Romanisch reden

Und wie das funktioniert!

Von Angelika Overath
 - 19:55

Allegra! (eine Kurzform von „Dass Gott uns erfreue!“) lautet der Gruß im Engadin. Das Tal des jungen Inn mit seinen Seelandschaften und Schluchten ist die bekannteste Region Graubündens, des einzigen Kantons der Schweiz, in dem drei Sprachen gesprochen werden: Deutsch, Italienisch und Romanisch. Im Engadin, einer der höchsten bewohnten Regionen Europas, hört man gleich zwei der fünf bündnerromanischen Idiome: im Oberengadin Puter, im Unterengadin Vallader. Hier liegt, wenige Kilometer von Österreich entfernt und mit Blick auf die Berggipfel Italiens, das Dorf Sent, eine alte Hochburg der romanischen Sprache.

Die Zugdurchsage verkündet: „Fermada sün dumonda“ – Halt auf Verlangen. Wer aussteigen möchte, muss auf einen Knopf drücken. Doch Scuol-Tarasp ist ohnehin die Endstation. Mit dem Postauto fährt man an Wiesen entlang auf eine Sonnenterrasse hinauf: Sent Sala, Sent Plaz. Nun sind wir auf 1440 Metern und im Herzen des Vallader.

Ein Gesellschaftsspiel beginnt

Unter dem Motto „A Sent be rumantsch!“ (In Sent nur Romanisch!) wird dieses Dorf im November zum Klassenzimmer für vierzig internationale Sprachschüler. Sie interessieren sich für eine Kleinsprache, die mit ihren rätischen und keltischen Wurzeln älter ist als das Latein. Das Konzept der Woche verbindet einen immersiven Sprachkurs mit einem homestay (die Idee kam aus Amerika ins Tal). Vormittags findet in Zimmern des Gemeindehauses und im Pfarrhaus klassischer Sprachunterricht statt. Nachmittags gibt es Ausflüge oder Workshops, Treffen in der „Grotta da cultura“ (dem kleinen Veranstaltungsraum des Dorfes mit Bar), abends ein Konzert, einen Film.

Die Sprachschüler leben in Senter Familien, beim Schreiner, beim Lehrer, bei der schönen alten Schauspielerin oder der sechsköpfigen Bauernfamilie. Sie sitzen mit am Küchentisch, gehen in den Stall, lernen in der Arvenholzstube ihre Vokabeln. Und vermeiden jedes nichtromanische Wort. Denn wer sich auf „A Sent be rumantsch“ einlässt, muss feierlich schwören, in diesen Tagen ausschließlich Romanisch zu sprechen. Das gilt auch für Anfänger. Und ein Gesellschaftsspiel beginnt.

Sonntag, 6. November. Eine Schneenacht. Gegen 19 Uhr stapfen Senter Familien ins Gemeindehaus; angereiste Gäste kommen mit Taschen und Koffern. Im zweiten Stock vor dem Eingang in den großen Saal hat Cla, ein pensionierter Lehrer in sportlichen Funktionswanderhosen, schon einen Tisch mit Namensschildchen vorbereitet. Er kennt seine Sprachgäste; sie haben sich bei ihm über die Website von Sent angemeldet, und er hat mit ihnen übers Jahr hin korrespondiert. Sie wuchsen an seinen Rundmails, die er verschickte: erste Konjugationstabellen, kulturgeschichtliche Hinweise und Ankedoten, Neuigkeiten aus dem Dorf, die Karte mit den Namen der Berge, die man von Sent aus sehen kann. Gianna-Bettina, Lehrerin, und Cristina, Logopädin und Hauptorganisatorin der Gruppe, verteilen den Ansteckknopf mit dem Logo von „A Sent be rumantsch“. Während der Immersiv-Woche tragen die Senter den blauroten Sprechblasen-Button und geben sich als Teilnehmer des Spiels zu erkennen.

Mit dem Ombudsmann im Notfall auch deutsch

Die Dorfläden haben Plakate mit dem Logo an den Türen. Andri, Treuhänder und Präsident des Verwaltungsrats der Scuoler Bergbahnen, legt die Korkenzieher für den Apéro bereit. Er ist zuständig für die Finanzen und den Wein. Ida, eine Organistin, breitet auf dem Klavier die Noten für die Senter Hymne „Il cumün in silenzi“ (Das Dorf in der Stille) aus. Manfred, Literaturdozent, kein Muttersprachler, aber romanisch-schwäbelndes Mitglied des Organisationskomitees, bringt den Gong für die Sprachzeit-Zeremonie. Er ist der Ombudsmann. Mit ihm darf im Notfall deutsch gesprochen werden.

An den Wänden bilden sich Menschentrauben vor den Listen, auf denen steht, wer bei wem wohnen wird. Manche Familie sieht ihren Gast zum ersten Mal. Andere sitzen schon vertraut nebeneinander. Die Sprachschüler vergangener Jahre winken einander zu. Inger, eine pensionierte Stewardess aus Norwegen, entdeckt Doris, eine Sekretärin aus London, beide wedeln in Richtung Ulli, einer Zeitungsredakteurin aus Tübingen. Gut hundert Personen sind anwesend.

