Rezension: Hörbuch

Die Betörung

Von Jochen Hieber
 - 15:45

So schön und so traurig, so heiter und so böse Vladimir Nabokovs 1957 erstmals erschienener Roman "Pnin" auch ist: Es muß angesichts dieser Hörfassung zunächst nicht von Inhalt und Form des Werks, sondern ganz entschieden von jenem Vorleser die Rede sein, der uns das Ganze präsentiert. Nein, halt: Erst darf man ein Wort über das gute Ganze dieser sechs CDs verlieren. Kein Wort nämlich hat Ralph Schäfer, der bei der ursprünglich im Sender Freies Berlin ausgestrahlten Produktion Regie führte, gestrichen, keinen Satz verstümmelt, kein Kapitel gekürzt: 423 kurzweiligste Minuten lang wird das auf englisch geschriebene Original des russischen Exilanten Nabokov in Dieter E. Zimmers oft - und immer zu Recht - gerühmter deutscher Übersetzung aus dem Jahr 1994 präsentiert. Ist das überhaupt erwähnenswert? Durchaus, wenn man die Usancen der Hörbuchbranche kennt. Denn dort verlieren, oft unter tatkräftiger Mithilfe der aufs Zusatzhonorar erpichten Autoren selbst, gedruckte Texte bisweilen mehr als ein Drittel ihres Umfangs, wenn sie sich ins Hörbuch verwandeln. Von "Lesefassungen" wird dann gern gefaselt, um den Betrug an beiden, an den Hörern und an der Literatur, zu kaschieren.

"Pnin" ist kein Betrug, sondern schiere Betörung. Betörung durchs laut gelesene Wort, durchs vorgelesene Buch. So einfach kann das sein. Wenn man so vorzulesen versteht wie der Schauspieler Ulrich Matthes. Öffentlich begonnen hat er damit vor gut zehn Jahren, als er in den Münchner Kammerspielen Thomas Bernhards Roman "Wittgensteins Neffe" zu Gehör brachte. Weshalb er, mit Bühnen-, Film- und Fernsehrollen gut versehen, nun auch noch als Sprechsteller auftrete, wurde er damals gefragt. Seine Antwort - "Liebe kann man nicht erklären" - hätte man gern ein, zwei Nummern lakonischer gehabt. Jetzt freilich, nach sieben Stunden Nabokov, weiß man, daß sie nicht rhetorisch war.

Zum Teil läßt sich die Betörung erklären. Ulrich Matthes liest erlesen, ohne je zeremoniell oder gar feierlich zu werden - und er liest langsam, ohne je behäbig zu wirken. Vladimir Nabokovs sehr klar strukturierte, indes nicht immer einfache und keineswegs kurze Sätze gewinnen dadurch eine Luftigkeit, die sie ganz leicht, und eine Musikalität, die sie ganz durchsichtig macht. Mit seiner Theatererfahrung erklären läßt sich zudem Matthes' Fähigkeit, jeder Figurenrede einen je eigenen Ton zu geben - und diesen Ton sofort aufs neue zu finden, auch wenn er erst zwei, drei Kapitel, vierzig, fünfzig Seiten später wieder gebraucht wird. "Pnin", ein eher schmaler Roman, besitzt gleichwohl eine Fülle von Nebenfiguren, die alle auf ihre Eigenart erpicht sind und vom Ich-Erzähler in ihren Eitelkeiten lustvoll unterstützt werden: Ulrich Matthes hat sie alle im Stimmgriff.

Nicht erklärbar ist der Zauber, den er mit der Hauptfigur vollführt. Professor Timofey Pnin, Russischdozent am fiktiven Waindell College an der realen Ostküste der Vereinigten Staaten, ist ein in mehrfacher Hinsicht Gestrandeter. Die Oktoberrevolution hat ihn aus St. Petersburg in die Odysseen des Exils gejagt, im traulich-spießigen, also amerikanisch-heilen Waindell, wo er nach vielen Umwegen landet, interessiert sich für Slawistik nahezu niemand, weshalb Pnin ein bloßes Anhängsel der Germanisten sein muß. Mit der Liebe, also mit Lisa, gibt es nichts als Kummer und Leid. Aber das wäre alles schon zu ertragen, käme da nicht noch die englische Sprache in ihrer amerikanischen Spielart hinzu, die Pnin, anders als das Französische, einfach nicht gehorchen will. Nabokov läßt den Helden im Original mithin gebrochen amerikanisch, Dieter E. Zimmer in der Übersetzung ein fabelhaft gebrochenes Deutsch sprechen. Mirakulös setzt Ulrich Matthes diese Sprachpartitur in Sprachklang um, ohne sich auch nur einen Augenblick lang ins Satirische, Karikierende oder Klischeehafte zu verlieren. Der radebrechende Pnin ist bei Nabokov eine Figur voller Würde - und er ist es in Matthes' professoralen Monologen erst recht. Genauer beschreiben läßt sich das nicht. Man soll, eigentlich muß man das hören. Daß die Jury von Hessischem Rundfunk und Börsenblatt diesen Roman zum Hörbuch des Monats August gewählt hat, sollte nicht zuletzt als Verbeugung vor dem Sprecher verstanden werden.

"Pnin" ist ein so schönes wie trauriges, ein so heiteres wie böses Buch. Es ist ein hintergründiger Universitätsroman und ein melancholisches Epos des Exils. Begonnen hat es Nabokov im Sommer 1953, als er auch noch an "Lolita" schrieb. Und beginnen ließ er es mit einer wunderbaren Szene, die Timofey Pnin, einen älteren Herrn von zweiundfünfzig Jahren, auf der Fahrt zu einem Gastvortrag bei einem Frauenclub vor Augen führt. Nach zwei Seiten heißt es lakonisch: "Professor Pnin befand sich im falschen Zug." Wenn Ulrich Matthes diesen Satz nach drei, vier Minuten vorliest, weiß man schon, daß man im richtigen Hörbuch gelandet ist.

Vladimir Nabokov: "Pnin". Gelesen von Ulrich Matthes. Der Audioverlag, Berlin 2002. 6 CDs, 423 Min., 32,95 [Euro]

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.08.2002, Feuilleton, S. 32
Autorenporträt / Hieber, Jochen (hie.)
Jochen Hieber
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