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Robert De Niro zum Siebzigsten

Nichts von dem ist nur Methode

Von Andreas Platthaus
 - 08:33

Zwanzig Jahre lang war Robert De Niro der Leitstern unter den Schauspielern: von 1974, als er als Nebendarsteller den zweiten Teil von Francis Ford Coppolas „Der Pate“ so prägte, wie es Marlon Brando zuvor im ersten gelungen war (aber als Hauptdarsteller), bis 1995, als im gleichen Jahr Michael Manns „Heat“ und Martin Scorseses „Casino“ in die Kinos kamen, zwei Filme, die sich auf jeweils ganz andere Weise des Phänomens De Niro bedienten und es nolens volens auf den Höhepunkt brachten.

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Scorsese, in dessen „Hexenkessel“ von 1973 der damals bereits dreißigjährige Schauspieler große Aufmerksamkeit gefunden und vor allem Coppola überzeugt hatte, inszenierte De Niro in „Casino“ noch einmal als einsamen Star, als den Mann, der einen Film durch seine schiere Präsenz prägt - so wie in „Wie ein wilder Stier“, für den De Niro 1981 seinen Oscar als bester Hauptdarsteller bekommen hat, so wie in „Taxi Driver“, für den er ihn 1977 skandalöserweise nicht gewonnen hatte, so wie in „New York, New York“, für den 1978 mehr noch als De Niro - und Liza Minelli! - der Kameramann László Kovácz den Oscar hätte bekommen müssen, weil er die beiden Hauptdarsteller nicht einfach ins Bild, sondern in Gloriolen setzte. All das waren bezeichnenderweise Scorsese-Filme. Und sie prägten das Bild De Niros als Meister des method acting, der Anpassung eines Schauspielers an seine Rolle um jeden Preis (Gewicht anfressen, sich als Taxifahrer ausbilden lassen, Saxophonspielen lernen).

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Aber diese Methode ist keine, die aufwendige Vorbereitung ist lediglich Ausdruck einer Professionalität, die ihre Wurzel in Spielbegeisterung hat. Und die Verwandlung betrifft auch jeweils nur den Schauspieler selbst, was selbstverständlich einen Film prägt, der voll auf diesen Akteur setzt. Michael Mann aber fügte in „Heat“ seinen größten Star einem Ensemble ein. Das hatten Bernardo Bertolucci in „1900“, Michael Cimino in „Die durch die Hölle gehen“ und Sergio Leone in „Es war einmal in Amerika“ auch schon gemacht, und doch war es in diesen Filmen immer noch der wandlungs- und erregungsfähige De Niro selbst, der in Erinnerung blieb. So wie auch als Darsteller markanter Nebenrollen wie Al Capone in Brian De Palmas „Untouchables“ oder Louis Cyphre in Alan Parkers „Angel Heart“, beide von 1987.

In „Heat“ aber ist es nicht De Niros Feuer, das sich einbrennt, sondern seine Kälte, und dadurch wird nicht er, sondern das ganze Geschehen verwandelt. Das kulminiert in einer Szene, die aus permanentem Schuss und Gegenschuss mit der Kamera besteht, in der sich aber kaum eine Braue hebt: dem Gespräch zwischen dem Bankräuber (De Niro) und dem Polizisten (Al Pacino). Schon kurz nach Erscheinen des Films wurde dieser Dialog in der Fachzeitschrift „Sight & Sound“ als Klassiker seiner Gattung abgedruckt. Spielen, oder besser gesagt: herunterspielen und damit zugleich so hoch hinauf - so etwas konnte nur De Niro, und dass Pacino es hier auch vermochte, verdankte er ihm.

Seitdem hat Robert De Niro seine größte Wandlung durchgemacht, und auch sie beruhte nicht auf method acting. Der größte Filmschauspieler unserer Epoche, der am Samstag, dem 17. August, seinen siebzigsten Geburtstag feiert, ist so etwas wie das Lieblingsfeindbild der Kinoliebhaber geworden. Denn nach 1995 blieben weitere Geniestreiche aus, obwohl man einen bizarren Fantasy-Piraten wie in Matthew Vaughns „Sternenwanderern“ von 2007 erst einmal glaubwürdig machen muss. Und für seine Rolle als pessimistisch-cholerischer Vater in „Silver Linings“ wurde De Niro 2012, mehr als zwanzig Jahre nach seiner bis dato letzten Oscar-Nominierung für Scorseses „Cape Fear“, noch einmal in die engere Academy-Auswahl genommen. Er ging leer aus. Den Wechsel ins Komödienfach, den De Niro im Alter vollzogen hat, und damit auch den Hang zum Überspielen haben ihm seine früheren Fans nicht verziehen - und schon gar nicht jene Zuschauer, die ihm seinen Sonderstatus schon vorher missgönnt hatten.

Aber De Niro hat mehr fürs Kino getan als alle anderen Schauspieler seiner Generation außer Robert Redford. Beide etablierten wichtige Festivals, Redford das in Sundance, De Niro das von Tribeca. Beide sind Kopfmenschen bei der Planung ihrer Karrieren, aber Instinktschauspieler. Und beide sind dem Kino als Kunstform kompromisslos treu. Jemand wie Robert De Niro weiß, dass nur die große Leinwand einem Akteur wie ihm gerecht werden kann, der in dem, was er leistet, bigger than life ist. Von welchem anderen Schauspieler hätten wir so viele Szenen im Kopf?

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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