Cristina begrüßt alle, die sich auf das Wagnis der fremden Nähe einlassen. Es sei ein Abenteuer, eine bedrohte Sprache zu lernen. Noch etwa 60.000 Menschen sprechen Romanisch. Aber was heiße Bedrohung! Auch das Deutsche sei – im Unterschied zum Chinesischen etwa – in weiterer Zukunft seiner Existenz nicht allzu sicher. Es gelte die Gegenwart! Ida stellt die Lehrer vor. Es unterrichten die Senter Schwestern Madlaina und Corina, beide Bäuerinnen und Romanisch-Lehrerinnen, und diesmal macht auch Corinas Tochter Nataglia, eine Primarlehrerin, mit. Reto, der Vierte im Bund, ist Lehrer in Scuol. Manch einem wird jetzt bang.

Diese Sprache ist doch wie Musik

Scheu lächelt Hiroyuki, fünfzig Jahre alt, an der Seite von Anna, einer Schreinerin, die mit ihrem Mann, einem emeritierten Geologen der ETH Zürich, nach Sent gezogen ist; beide haben schon fließend Romanisch gelernt. Hiroyuki aber kommt von der Universität Osaka. Er interessiert sich für kleine Sprachen, die noch überleben. Er kenne romanische Literatur, sagt er leise, soweit sie ins Deutsche übersetzt sei. Aber er möchte sie im Original lesen. Natalie, 31, die jüngste Teilnehmerin, arbeitet in Zürich für eine Marketingfirma. Aber ihr Vater sei Engadiner. Sie wolle zu ihren Wurzeln zurück. Georges, sechzig, sagt, er möchte aus Respekt Romanisch lernen. Als Tscheche kam er nach der Niederschlagung des Prager Frühlings als Zwölfjähriger mit der Familie in die Schweiz, heute lebt er als Arzt in Zug und hat seit kurzem eine Ferienwohnung in Sent.

Verena, 72, spricht schon drei der Schweizer Landessprachen; Romanisch fehlt ihr noch. Und jetzt hat die Mutter zweier Buben und Großmutter zweier Enkel Zeit. „Soll ich in eine Migros-Klubschule gehen?“ Sie schüttelt den Kopf: Nein, sie wolle in eine Familie! Marc, 46, Physiker, ist mit einer Engadinerin verheiratet. Die beiden leben im Emmental, kommen aber seit fünf Jahren jede Winterferien nach Sent. Seine Frau spreche Vallader. Er höre diese Sprache so gern, das sei doch wie Musik. Sanna, 73, hat als Kind im Engadin Skifahren gelernt, schon immer wollte sie Romanisch lernen. Sie hat in der Haute Couture gearbeitet, sich mit 35 Jahren selbständig gemacht und mit fünfzig zu klettern begonnen. Seit einem knappen Jahr ist sie von ihrem Mann getrennt. „Ich bin das ganze Leben am Anfangen!“ Sie strahlt. „Ich kann kein Wort Romanisch und habe keine Ahnung, wie das funktionieren soll!“

Von „sieben“ an wird ihre Stimme leiser

Die Stunde des Spracheids ist gekommen. Gianna-Bettina und der Ombudsmann Manfred sitzen ernst mit den eidesstattlichen Erklärungen am Tisch und rufen Schüler und Gastfamilien einzeln auf. Auf einmal wird es still. Der Senter Romane Duri, Informatiker, und sein Gast Andreas, ein Schuldirektor aus Schleinikon bei Zürich, stehen auf, lächeln sich an und gehen nach vorn. Sie unterschreiben. Nesa, Handarbeitslehrerin, legt Sibyl, einer Übersetzerin, den Arm auf die Schulter und führt sie an den Tisch. Die beiden kennen sich noch nicht. Wer ist hier mutiger? Die Familie, die einen fremden Gast aufnimmt, oder der Gast, der sich mehr oder minder sprachlos einer neuen Gemeinschaft anvertraut? Und plötzlich wird klar, um was es auch geht. Man darf hier lernen wie ein Kind im Schutzraum einer Familie, eines Dorfes. Egal, wie alt man ist. Als Hiroyuki mit Anna vortritt, gibt es spontanen Applaus. Und der kinderkleine Professor lächelt bescheiden, so, als bitte er, seine Demut anzunehmen.

Ida beginnt einen Countdown und zählt auf Deutsch: „Zehn, neun, acht . . .“ Von „sieben“ an wird ihre Stimme leiser, und die romanische Stimme des Ombudsmannes setzt ein: „ses, tschinch, quatter, trais, duos, ün“. Bei „nolla“ schlägt Ida auf einen Gong, und die romanische Zeit hat begonnen. Alle singen zusammen „Cumün in silenzi“ (Cla hat Noten und Text vorab gemailt), und die Schüler gehen mit ihren Familien nach Hause.

