Kolumne „Silicon Demokratie“

Bonität übers Handy

Von Evgeny Morozov
 - 10:18

Von den vielen vollmundigen Versprechungen, die im Zusammenhang mit Big Data gemacht werden, klingt eine immerhin plausibel - dass Millionen von Menschen Zugang zu Krediten erhalten, die ihnen gegenwärtig verwehrt sind. Welchen Preis werden diese neuen Schuldner aber in puncto Privatsphäre und Willensfreiheit bezahlen müssen, von den exorbitanten Zinsen ganz zu schweigen? In Ermangelung zuverlässiger Kreditdaten neigten Banken bislang dazu, Antragsteller ohne Bonitätsnachweis als hochriskant einzustufen. Das bedeutete, dass ihnen entweder extrem teure Darlehen angeboten oder ihre Anträge schlicht abgelehnt wurden.

Dank der Popularität von sozialen Medien und Smartphones schwimmt Silicon Valley geradezu in Daten. Das meiste hat auf den ersten Blick nichts mit der Finanzwelt zu tun, aber einiges kann sehr wohl herangezogen werden, wenn es etwa um Prognosen über Lebensstil und Sozialverhalten von Nutzern geht. Eine neue Generation von Unternehmen nutzt diese gigantische Datenmenge, um mit Hilfe von Algorithmen zuverlässige von potentiell weniger zuverlässigen Schuldnern zu unterscheiden und die Darlehenskosten entsprechend zu gestalten.

Manche - etwa das in Hongkong ansässige Unternehmen Lenddo, das gegenwärtig auf den Philippinen und in Kolumbien tätig ist - überprüfen dazu die Aktivitäten der Antragsteller auf Facebook und Twitter. Wer von Lenddo einen Kredit erhalten will, sollte in den sozialen Netzwerken mit einer Handvoll vertrauenswürdiger Personen verbunden sein.

Soziale Medien sind die Spitze des Eisbergs

Wenn diese für ihn bürgen und er das Darlehen bekommt, werden sie ebenfalls Updates über den Tilgungsverlauf erhalten (in der Vergangenheit drohte Lenddo sogar damit, bei Rückzahlungsschwierigkeiten die Freunde zu benachrichtigen, also maximalen Druck auf die Peergroup auszuüben).

Auch das amerikanische Unternehmen LendUp, das Überbrückungskredite zu hohen Zinssätzen vergibt, seinen Kunden aber längerfristig attraktivere Paketlösungen in Aussicht stellt, schaut sich deren Aktivitäten in sozialen Netzwerken an, um sicherzugehen, dass die auf dem Online-Antrag angegebenen Informationen zu dem passen, was Facebook und Twitter verraten. Soziale Medien sind aber nur die Spitze des Eisbergs. Wonga, ein in London ansässiges Online-Kreditunternehmen, prüft sogar, zu welcher Tageszeit und in welcher Weise ein Antragsteller sich auf der Website bewegt (zwei Drittel aller Erstanträge werden abgewiesen).

Das Hamburger Unternehmen Kreditech, das „Scoring als Dienstleistung“ anbietet, stützt sich auf 8.000 Indikatoren, wie etwa „ortsbezogene Daten (GPS, mikro-geographisch), Social Graphs (Likes, Freunde, Locations, Posts), Verhaltensanalysen ( (Bewegen und Verweildauer auf der Website), Online-Shoppingverhalten sowie Gerätedaten (installierte Apps, Betriebssysteme)“.

Google und Facebook werden als Vorbilder gepriesen

Wer kein Smartphone und keinen Twitter-Account hat, muss aber nicht verzweifeln. Ein simples Handy tut es auch. Safaricom, der größte Mobilfunkanbieter in Kenia, untersucht, wie oft Kunden ihre SIM-Karte aufladen, wie oft sie den Sprachspeicher und die Bezahlfunktion ihres Handys nutzen. Sobald ihre Kreditwürdigkeit feststeht, tritt Safaricom als Bank auf den Plan und leiht ihnen Geld. Aber nicht nur Mobilfunkanbieter sind hier aktiv. Das amerikanische Start-up-Unternehmen Cignifi ermittelt die Bonität von Darlehensnehmern in Entwicklungsländern anhand der Dauer und der Tageszeit der Telefonate und des Standorts der Anrufer.

All diese Start-ups wollen möglichst viele Daten verarbeiten, vielleicht sogar potentielle Kunden dazu bringen, schon im Voraus möglichst viele persönliche Daten preiszugeben. Es gehört zu den Eigentümlichkeiten unserer Zeit, dass Reiche viel Geld für Dienstleistungen ausgeben, die ihre Privatsphäre schützen und ihnen zu einem besseren Status in den Suchergebnissen von Google verhelfen, während den Armen nichts anderes übrigbleibt, als im Namen der sozialen Mobilität auf ihre Privatsphäre zu verzichten.

