Kolumne „Silicon Demokratie“

Die Ausspionierten

Von Evgeny Morozov
 - 22:24

Universitäten und Schulen scheint eine strahlende Zukunft bevorzustehen. Sogenannte „Massive Online Open Courses“ sind in aller Munde. Firmen wie Coursera und Udacity und Initiativen wie edX (ein von Harvard und MIT initiiertes Projekt) bieten bereits Tausende von kostenlosen Vorlesungen an - mancher Student könnte vermutlich einen Schein bekommen, ohne jemals einen Hörsaal betreten zu haben.

Die Beliebtheit dieser Online-Lehrveranstaltungen rührt daher, dass zu den Millionen Texten und YouTube-Clips, die ohnehin schon im Internet zirkulieren, nunmehr Unmengen professionell gemachter Inhalte hinzukommen. So verringert sich auch das Risiko, auf YouTube einen Vortrag zu verfolgen und am Ende festzustellen zu müssen, dass der Dozent ein unseriöser Spinner ist. Bei aller Konzentration auf die Inhalte darf aber die andere Seite der zunehmenden Digitalisierung des Unterrichts nicht übersehen werden. Es geht schließlich nicht nur um Inhalte, denn die Infrastruktur des Lernens verändert sich ebenfalls, und auf dieser (weitgehend verborgenen) Ebene sind die Auswirkungen der Digitalisierung nicht ganz so offensichtlich.

Das Lehrbuch als Spion

Nehmen wir nur CourseSmart, den unangefochtenen Branchenführer bei Lehrbüchern und Unterrichtsmaterial in digitalisierter Form. Dieses Unternehmen, 2007 von Pearson und McGraw-Hill Education und anderen Verlagsgiganten gegründet, hat über zwanzigtausend elektronische Lehrbücher im Angebot, das sind etwa 90 Prozent aller in Nordamerika verwendeten Lehrbücher. Diese Texte können online und offline am Computer, auf Tablets oder Smartphones gelesen werden. CourseSmart verfolgt globale Ambitionen. Wie kürzlich bekanntgegeben wurde, expandiert das Unternehmen in den Nahen Osten und nach Afrika, so dass seine Produkte auch in Ländern wie Saudi-Arabien und Zimbabwe erhältlich sind.

Anfang November wurde seine jüngste Innovation namens CourseSmart Analytics vorgestellt, ein Trackingsystem, mit dessen Hilfe verfolgt werden kann, wie lange sich Studenten auf jeder Seite eines elektronischen Buchs aufhalten, welche Kapitel sie überspringen, welche Passagen ihnen Mühe bereiten und so weiter. Aus all diesen Informationen wird für jeden Studenten ein „Engagement Score“ ermittelt, den Dozenten abrufen können. Die nächste Version des Systems wird über ein spezielles Dashboard verfügen, mit dem Verleger die Interaktion zwischen Student und Lehrbuch nachverfolgen können.

Für eine Prognose, ob sich dieses neue Instrument durchsetzen wird, ist es noch zu früh, aber drei amerikanische Universitäten haben sich bereits als Versuchskaninchen zur Verfügung gestellt. Die Idee ist nicht völlig abwegig, sondern im Grunde ganz vernünftig. Immerhin könnten Dozenten mit Hilfe dieses Features erkennen, wo Lehrbücher Schwierigkeiten bereiten, und Verlage könnten die betreffenden Passagen verständlicher präsentieren.

Der passive Widerstand des Lesers

Allerdings hat das Projekt etwas Gespenstisches. Stellen wir uns eine Lehrveranstaltung vor, deren Teilnehmer sich mit George Orwells „Neunzehnhundertvierundachtzig“ beschäftigen, und zwar unter Verwendung elektronischer Lehrbücher, die sie bei der Lektüre ausspionieren. Oder nehmen wir Studenten, die solche „intelligenten“ Lehrbücher in einem Seminar über die Geschichte des sowjetischen Überwachungsapparats verwenden.

Von dieser Absurdität einmal abgesehen, stellt sich aber die Frage, inwieweit solche spionierenden Lehrbücher die Herausbildung kritischen Denkens beeinflussen. „Kritisch“ heißt ja auch, die Qualität unterschiedlicher Texte erkennen zu können, sich mitunter gegen vorherrschende Strömungen zu stellen und nicht bereit zu sein, gewisse Pflichttexte zu lesen. Studenten, die sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts weigerten, eine Eugenikvorlesung zu besuchen, mögen gegen die akademische Ordnung verstoßen haben, mangelndes Interesse wird man ihnen kaum vorwerfen können.