Wellnesskur für das Gehirn

Das Wetter spielt mit, als wollte es eine eigene Werbung für die Romanischwoche 2016 inszenieren. Es gibt den engadinblauen Himmel und die Sonne, und dann wieder schneit es, als fielen Vokabeln vom Himmel, Sprachflocken, während man drinnen die ersten Sätze übt – „Quista bes-cha es ün chavagl“ (Dieses Tier ist ein Pferd) – oder schon Inversionen probiert wurden: „Eu chant; hoz chanta“ (Ich singe; heute singe ich). Beim Schlussfest stolpern die Schüler schon selbstverständlich durchs Romanische. Und Ida erklärt: „Sbagls han scharm“ (Fehler haben Charme). „Wir sind gleich Freunde geworden“, sagt Sanna. Sie hat bei dem Postauto-Chauffeur Oscar und seiner Frau Olga gewohnt. Gut, sie könne Italienisch und Französisch, das sei ein Vorteil beim Romanischlernen. Aber diese Woche sei so viel mehr als ein Sprachkurs!

Es gibt Bizocals, Fleisch und Fleischpastete, Salate, bunte Kuchen. Man tanzte zu Klarinette, Akkordeon und Kontrabass, liest Selbstgeschriebenes, spielt Theater. Bis die Gongzeremonie (in den romanischen Countdown bricht nun die deutsche Stimme ein) die romanische Zeit wieder beenden soll. Aber die Schüler zählen romanisch weiter.

Ulli, die Redakteurin aus Tübingen, sagt: „Ich hatte in der Schule Latein, und es ist wunderbar zu beobachten, wie wandelbar es ist. Wie im Vallader so lustige Umlaute auftauchen.“ Und es ist ein zweckfreies Lernen. Man braucht diese Sprache ja nicht. Sie ist ein Luxus, eine Wellnesskur für das Gehirn, man taucht tatsächlich ein. Das Zutrauen wächst, am Ende der Woche denkt man Sätze auf romanisch. Und der Kopf ist erholt. Und als bedrohte Sprache hat das Romanische etwas Verschworenes, etwas von einem Geheimbund.

Sprache ist etwas sehr Intimes

Aita, eine Senter Bäuerin, erzählt: „Die Kinder waren begeistert.“ Auf einmal wussten sie mehr als die Erwachsenen. Es war ein Rollenwechsel. Jetzt waren sie die Lehrer! Sie brachten ihre Bilderbücher und Fibeln und zeigten „Quist es üna brümbla“ (das ist eine Zwetschge). Es war sehr intensiv und auch lustig. Ihr Lexikon ist ganz zerfleddert. Sie haben begriffen, dass sie eine besondere Sprache sprechen. Und wir Erwachsenen konnten nicht mehr drum herumreden. Man spricht konzentriert, kommt mit dem wenigsten aus.

Cristina, die heimliche Präsidentin von „A Sent be rumantsch“, sagt: „Im November, in der absoluten Nebensaison, sind vierzig Personen, manche noch mit Partnern, in Sent! Sie wollen in unsere Kultur und Sprache eintauchen. Das macht das Dorf auch stolz. Wir sind ein kleiner, aber nicht mehr zu übersehender Faktor in der Tourismusbranche. Sprache ist ja etwas sehr Intimes.“ Cla erhält nach der Woche jedes Mal begeisterte Mails. Alle sind zufrieden. Sie kommen wieder, manche initiieren bei ihrer Gastgeberfamilie private immersive Wochen. Für Zweitwohnungsbesitzer ist „A Sent be rumantsch“ eine Chance, sich wie natürlich einzuleben. Und dem Dorf tut die Durchmischung gut. „Wir Senter sehen: Aha, so kann man auch denken! Wir bleiben offen. Und dann sprechen sie auch noch unsere Sprache! Sie gehören also zu uns.“

Seit 2014 finden die Romanischwochen nur noch alle zwei Jahre statt. Das Organisationskomitee wollte die Woche frisch halten und möglichen Müdigkeiten vorbeugen. Alle arbeiten mehr oder minder umsonst oder zu minimalem Honorar. Die Kursgebühren liegen bei 950 Franken, Unterricht, Unterrichtsmaterial, Wohnen, Vollpension und Veranstaltungen eingeschlossen. Die Möglichkeit, die Romanischwoche gewinnbringend zu professionalisieren, lehnt das Komitee ab.

Das alte Rätoromanisch ist flexibel. Das ist seine Chance. Die jungen Romanen im Tal mischen es mit Anglizismen und deutschen Wörtern. In Analogie zur Steigerungsform „bunischem“ (sehr gut) bilden sie „coolischem“ oder „geilischem“, oder sie konjugieren das englischdeutsche Wort „chillen“ romanisch: „Eu chill, tü chillast, ella chilla ...“ Und die meist in der Hotellerie arbeitenden portugiesischen Jugendlichen lernen leichter Puter oder Vallader als Deutsch und sprechen damit eine der vier Landessprachen. Das hilft ihnen bei der Einbürgerung. Und erneuert das Romanische. Aber auch die Senter Sprachschüler sind sprachschöpfend. Wer wüsste das besser als der alte Lehrer Cla? „Bütsch“ ist das romanische Wort für Kuss. Und jetzt schickt ihm Inger aus Norwegen zum Dank für die Woche ihre „Trollbütschs“.

Quelle: F.A.Z.
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