Russland inszeniert Geschichte

Propaganda für die Interessen des Staates

Von Kerstin Holm, Moskau
 - 14:19
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Im Informationszeitalter investieren immer mehr Regierungen Geld und Können in den globalen Informationskrieg und weniger in die Wissensausstattung ihrer Bürger. Das ist besonders offensichtlich in Russland, wo Bildungseinrichtungen eingespart, während mit großem Aufwand Netztrolle und Hasspropaganda produziert, aber auch ambitionierte, interaktive Erlebnisräume geschaffen werden, um der nachwachsenden Generation ein attraktives Bild ihrer Historie zu vermitteln. Speziell an Schülergruppen und Familien richtet sich der immersiv-multimediale Geschichtspark „Meine Geschichte“ (Moja istoria), den das Kulturministerium und das Patriarchat der Russisch Orthodoxen Kirche mit finanzieller Unterstützung durch Gasprom zunächst in Moskau und obendrein in sechzehn weiteren wichtigen Städten eingerichtet haben.

In der Hauptstadt ist „Meine Geschichte“ in einem Pavillon auf dem Ausstellungsgelände WDNCh untergebracht, wo einem auf viertausend Quadratmetern Russlands Vergangenheit von den heidnischen Anfängen bis zur Gegenwart in starken Bildern und griffigen Erzählungen nahegebracht wird. Die Schau ist gut besucht. Kinder begeistern sich für die 3D-Effekte in der Abteilung Raumfahrt. Junge Leute fläzen sich in einem von Ikonenprojektionen illuminierten Kuppelraum. Ältere studieren die Lightbox von Zar Iwan dem Schrecklichen, die sie belehrt, Iwans Terrorregime der Opritschnina sei im europäischen Vergleich keineswegs horrend gewesen. Außerdem sei nicht wahr, dass der gefürchtete Zar seinen Sohn umgebracht habe. Diese Version hat auch unlängst Präsident Putin für richtig erklärt.

Viele Intellektuelle und zumal Historiker sind entsetzt über den populären Geschichtspark, in den Millionen investiert werden. Auch Sergej Schurawljow, der stellvertretende Direktor des Instituts für Geschichte der Akademie der Wissenschaften, hat keine Illusionen darüber, dass „Meine Geschichte“ die Jugend nicht aufklären, sondern Propaganda für die Interessen des Staates machen soll.

Schurawljow, den wir in seinem leicht angestaubten Institutsgebäude treffen, erinnert daran, dass der Kulturminister Wladimir Medinski sich offen gegen die Geschichte als wissenschaftliche Disziplin ausgesprochen hat. Medinski hält eine „objektive“ Erforschung der Vergangenheit für wertlos, er betrachtet diese vielmehr als Reservoir für Mythen, wobei die richtigen Mythen Staat und Nation stärken. Schurawljow weiß aber auch, dass Medinski und auf Seiten der Kirche insbesondere Bischof Tichon, der als Putins Beichtvater gilt, das Geschichtsparkprojekt in jedem Fall weiter vorantreiben werden. Um den Schaden für die geschichtliche Wahrheit zu begrenzen, hat er sich daher als beratender Experte daran beteiligt.

Die Christenverfolgung der Bolschewiken

Dadurch habe er verhindern können, dass die Revolution von 1917 verschwörungstheoretisch als das Werk von Verrätern, Freimaurern und Agenten westlicher Interessen hingestellt wurde und nicht auch als Folge innerer Probleme, erklärt Schurawljow. Doch viele Vorschläge des Gelehrten, der einen internationalen Namen hat, bleiben unerhört. So lässt die Schau Ioann von Kronstadt, einen ultrakonservativen Priester aus der Zeit des letzten Zaren Nikolai II., den Monarchen allein wegen dessen Frömmigkeit zum gerechten Herrscher erklären und gibt die Schuld an der Revolte Bankiers, Anwälten, Höflingen, Reformern und der Presse. Dass der Geschichtspark Gewährsleute für die heutige Politik sucht, verdeutlicht die Figur des heiliggesprochenen Nowgoroder Fürsten Alexander Newski, der im dreizehnten Jahrhundert mit den tatarischen Besatzern kooperierte und den Deutschritterorden bekämpfte, weswegen ihn ein Ausspruch des Außenministers Lawrow zum Vorfahren „unserer multidimensionalen Außenpolitik“ erklärt. Patriarch Kyrill erklärt dazu, die religiös toleranten tatarischen Eroberer hätten es auf das Geld der Russen abgesehen, nicht jedoch auf ihre orthodoxen Seelen – für diese hätten vielmehr die Deutschritter mit ihrer päpstlichen Mission eine echte Gefahr dargestellt.

Anlässlich des Revolutionsjubiläums empfingen jetzt hohe Kleriker der Russisch Orthodoxen Kirche Abgesandte der Evangelischen Kirche in Deutschland, um über die Christenverfolgung der Bolschewiken damals und heute im Nahen Osten durch Islamisten zu diskutieren. Im eleganten Konferenzsaal des Danilow-Klosters beklagt der Leiter des Außenamts, Metropolit Illarion, dass im Nahen Osten, der „Wiege unseres Glaubens“, sowie in Nordafrika Christen im Namen Allahs, nicht zuletzt getrieben von ökonomischen Interessen, systematisch ausgemerzt würden. Die Bereitschaft der Christen, den Märtyrertod zu sterben, habe zur Ausbreitung ihres Glaubens beigetragen. Doch heute bedürften die verfolgten Christen neben humanitärer auch militärische Hilfe, mahnt Illarion und lobt insbesondere den russischen Armeeeinsatz in Syrien, infolgedessen die Terroristen fast besiegt seien und viele Christen zurückkehren und ihre befreiten Siedlungen – auch mit russischer Hilfe – wiederaufbauen könnten.

