Vorzeigeschule

Lehrkunst in Neukölln

Von Regina Mönch
 - 13:29

Chinesische Kalligraphie und Tuschemalerei als freiwilliges Schulfach vermutet man nicht unbedingt in Berlin-Neukölln. Zu Ferienbeginn aber waren beachtliche Kunstwerke in der „Schule in der Köllnischen Heide“ zu besichtigen: Ergebnis eines halbjährigen Kurses, den chinesische Künstler, die chinesisch-deutsche Klassenlehrerin und ein Kunstlehrer, der in China studiert hat, betreuten. Die gemeinnützige chinesische Yishuge-Kunstakademie, die in Berlin Kinder mit traditioneller chinesischer Kunst bekannt machen will, hat die Künstler geschickt und die kostbaren Zeichenutensilien gestiftet.

Yishuge möchte nach eigenem Verständnis nicht nur Interesse am Fremden und Schönen und vor allem an China wecken, sondern Kindern auch „Wege zu innerer Ruhe und künstlerischer Ausdruckskraft öffnen“. Klingt leicht und ist doch Schwerstarbeit, vor allem in Berlin-Neukölln jenseits der neuen Hipster-Viertel, die gern als probates Mittel gegen soziale Brennpunkte verkauft werden und doch nur die Gentrifizierung vorantreiben. Der Norden Neuköllns ist davon ohnehin unberührt geblieben. Hier ist nach wie vor ganz real zu studieren, wohin konzeptfreie Migrationspolitik führen kann.

Geduld und Konzentration

Die Schulen des schwierigen Viertels nennt man „Brennpunktschulen“, was eher das Umfeld beschreibt, mit höchster Arbeitslosigkeit, radikalen Moscheen und zu vielen Eltern, deren Interesse am Fortkommen ihrer Kinder nicht allzu groß ist. Jahr um Jahr steigt hier die Zahl der Schulanfänger, die von Beginn an besondere Förderung brauchen, vor allem wegen gravierender Sprachnöte und großer „visuomotorischer“ Defizite. Lag ihr Anteil noch vor wenigen Jahren bei etwa vierzig Prozent, so brauchen das dort inzwischen drei Viertel aller Erstklässler.

Das ist auch die Ausgangslage der „Schule in der Köllnischen Heide“, immer wieder, von Generation zu Generation. Dass sie trotzdem eine Vorzeigeschule ist, hat sie ihrem Lehrerkollegium zu danken, das mit hohem Engagement und mutigen, weil eigenwilligen Projekten versucht, die Chancen ihrer Schüler zu verbessern. Chinesische Tuschemalerei gehört nun dazu. Die ästhetische Erziehung ist dabei das Eine, doch hier von besonderer Bedeutung, weil die Kinder so etwas in ihren Familien kaum erleben. Noch interessanter ist, dass ihnen Lehrer und Künstler zutrauten, mit feinem Pinsel und leichter Hand auf hauchdünnem Reispapier eine Tausende Jahre alte Kunst zu erlernen. Dass sie ihnen unerbittlich ungeheure Geduld abverlangten und Konzentration, immer wieder, bis an die Grenze, bis sie sahen, dass es dahinter noch etwas zu erreichen gibt, was sich lohnt.

Schwerstarbeit war das, nicht unbedingt pädagogischer Standard an deutschen Schulen, wo solch ein Leistungswillen-Training immer noch leicht unter Elitenverdacht gerät und die sogenannte Taxifahrerpädagogik – Kinder dort abholen, wo sie stehen – angepriesen wird, ungeachtet ihrer offensichtlichen Misserfolge.

Quelle: F.A.Z.
Regina Mönch
Feuilletonkorrespondentin in Berlin.
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