Google und Facebook werden in dieser Branche gern als Vorbilder gepriesen. Douglas Merill, der vormalige Chief Information Officer von Google und Mitbegründer von ZestFinance, einem Startup, das mit Hilfe von Big Data Bonitätsinformationen liefert, stellte in der „New York Times“ kürzlich fest: „Für uns sind alle Daten Kreditdaten, wir wissen nur noch nicht, wie sie dafür zu nutzen sind. Das haben wir bei Google gelernt. Bei einer Website war nicht nur der Inhalt interessant, sondern auch die Grammatik und die typographische Gestaltung und die Frage, wann die Seite eingerichtet oder zuletzt bearbeitet wurde. Alles.“

Zu diesem Zweck zieht ZestFinance 70.000 Indikatoren heran und speist sie in zehn separate Rechenmodelle zur Risikoberechnung ein. Die Ergebnisse werden dann in Millisekunden verglichen und auf diese Weise Risikoprofile von Antragstellern generiert. Das klingt alles ganz schön, und einige dieser Start-ups werden möglicherweise von sozialen Unternehmern geführt, die den Zugang zu Krediten erleichtern wollen. Allerdings ist die Branche nicht unumstritten. Online-Kreditanbietern wie Wonga wird vorgeworfen, in Kinder-Apps Werbung zu machen, Studenten gezielt mit unseriösen Angeboten zu locken und einflussreiche Politiker anzuwerben, die dem Unternehmen angesichts wachsender staatlicher Aufsicht nützlich sein sollen.

Was passiert aber, wenn Kreditdaten vor allem als Marketingdaten genutzt werden? Angesichts der Fülle von Informationen, die diese Unternehmen haben, liegt die Versuchung nahe, dass sie ihren Kunden weitere Kredite andrehen oder sie womöglich dazu verleiten, bei diesem oder jenem Online-Händler einzukaufen. So hat Wonga kürzlich eine Vereinbarung mit einem Möbelhändler geschlossen, wonach Kunden die Option haben, die gekauften Artikel in Raten zu bezahlen - zu extrem hohen Zinsen.

Und weil diese Unternehmen so viel über ihre Kunden wissen, können sie die Kunst der versteckten Überredung und Manipulation in einer Weise vervollkommnen, von der der stationäre Einzelhandel nur träumen kann. LendUp, zu dessen Gründern ein ehemaliger Manager beim Online-Spielegiganten Zynga zählt, belohnt Kunden, die ihre Kredite pünktlich zurückzahlen. Ob das Unternehmen diese Methoden auch einsetzt, damit die Leute sich öfter Geld leihen?

Unternehmergier, versteckt hinter cyberutopischem Blabla

Dieser Aspekt wird von vielen Branchenakteuren abgetan. Der Gründer von Wonga erklärte im letzten Jahr im „Jewish Chronicle“, dass man die Leute keineswegs dazu bringen wolle, Geld zu leihen, das sie nicht brauchten. „Unsere Kunden haben ein Liquiditätsproblem, für das sie eine Lösung suchen. Wir drängen sie nicht, Kredite aufzunehmen, die sie nicht benötigen. Wenn man im Internet nicht nach etwas sucht, wird einem in der Regel auch nichts verkauft. Es ist nicht zu vergleichen mit dem Vertreter, der vor der Haustür steht und einem etwas verkaufen will, was man vielleicht benötigt oder auch nicht.“

Die Behauptung, uns würden keine Dinge verkauft, die wir nicht brauchen, ist schon sehr verwegen - oder kurzsichtig (ich sage nur: Amazon). Das gilt besonders für Firmen, die mehr über uns wissen als unsere Familienangehörigen und Geld damit verdienen, dass sie uns, nun ja, dazu bringen, einen Kredit aufzunehmen und irgendwelches Zeug zu kaufen. Ist das nur die übliche Naivität von Silicon Valley? Oder nicht doch klassische Unternehmergier, versteckt hinter cyberutopischem Blabla?

Es ist höchste Zeit, dafür zu sorgen, dass der Einsatz von Big Data zu Bonitätsprüfungen nicht mit Werbung für neue Finanzprodukte kombiniert werden darf. Millionen Kunden, die bislang als nicht kreditwürdig galten, Zugang zu Krediten zu ermöglichen, ist ein nobles Ziel - nicht aber, sie in die Kreditfalle zu locken.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Quelle: F.A.Z.
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