Sensationelle Entdeckung in München

Der Fund im Panzerschrank

Von Julia Voss
© ZI für Kunstgeschichte, F.A.Z.
Ein Blick in den Tresor: Panofskys Maunskript liegt abgeheftet unten links

Vieles ging im Zweiten Weltkrieg verloren, aber nur einiges davon wurde zur Legende. Von Thomas Manns Romanmanuskript zu „Der Zauberberg“ sagt man, es sei nach Manns Emigration 1933 in die Hände der Gestapo gefallen. Es wurde nie wieder gesehen. Nie gefunden wurde auch Franz Marcs berühmtes Gemälde „Der Turm der Blauen Pferde“ von 1913, nachdem es aus der Ausstellung „Entartete Kunst“ entfernt wurde und in den Besitz Hermann Görings geriet. Und auch nach dem Manuskript von Erwin Panofsky, einem der bedeutendsten Kunsthistoriker des zwanzigsten Jahrhunderts, der 1933/34 Deutschland verlassen musste, wurde schon so lange vergeblich gesucht, dass es in der Erinnerung fast phantastische Züge annahm. Von Michelangelo soll das Manuskript gehandelt haben, auf dessen Grundlage der junge Panofsky 1926 in Hamburg zum Professor ernannt worden ist. Er erhielt den Lehrstuhl.

Doch veröffentlicht hat Panofsky dieses Manuskript nicht, es erschien nie als Buch. Abenteuerliche Theorien kursierten, warum es verschwunden sei. Es hieß, es sei bei der Bombardierung Hamburgs 1943/44 vernichtet worden. Eine andere These lautete, Panofsky habe das Manuskript selbst auseinandergeschnitten, um Teile davon in Aufsätzen zu verarbeiten. Kopiermaschinen gab es nicht, das Original wäre damit als Puzzle in die Welt gegangen.

Kein Schicksal, kein Zufall - sondern Absicht

Eine aber hat nie aufgehört zu suchen: Gerda Panofsky, die zweite Frau Erwin Panofsky. Die Kunsthistorikerin, die Panofsky 1966 heiratete, unternahm noch im Juni dieses Jahres den erneuten Versuch, die Habilitationsschrift ihres Mannes zu finden. Was sie nicht wusste, nicht wissen konnte, war, dass sie, wie alle zuvor am falschen Ort suchte. In Hamburg vermutete Gerda Panofsky das Manuskript. In Hamburg hatte Panofsky 1920 die Habilitation eingereicht, in Hamburg lehrte er bis 1933. Nur: Das verloren geglaubte Manuskript lag seit mehr als sechzig Jahren in München. Fest verschlossen in einem Panzerschrank der NSDAP.

Wie kommt das Manuskript eines jüdischen Emigranten in einen Panzerschrank der NSDAP? Gefunden wurde es dort, und auch das hat auf den ersten Blick fast sagenhafte Züge, von jemanden, der nie danach suchte. Wie Parzival die Gralsburg in der Sage nur entdecken kann, wenn er nicht danach sucht, so unverhofft stieß auch der Kunsthistoriker Stephan Klingen in München auf das Manuskript. Damit endet alles Märchenhafte. Denn dass diese Schrift bisher nicht gefunden wurde, war kein Schicksal, nicht einmal Zufall. Es war Absicht. Wie kam das Manuskript also nach München? Hätte man es früher wissen können? Vielleicht.

Der Lehrer: Erwin Panofsky
© getty, F.A.Z.
Der Lehrer: Erwin Panofsky

Im Rückblick scheinen die Spuren so offensichtlich, als ob sie von demjenigen, der die Habilitationsschrift über Jahrzehnte versteckte und hütete, bis er 1978 starb, absichtsvoll ausgelegt worden, als wünschte er sich, dass ihn eines Tages jemand von seinem Besitz, der ihm zur Bürde geworden sein muss, befreite. Erwin Panofsky heißt der Autor. Derjenige aber, der die Arbeit die längste Zeit besaß, hieß Ludwig Heinrich Heydenreich. Von 1946 bis 1970 leitete er das Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte, in dessen Keller das Manuskript gefunden wurde.

Eine große Lücke wird geschlossen

Insofern gibt es zwei Geschichten, die hier zum ersten Mal rekonstruiert werden: Die eine über das späte Glück dieses herausragenden Fundes. Der Titel der Schrift lautet: „Die Gestaltungsprinzipien Michelangelos, besonders in ihrem Verhältnis zu denen Raffaels“. Wolfgang Augustyn, der stellvertretende Direktor des Zentralinstituts für Kunstgeschichte und Vorsitzende des deutschen Vereins für Kunstwissenschaft zählt „die jahrzehntelang verloren geglaubte Habilitationsschrift von Erwin Panofsky zu den Mythen unseres Faches“. Der unerwartete Fund schließe „eine große Lücke in der Geschichte der europäischen Kunstgeschichte“. Das ist die Geschichte von ihrem glücklichen Ende her gesehen.

Die andere Geschichte aber, die Nachtseite dieses Kapitels deutscher Geistesgeschichte, handelt von zwei Männern, die sich in den zwanziger Jahren als Kunsthistoriker in Deutschland kennen und schätzen lernten, bis der Nationalsozialismus den einen zum Emigranten machte, den anderen aber zu einem Forscher im Dienst des Deutschen Reichs. Panofsky und Heydenreich heißen die Protagonisten, und die Lüge, die nun aufgedeckt wurde, hätte Panofsky wie ein Albtraum erscheinen müssen.