Der überirdische Gesang der Mönche

Illarion, der in Schulen und Hochschulen das Orthodoxe Christentum zum Pflichtfach machen und Studienaufenthalte russischer Kinder im Westen verbieten möchte, gilt in Russland als Feind der säkularen Bildung. Der nach Moskau gereiste Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm, erklärt, auch er verurteile militärische Gewalt nicht pauschal und lobt etwa die kurdischen Peschmerga-Kämpfer, die das assyrische Alqosh-Kloster vor dem IS gerettet hätten. Zugleich mahnt Bedford-Strohm, das christliche Liebesgebot erstrecke sich auf alle Menschen, und er bete für alle Opfer von Kriegshandlungen. Damit beantwortet der Geistliche auch den Vorwurf von Illarion, Europa nehme undifferenziert Migranten auf, die den Kontinent von innen ändern und seine christliche Identität zerstören wollten. Der Deutsche berichtet von positiven Erfahrungen mit muslimischen Einwanderern, die arbeiteten und respektiert würden. Zur Eindämmung der globalen Flüchtlingsströme hofft er auf die Bekämpfung von Fluchtursachen, insbesondere durch eine verantwortungsvolle Klimapolitik.

Die Moskauer Kirche setzt hingegen auf unbedingte Glaubenstreue. Im Sretenski-Kloster, dem Bischof Tichon als Abt vorsteht, wurde im Revolutionsgedenkjahr eine gigantische Kirche zu Ehren der Neumärtyrer geweiht. Das neben der Zentrale des Staatssicherheitsdienstes FSB an der Lubjanka gelegene Gotteshaus, in dessen Apsis von der Sowjetmacht getötete Christen als überlebensgroße Freskenheilige prangen, ist anderntags beim Vormittagsgottesdienst voll. Kinder Greise, Frauen, Männer, viele davon Angehörige der Elite, auch der Geheimdienste, lauschen dem überirdischen Gesang der Mönche. Immer wieder schlagen sie das Kreuz, verbeugen sich bis zum Boden und drücken die Stirn auf den polierten Marmorboden. Der Probst des Klosters hält eine Predigt über die Frage, ob ein Reicher in den Himmel komme. Sich unschuldig zu amüsieren, einem Obdachlosen kein Almosen zu geben, scheine nicht schlimm, sagt er. Schlimm sei aber, wenn der Mensch zerstreut sei, nicht auf sich achte, nicht an den Tod und die Rettung seiner Seele denke. Am Ende der Liturgie bildet sich vor dem Reliquienschrein des Neumärtyrers Illarion, der 1929 im GULag umkam, eine Schlange von Gläubigen, die seine Ikone küssen. Eine von ihnen ist die nach Italien ausgewanderte Geschäftsfrau Olga, die im Kloster bei einem geistlichen Vater oder „Starez“ Rat sucht. Olga will angesichts der italienischen Bildungsmisere und Genderpropaganda ihr Kind in eine russische Schule geben.

Nichts für schwache Nerven

Bei der gebildeten Jugend hat die Kirche freilich ein niedriges Ansehen. Chorsänger aus dem Moskauer Konservatorium, die in Kirchen musizieren, weil das gut bezahlt wird, schildern die Institution als zynisch und korrupt. Die Theaterwissenschaftlerin Anja Schuk, die eine Zeitlang Rat bei einem Geistlichen suchte und fand, meidet ihre Kirche, seit dort ein Priester predigte, man solle nie mehr andere Bücher lesen als die Bibel. Vollends entsetzt war Anja, als ein anderer Prediger erklärte, Frauen trunksüchtiger Männer sollten diese nicht beschimpfen, sondern sie vielmehr demütig akzeptieren und ihnen gehorchen. Denn das Verhältnis der Frau zum Gatten, so der Priester, sei wie das des Bürgers zum Staat: man müsse ihm gehorchen.

Zum Revolutionsjubiläum eröffnete das Kulturministerium in der Moskauer Manege eine Ausstellung über Russlands Zukunftsaussichten, die den Segen des Patriarchen trägt. Da das Kirchenoberhaupt erst kürzlich den Glauben an die unbegrenzten Möglichkeiten der Technik als Quasireligion bezeichnete, die zur Schaffung künstlicher Hirne und Körper führe und die menschliche Gemeinschaft zu zerstören drohe, waren viele auf die Schau gespannt. Umso mehr sind die Besuchswilligen empört, dass Polizisten, die sich auf den Willen der Ausstellungsmacher beriefen, sie nötigen, an Absperrungen vorbei einen Umweg bis zur nächsten Metrostation zu machen, so dass nur die Hartnäckigsten die Schau betreten.

Dort beschwören Multimedia-Installationen die Innovationskraft russischer Konzerne und die Naturressourcen des Landes, an einer IT-Station konferieren junge Computerspezialisten. Der Begrüßungsfilm, der die irdischen Zustände um 2050 bildmächtig extrapoliert, ist freilich nichts für schwache Nerven. Um die Jahrhundertmitte dürften demnach infolge der Erwärmung des Planeten etliche Länder im Meer versunken, große Anbauflächen erodiert sein, und während eine explodierende, überwiegend in Wohnsilos hausende Bevölkerung um Ressourcen kämpft, retten Reiche sich auf neue Inselstaaten. Die natürliche Fortpflanzung wird überwunden, intelligenter Staub kontrolliert radikal atomisierte Individuen, biotechnologisch optimierte Übermenschen betrachten die Menschheitsmehrheit als überflüssig. Aber wer will so etwas wirklich wissen?

Quelle: F.A.Z.
Kerstin Holm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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