Nicht jeder ist so aufmüpfig und selbstbewusst, dass er sich offen weigert, anstößige oder ausgesprochen langweilige Lehrbücher zu lesen. Manchmal ist der Widerstand passiv und weniger heroisch. Lehrbücher, die das Leseverhalten ausspionieren, werden die Studenten nicht auf magische Weise dazu bringen, den Stoff zu lesen (solange die Augenbewegungen nicht von eingebauten Systemen überwacht werden, kann man einfach umblättern, ohne die Seite gelesen zu haben), aber sie machen passiven Widerstand etwas schwerer.

Kein Mangel an quantifizierten Lernzielen

Dass mit Hilfe von Nutzerdaten ein Engagement Score ermittelt wird, könnte auch den gegenteiligen Effekt haben. Manche Studenten sind mit dem Stoff vielleicht schon vertraut, müssen also nicht den ganzen Abschnitt lesen. Ihr Engagement Score wäre niedrig, aber das würde nichts über ihren Kenntnisstand sagen. Sobald Schulen und Prüfungsbehörden den Engagement Score als Beurteilungskriterium heranziehen, werden alle versucht sein, das System zu überlisten - beispielsweise die elektronischen Seiten möglichst oft aufschlagen. Das würde zu einem besseren Engagement Score führen, aber nichts über die Qualität des Unterrichts verraten. Woran immer unsere modernen Schulen kranken - ein Mangel an quantifizierten Lernzielen ist es jedenfalls nicht.

Vorstellbar ist auch, dass Staaten - nehmen wir nur Saudi-Arabien oder Zimbabwe - sehr gern wissen wollen, welche Abschnitte in Geschichtslehrbüchern die Studenten besonders langweilig oder interessant finden. Werden die Behörden ebenfalls ihr spezielles Dashboard bekommen, so wie Verlage und Lehrer?

Lieber nichts Subversives lesen

Aber selbst in Demokratien muss gefragt werden, was mit den ganzen Daten geschieht, die die Studenten generieren - Klicks, Unterstreichungen, Umblättergeschwindigkeit. Diese Daten mögen banal scheinen, aber in Kombination mit anderen Daten - etwa Facebook-Freunden oder Google-Suchanfragen - können sie für Werbekunden und potentielle Arbeitgeber ausgesprochen wertvoll sein.

Auch hier besteht das Risiko, dass elektronische Lehrbücher - genauer gesagt, die Infrastruktur der Wissensvermittlung - zu mehr Konformität führen. Wenn damit zu rechnen ist, dass die individuellen Lesegewohnheiten in einer persönlichen Online-Akte verzeichnet werden (die potentielle Arbeitgeber sich nach dem Bewerbungsgespräch ansehen), werden Studenten es sich vermutlich zweimal überlegen, ob sie etwas Subversives oder nicht doch etwas Konventionelles lesen.

Und das gilt nicht nur für Firmen wie CourseSmart mit ihren virtuellen Lehrbüchern am Ende der Lieferkette. Es gilt auch, sogar noch mehr, für Amazon, Apple und Co., die die Geräte produzieren, auf denen die digitalen Lehrbücher gelesen werden, die oft von ebendenselben Unternehmen auf den Markt gebracht werden.

So wird es keinen zweiten Einstein geben

Diese großen Technologieunternehmen beeinflussen nicht nur, was Studenten lernen, sondern auch, wie sie lernen. Amazon beispielsweise hat kürzlich eine neue Plattform namens Whispercast vorgestellt, die es Schulen ermöglicht, die Funktionalität der von den Schülern verwendeten Kindles einzuschränken oder in Teilen zu blockieren. Man kann etwa den Zugang zu sozialen Netzwerken einschränken oder die Internetverbindung komplett sperren. Man kann auch beliebig viele Features des Kindles blockieren, weil sie angeblich ablenken.

All das mag kurzfristig sinnvoll sein, aber es spricht einiges dafür, dass Studenten und Schüler, die Nutznießer des „digitalen Zeitalters“, den Machtkampf mit Lehrern und Aufsichtsbehörden am Ende verlieren werden. Rasch auf dem iPad irgendetwas nachschlagen, ein unbekanntes Wort etwa oder eine historische Gestalt - damit könnte es bald vorbei sein.

Dann wäre eventuell das Ablenkungsproblem gelöst, aber man würde auch die Entwicklung von interaktiven, differenzierten Lernmethoden behindern, die, vernünftig eingesetzt, die Neugier der besten, aber schwierigsten Schüler befriedigen. Massiv kontrollierte E-Lehrbücher und E-Lesegeräte werden uns keinen zweiten Einstein bescheren.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Quelle: F.A.Z.
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