Trumps Rhetorik

Trommelfeuer, Nebelkerzen

Von Gyburg Uhlmann
 - 21:14
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Kurz nach der Antrittsrede Donald Trumps als amerikanischer Präsident sorgte eine Twitternachricht für Verwirrung. In ihr postete Trump ein Bild von sich mit der Unterschrift: „gerade dabei, meine Inaugurationsrede zu schreiben, vor drei Wochen, freue mich auf Freitag“. Hat Trump also diese Rede selbst, ohne professionelle Redenschreiber, verfasst? Dann kam Entwarnung: Das meiste stamme doch von seinen Beratern Stephen Miller und Steve Bannon.

Alles andere wäre auch irritierend, denn die Rede präsentiert sich zwar in einem einfachen Stil, doch die rhetorische Formung der Sprache ist unverkennbar. Vergleicht man die Rede mit Äußerungen, die Trump im Wahlkampf und nach der Wahl machte, erkennt man zwar Unterschiede in der berüchtigten Impulsivität und den kommunikativen Kontrollverlusten der – zumindest zum Teil – unvorbereiteten Reden. Etwas aber ist gleich geblieben, etwas, das sichtbar gemacht werden kann, wenn man in der Geschichte der Rhetorik bis in die Antike zurückgeht. Dort, in den Anfängen der Redekunst, standen sich zwei Optionen unversöhnlich gegenüber, die mehr über Donald Trumps Rhetorik und Politikverständnis verraten als jeder konkrete Faktencheck.

Die Anfänge der Rhetorik liegen im fünften Jahrhundert vor Christus in Griechenland. Die damals auch wirtschaftlich erfolgreichsten Intellektuellen, die Sophisten, vertraten laut ihrem Zeitgenossen Platon die Auffassung, dass Reden Macht sei und den Redner in die Lage versetze, das schwächere Argument zum stärkeren zu machen. Rhetorische Bildung müsse nicht nach der Substanz des Gesagten fragen, sondern ermöglichen, sich mit dem eigenen Standpunkt auch unabhängig von dessen Richtigkeit durchsetzen zu können. Das Ringen um die konkrete Sache und ihre spezifischen Ursachen gerät damit in den Hintergrund. Platon kritisierte diese Entkoppelung des Redens von Wissen und Wahrheit scharf. Er tat dies aus einem einfachen Grund: Das Wissen, um das es in der Rhetorik geht, ist kein theoretisches, sondern eines, bei dem es darauf ankommt zu begreifen, was das in der jeweiligen Handlungssituation wirklich Beste ist. Und dies ist kein einfaches Unterfangen, ganz besonders, wenn es um das Beste für einen ganzen Staat geht.

Der politische Redner soll einen guten Charakter haben

Aristoteles baute auf Platons Kritik an den Sophisten auf. Er formulierte seine Rhetorik aber nicht mehr als Kampfansage an eine aktuell dominante rhetorische Technik, sondern als konkrete Anleitung für die Redepraxis: Die Redekunst müsse das, was wirklich überzeugend sei, aufzudecken lehren. Sie soll nicht übervorteilen und einlullen, sondern bei einem Sachverhalt das herausarbeiten, was wirklich von Vorteil, wirklich gerecht ist.

Bei der Gattung der politischen Rede ist das besonders spannend: Hier bietet die aristotelische Rhetorik alles auf, was zu einer klaren Sicht auf die Dinge befähigen kann. Der politische Redner muss einen guten Charakter haben und gerecht mit praktischer Klugheit urteilen können. Auch gute Kenntnisse in Psychologie verlangt Aristoteles. Denn nur so könne man bei dem Publikum die angemessenen Emotionen dem Sachverhalt gegenüber erzeugen. Es ist eine auf Wissen und Einsicht gegründete Rhetorik. Sie will dadurch überzeugen, dass sie zu dem rät, was für die Bürger wirklich gut ist und wahrhaft Wohlstand bringt.

Nicht nur seine Meinung gut verkaufen

Damit schließt sich der Kreis zwischen Ethik und Politik, den die Sophisten, wie Platon sie darstellte, mit brachialer Sprachgewalt aufgebrochen hatten. Bei Aristoteles geht es in Ethik und Politik um das richtige Handeln des Einzelnen im Staat. Er beginnt seine Nikomachische Ethik damit festzuhalten, dass alle Menschen immer nach einem bestimmten Guten streben. Jeder wähle die Handlungsoption, die ihm die jeweils beste zu sein scheint.

