Rücktritt nach NRW-Wahlkampf

Aachen beugt vor

Von Jürgen Kaube
 - 16:30

Die Hochschulen sind autonom, hieß es zuletzt immer öfter. Die Ministerien führen nur noch die Rechtsaufsicht und weisen, nach Regeln, das Geld zu, alles andere - von den Berufungen bis zu den Studienordnungen - soll vor Ort entschieden werden.

Was wäre das Gegenteil von Autonomie? Abhängigkeiten gibt es immer, das kann es nicht sein. Also eher Sklaverei? Ein Sklave ist nach alter Auffassung, wessen Freiheitsgebrauch von einem Herrn abhängt. Es kann also durchaus jemand frei wirken und doch Sklave sein, wenn ihm die Freiheit nämlich nur erlaubt wird, die Erlaubnis aber jederzeit zurückgezogen werden kann.

„Vorauseilender Gehorsam“

Nun zu einem Beispiel, nach Aachen. An der dortigen Technischen Universität, der Rheinisch-Westfälischen (RWTH), hat gerade der Prorektor für Wirtschaft und Industrie, der Ingenieurwissenschaftler Günther Schuh, angekündigt, sein Amt zum 30. November aufzugeben; zwei Jahre früher als geplant. Schuh gehörte dem Schattenkabinett des CDU-Spitzenkandidaten bei der zurückliegenden Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, Norbert Röttgen, an. Unmittelbar nach der Wahl, so Schuh, habe ihn der Rektor der RWTH, Ernst Schmachtenberg, darauf hingewiesen, sein politisches Engagement könne zu Vorbehalten seitens der neuen Landesregierung führen. Sogar einen Rücktritt von seinem Amt als Geschäftsführer der Campus GmbH, einem Vermarktungsunternehmen der Universität, das einen Campus aus Forschungsinstituten und Technologieunternehmen organisiert, schloss Schuh gegenüber den „Aachener Nachrichten“ nicht aus, sollte es auch da Vorbehalte der Regierung gegen ihn geben. Dieser Zeitung gegenüber erklärte Schuh, zu seiner eigenen Überraschung schlössen sich offenbar politisches Engagement und eine Leitungsfunktion in der Hochschule aus.

Was aber ist das für eine Universität, was für ein Rektor, der hier ihre Heteronomie auf so offenkundige Weise unter Beweis stellt? „Vorauseilender Gehorsam“ wäre schließlich noch eine schwache Formulierung für diesen Vorgang. Wie empfindlich und nachtragend soll man sich die Wissenschaftsministerin des Landes vorstellen, wenn befürchtet wird, sie lasse es eine Hochschule spüren, wenn ein Prorektor auch Minister werden wollte? Oder werden wir hier nur Zeugen der institutionalisierten Paranoia, wie sie gerade an Exzellenz-Universitäten gar nicht so selten ist?

Die RWTH jedenfalls hat die erklärte Demission ihres Prorektors bislang nicht einmal einer Pressemitteilung für würdig befunden. Bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe erhielten wir von ihr auf unsere Frage, wie sich diese Entscheidung mit der Vorstellung von Hochschulautonomie vereinbaren lasse, keine Antwort. Aber das ist ja doch irgendwie auch eine.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
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