht nur professioneller Art sind. Und die Produktionsgesellschaften, Agenten und Marketingfachleute machen den Beteiligten auch noch ordentlich Feuer unter den Hintern.

Zu dieser Räucherkammer des Filmgeschäfts tragen Zigaretten den kleinsten Teil bei, aber zweifellos den sichtbarsten. Und wo Rauch ist, ist auch Feuereifer. So hat denn Marlene Mortler, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, nun die Forderung an die deutsche Filmbranche gerichtet, gefälligst die Präsenz von Rauchern auf Leinwand und Bildschirm zu vermindern. Eine Studie des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung habe ergeben, dass in 33 von den 39 Werken, die 2016 und 2017 für den Deutschen Filmpreis nominiert waren, geraucht wurde, also in 85 Prozent. Bei den oscarnominierten Filmen desselben Zeitraums – darunter nur zwei deutsche Beiträge – betrug dieser Anteil lediglich 64 Prozent.

Nun könnte jemand der Drogenbeauftragten erklären, dass beim Oscar auch Jahr für Jahr mindestens zehn Animationsfilme nominiert sind, in denen die Wahrscheinlichkeit, Raucher zu zeigen, wegen des jungen Zielpublikums äußerst gering ist. Das würde ihr gefallen, aber es schwächt die Vergleichbarkeit. Und was ist mit den Kurzfilmen, die gleich mehrere eigene Oscar-Kategorien mit jeweils fünf Bewerbern haben und in denen schon aus zeitökonomischen Gründen seltener mit Rauchern zu rechnen ist als in abendfüllenden Werken? Aber ganz unabhängig von empirischen Spitzfindigkeiten ist auch die Begründung von Frau Mortler dezidiert simpel gestrickt: „Zigaretten sind weder cool noch lässig, sondern schlicht und einfach ungesund.“

Das gilt auch für Mord. Wo bleibt der Appell an die Krimiautoren? Und es gilt auch für Autofahren, Kaminbefeuern, Grillen. Bitte seltener in unseren Filmen! Und um Missverständnisse auszuschließen: Der Autor dieser Zeilen hat in seinem Leben viele Filme gesehen, aber nur eine Zigarette geraucht, bezeichnenderweise in einer Schultheateraufführung, weil das Stück es so vorschrieb, und er hat Dürrenmatt dafür verwünscht. Zigarettenqualm lässt sich jedoch auf Bühne und Leinwand schlechter simulieren als Alkoholkonsum. Nicht nur deshalb wird dort übrigens noch weit mehr getrunken. Das hat die Drogenbeauftragte bislang nicht interessiert. Mag es da eine Rolle spielen, dass sie aus einer Familie von Hopfenanbauern stammt?

In einer früheren Version dieses Artikels schrieben wir, Frau Mortler sei Hopfenbauerin. Frau Mortler hingegen teilte uns mit, sie wohne zwar noch auf dem ehemaligen Hopfenhof ihrer Eltern, dort würden jedoch mittlerweile Futtermittel angebaut. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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