Damit beginnt aber erst die eigentliche Aufgabe. Denn man wolle sich ja nicht nach dem richten, was nur so aussieht, als würde es auch langfristig gut sein und glücklich machen, sondern nach dem, von dem man sagen kann, dass und warum es wirklich zu etwas Gutem führt. Das Ziel der politischen Rede ist also nach Aristoteles nicht, seine einfache Meinung besonders gut zu verkaufen, sondern danach zu suchen und mit Gründen zu erkennen, was denn wirklich gut ist und Wohlstand und Glück fördert. Das Mittel, zu einem solchen Wissen zu kommen und dieses auch überzeugend zu vermitteln, ist die Rhetorik.

Schaut man von dieser Perspektive auf die Rhetorik Trumps – auf seine offiziell geformte und auf seine mehr oder weniger spontane –, dann bemerkt man eine gemeinsame Strategie: Seine Rede vermeidet es bewusst und manchmal kunstvoll, die entscheidenden Fragen in der Politik als Frage und Aufgabe zu stellen. Sie suggeriert, dass die Antworten auf der Hand liegen und keiner weiteren Konkretheit bedürfen. Denn was bedeutet eigentlich der isolationistische Slogan „America first“ heute? Was bedeutet es, wenn jede Entscheidung in der Wirtschafts-, Einwanderungs- und Außenpolitik zum Wohl amerikanischer Arbeiter und amerikanischer Familien getroffen wird? Der Punkt ist dabei nicht. dass Trumps Reden nicht Stellung beziehen, sondern dass sie nicht, wie Platon und Aristoteles es fordern, hinreichende Gründe suchen und angeben (griechisch: logon didonai) für die Überzeugungskraft und Berechtigung seiner Position. Die Rede vermeidet es, so konkret zu werden, dass die eigentlichen Streitpunkte sichtbar werden: Hilft es dem Arbeitsmarkt wirklich, nur Amerikaner einzustellen? Wird Amerika wirklich sicherer, wenn keine Muslime mehr einreisen können?

Die Wiederholung peitscht den Slogan ein

Hier kommt nun die Rhetorik als Technik ins Spiel, wie sie auch von antiken Sophisten genutzt wurde. Denn ungeachtet der Stilisierung Trumps zum Mann des einfachen und klaren Wortes hat die Rhetorik, die für ihn entworfen wird, eine ausgeklügelte Technik, die sie selbst zu verbergen sucht, eine Technik, die mit Sprache nicht sachlich überzeugen, sondern mitreißen und von der Sache ablenken will.

In der Abschlusssequenz der Amtsantrittsrede wird dies exemplarisch sichtbar: „Together we will make America strong again. We will make America wealthy again. We will make America proud again. We will make America safe again. And, yes, together, we will make America great again.“ Die Sequenz besteht aus einer asyndetischen Reihung von kurzen, in der Figur des Parallelismus aufeinanderfolgenden und aus Anaphern bestehenden Sätzen. Anaphern, also das Wiederholen des Satzanfangs, werden häufig in politischen Reden verwendet, und zwar so wie hier häufig als Klimax und nach dem Gesetz der wachsenden Glieder. Diese zielen auf den letzten Kurzsatz hin, der den Wahlkampfslogan aufgreift („Make America great again“). Die gesamte Sequenz vermeidet demonstrativ jede Form der Variatio, der Abwechslung, und sucht hier wie anderswo in Trumps Rhetorik die Wiederholung von Worten als Stilmittel. Die Repetitio, also die Wiederholungsfigur, peitscht den zentralen Slogan gleichsam ein und lenkt damit gleichzeitig davon ab, dass gar nicht gesagt wird, was denn die Größe Amerikas ausmachen soll oder wie sie erreicht werden kann.