Hatte Panofsky je einen Verdacht? Zweifelte er an Heydenreich, der ihn, wie wir jetzt wissen, jahrzehntelang belog? Nicht eine Sekunde. Als Erwin Panofsky als jüdischer Emigrant Deutschland im Sommer 1934 verließ, schloss er mit dem Land, in dem er geboren wurde, ab. Er wurde Professor am Institute for Advanced Studies in Princeton, er lehrte und schrieb von nun an nicht mehr auf Deutsch, sondern auf Englisch. In einer berühmten Formulierung sagte er später, er sei nicht aus dem Paradies vertrieben worden, sondern „ins Paradies“. Zu seinen Kollegen in Princeton zählte Albert Einstein, auch er ein jüdischer Emigrant.

Panofskys Haltung gegenüber den Kollegen, die sich mit den Nationalsozialisten arrangierten, war immer eindeutig. Er brach den Kontakt ab. Es ist eine der hässlichsten Begebenheiten der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte, dass der Orden „Pour le Mérite“, den Panofsky 1967 in München erhielt, ausgerechnet von Percy Ernst Schramm überreicht wurde. Schramm war einer der Herausgeber der Neuauflage von „Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier 1941-1942“. Panofsky nannte ihn verächtlich den „Thukydides von Hitler“. Gerda Panofsky schrieb kürzlich, Schramm hätte wie Plinius beim Ausbruch des Vesuvs dabei sein wollen. Allerdings habe Plinius den Tod dabei gefunden, Schramm nicht. Im Gegenteil. Die Bundesrepublik verlieh ihm die größten Ehren. Eingefädelt hatte die Preisverleihung unter anderen Heydenreich.

Der Schüler: Ludwig Heynrich Heidenreich
© Archiv, F.A.Z.
Der Schüler: Ludwig Heynrich Heidenreich

Der Welterfolg von Panofsky misst sich an einem paradoxen Phänomen: Die „Ikonologie“, die kunsthistorische Methode, die er mitbegründet hatte, gilt heute so selbstverständlich als Grundlage jeder Kunstbetrachtung, dass man diesen Zugang nicht mehr für eine Theorie hält. Sie ist eine Tatsache, ein Gesetz. Panofsky schrieb über Dürer, über Michelangelo, über die Renaissance, die niederländische Malerei, über das Kino oder auch über Galileo Galilei. Er war es, dem wir verdanken, dass heute jeder Kunsthistoriker ein Kunstwerk im Kontext seiner Zeit zu sehen versucht, seinen Inhalt zu Philosophie, Geschichte, Religion und Weltanschauung in Beziehung setzt.

Das Manuskript umfasst ...
© ZI für Kunstgeschichte, F.A.Z.
Das Manuskript umfasst ...

Das Foto verdient ebenfalls eine ikonologische Betrachtung in Panofskys Sinne. Vereint darauf sind Panofsky und Heydenreich 1967 in München. Es zeigt also den Autor des wiedergefundenen Manuskriptes und, wenn man so will, dessen Dieb. Denn wie soll man jemanden nennen, der etwas jahrzehntelang behält, den rechtmäßigen Besitzer kennt, ihn trifft, ohne ihm davon zu erzählen? Die im Freitagsfeuilleton der F.A.Z. abgedruckten Interviews leisten einen ersten Beitrag dazu, den Kontext dieser ungeheuerlichen Begegnung in München und Heydenreichs Motiv, den Grund seines Schweigens, zu rekonstruieren. Wollte er nicht als Dieb gelten? Hatte er ein schlechtes Gewissen? Bald wird das fragile Manuskript auch öffentlich zugänglich sein. Es wird durch Gerda Panofsky ediert und soll als Buch erscheinen. Geplant ist eine Tagung am Zentralinstitut für Kunstgeschichte.

In einem Brief an den jüdischen Kunsthistoriker Meyer Schapiro zählt Panofsky seinen ehemaligen Schüler nach 1945 zu den „entirely reliable persons“. Er vertraute Heydenreich vollkommen.

... 334 Seiten, es ist zur Hälfte maschinengeschrieben, ...
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... 334 Seiten, es ist zur Hälfte maschinengeschrieben, ...

Lehrer und Schüler

Panofskys Manuskript befand sich im Panzerschrank zusammen mit dem Nachlass von Ludwig Heinrich Heydenreich, geboren 1903. Er war ein Schüler Panofskys und übernahm 1934 die Geschäftsleitung des Hamburger kunsthistorischen Seminars. Von 1943 an leitete er das Kunsthistorische Institut in Florenz und arbeitete für den militärischen Kunstschutz. 1946 wurde er zum Gründungsdirektor des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München. Er forschte über Leonardo da Vinci. 1978 starb er.

Erwin Panofsky wurde 1892 in Hannover geboren. Er studierte in Freiburg, München und Berlin. Von 1921 an lehrte er Kunstgeschichte an der Hamburger Universität, 1926 wurde er Professor. 1933/34 emigrierte er in die Vereinigten Staaten und wurde Professor am Institute for Advanced Studies in Princeton. Er veröffentlichte bahnbrechende Werke, auf Deutsch und Englisch, darunter „Die Perspektive als symbolische Form“ (1927), „Studies in Iconology“ (1939) oder „Early Netherlandish Paintings“ (1953). Panofsky starb 1968.

Die F.A.Z.-Interviews mit Gerda Panofsky und Stephan Klingen - dem Finder des Manuskripts -  werden am Samstag, den 1. September, auf faz.net veröffentlicht.

Quelle: F.A.Z.
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