Ein Trikolon mit Alliteration

Ganz ähnliche Häufungen von Stilfiguren und Reflexe kunstgemäß geformter Rede finden sich in vielen Reden und Beiträgen Trumps. Seine Rede nach dem Wahlsieg vom 8. November bietet dafür interessantes Anschauungsmaterial. Ein Beispiel daraus: „We must reclaim our country’s destiny and dream big and bold and daring. We have to do that. We’re going to dream of things for our country and beautiful things and successful things once again.“ „Big and bold and daring“ kombiniert ein Trikolon (eine markante Dreierfolge) mit Alliteration und Tautologie. Doch dann folgt ein kunstloser pleonastischer Satzeinschub, der im nächsten Satz durch einen scheinbar ungewollten Anakoluth fortgesetzt wird. Auch hier wird mit Wiederholungen gearbeitet. Fast nur noch repetitiv ist diese Sequenz: „We’ll have great relationships. We expect to have great, great relationships. No dream is too big, no challenge is too great.“

Die für Trump entworfene Redetechnik besteht aus jenem Teil der Rhetorik, der unter dem Namen „Elocutio“, sprachliche Gestaltung, in den Rhetoriklehrbüchern zu finden ist. Platon erwähnt diesen Aspekt, und Aristoteles widmet ihm eines der drei Bücher seiner „Rhetorik“. Doch es ist klar, dass der Redeschmuck für beide Autoren nichts anderes als ein Werkzeug ist, das erst zum Einsatz kommt, wenn das eigentliche Werk der Redekunst bereits wirkt. Denn nicht durch die sprachliche Formung der Rede kommt man zur überzeugenden Darstellung, was in einer Situation zu tun ist, um langfristig das Glück der staatlichen Gemeinschaft zu sichern. Auch für Cicero und Quintilian, die beiden großen römischen Rhetoriklehrmeister, von denen die ganze europäische Tradition ihre Begeisterung für die Systematik der Redefiguren gelernt hat, ist die Elocutio daher nur einer der Schritte, die bei einer guten Rede zu beachten sind: Ihr voraus gehen nach antiker Überzeugung die sachliche Prüfung der Streitfragen und das Arrangement einer schlüssigen Argumentation.

Demagogisch wie Kallikles

Bei Trump erfüllt die sprachliche Gestaltung dagegen nur den Zweck, sich mit Argumenten gleich welcher Qualität durchzusetzen. Die kunstvolle Sprachformung erreicht dies durch militärisch kurze Trommelsequenzen, in denen das einzelne Wort nicht sachlich abgewogen, sondern als leicht repetierbarer Sprachrhythmus emotional einverleibt werden soll. Trumps Reden sprechen emotional an, sie argumentieren nicht mit rationalen Gründen.

In dem Dialog Platons, der nach dem berühmten sophistischen Redelehrer Gorgias benannt ist, tritt am Ende der Demagoge Kallikles auf. Er ist einer der hartnäckigsten Gesprächspartner bei Platon überhaupt. Das ist er nicht nur wegen seiner dreist vorgebrachten Lehre vom Recht des Stärkeren, rücksichtslos seine Interessen zu verfolgen. Er ist dies vor allem, weil er sich einem sachlichen Diskurs über seine Thesen und deren genaue Prüfung zu entziehen sucht. Das tut er, indem er Sokrates Lüge und Betrug vorwirft, indem er Sokrates’ Umgang mit dem Wort als demagogisch bezeichnet, indem er sich weigert, sachlich konkret zu werden und sich ins Detail seiner Position zu vertiefen. Mit anderen Worten: Kallikles entzieht sich dem politischen Diskurs. Und er tut dies mit Hilfe seiner Redekunst. Diese präsentiert sich als mutig, als geradeheraus, als auf das Wesentliche konzentriert. Und doch kann Sokrates zeigen: Diese Rhetorik dient nicht dem wirklich Besten, das die Rede verspricht. Sie entkoppelt die Rede von den politischen Aushandlungen, in denen darum gerungen wird, was für ein Land gut, sicher, ehrenvoll ist und Wohlstand garantiert.

Die Rhetorik des neuen amerikanischen Präsidenten ist der des Kallikles nicht unähnlich. Sie ist demagogisch und uninteressiert daran, die Kunst der Rede für das einzusetzen, was sie kann: dem wirklich Überzeugenden in der Politik zum Sieg zu verhelfen.

Gyburg Uhlmann lehrt klassische Philologie an der Freien Universität Berlin und ist Leibniz-Preisträgerin des Jahres 2006.

Quelle: F.A.Z.
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