Kolumne „Silicon Demokratie“

Kontrolle durch Konkurrenz

Von Evgeny Morozov
 - 16:21

Suchen ohne Google ist wie soziales Netzwerken ohne Facebook - unvorstellbar. Fabelhafte Algorithmen und fähige Mitarbeiter erklären aber nur zum Teil, warum diese beiden Unternehmen auf ihrem Gebiet marktbeherrschend sind. Der wahre Grund ist der, dass Google und Facebook schon sehr früh präsent waren, massenhaft Nutzerdaten gehortet haben und diese nun aggressiv vermarkten. Auf diese Weise können sie Dienste anbieten, mit denen datenärmere Rivalen nicht aufwarten können, und sei ihr Geschäftsmodell noch so innovativ.

Nehmen wir nur die personalisierte Suche bei Google oder Graph Search bei Facebook. Beide Features sind mühelos zu kopieren - doch erst die Nutzerdaten machen sie einzigartig. So zeigt Google bei den Suchergebnissen an, welche Links unsere „Freunde“ empfohlen haben. Und bei Facebook können wir via Graph Search die Weisheiten all unserer Freunde und Freundesfreunde abrufen.

Facebooks Social Graph als öffentliches Gut

Beide Unternehmen haben unser „Social Graph“, also die Abbildung unseres sozialen Beziehungsnetzes, erfolgreich ausgebaut und monetarisiert. Es sind kleine Dinge wie der Social Graph, die erklären, warum selbst eine bessere, innovativere Suchmaschine oder ein soziales Netzwerk, das die Privatsphäre schützt, es kaum mit Google oder Facebook aufnehmen kann. Solange die beherrschende Stellung dieser Unternehmen sich auf Massen von Nutzerdaten stützt, haben Konkurrenten keine Chance.

Würden wir unsere Dateninfrastruktur komplett neu aufbauen, würde uns rasch klar, dass das gegenwärtige System für Konkurrenz ganz schlecht ist. Wie könnte man anders verfahren? Eine Möglichkeit wäre, den Social Graph als eine Art öffentliche Einrichtung zu betreiben, bei der gesetzlich geregelt ist, dass alle Unternehmen gleichberechtigten Zugang zu diesen entscheidenden Informationen haben. Viele unserer sozialen Kontakte sind älter als Google und Facebook (und werden sie womöglich überdauern). Diese Unternehmen haben unser Beziehungsnetz bestens erfasst - was uns nicht davon abhalten sollte, über andere Wege des Erfassens und Zugänglichmachens nachzudenken.

Mehr Chancengleichheit durch Datenfreiheit

So könnten Staaten, statt Steuergelder in die Entwicklung besserer Suchmaschinen zu stecken (was einige europäische Politiker versucht und rasch aufgegeben haben), für möglichst große Chancengleichheit auf diesem Gebiet sorgen. Bessere Suchmaschinen und bessere soziale Netzwerke könnten sich dann aus eigener Kraft am Markt durchsetzen, auch ohne staatlichen Beistand.

Dieses Projekt hätte noch viele andere Vorteile. So könnte der Gesetzgeber weitaus wirksamer überwachen, wie Nutzerdaten gesammelt und Dritten zugänglich gemacht werden. Diese Daten ließen sich so anonymisieren, dass bessere personalisierte Dienste angeboten werden können, ohne dass die Privatsphäre der Nutzer gefährdet würde. Die Sorgen vor dem „Filterbubble“ sind übertrieben. Personalisierung ist nicht grundsätzlich schlecht - es sind die dabei entstehenden Datenspuren, die uns Kopfzerbrechen bereiten sollten.

Die NSA hat es vorgemacht

Noch vor wenigen Monaten hätte man dies für einen sinnvollen, aber letztlich weltfremden Vorschlag gehalten. Es besteht ja bedauerlicherweise wenig Interesse, unsere globale Dateninfrastruktur umzubauen oder neue Formen sich auch nur vorzustellen. Bedenken wir nur, welcher Aufwand nötig wäre, um all diese Informationen zu sammeln und in leicht nutzbarer Weise zu organisieren. Wer würde ein solches Vorhaben finanzieren?

Nachdem Edward Snowden die flächendeckenden Überwachungsoperationen der NSA enthüllt hat, scheint diese Frage obsolet. Nehmen wir nur die vieldiskutierte Sammelei von Metadaten - die angeblich harmlosen Informationen darüber, wer wen wann anruft. Genau diese Metadaten werden zum Aufbau eines besseren, öffentlich kontrollierten Social Graph benötigt. Wahrscheinlich hat die NSA diesen schon entwickelt - nicht nur für Amerika, sondern vermutlich auch für Nutzer in vielen anderen Ländern, oft mit der stillschweigenden Kooperation der dortigen Geheimdienste und Telekommunikationsanbieter.

Freie Marktwirtschaft bei Daten

Über die Ethik und Legalität solcher Initiativen kann man endlos diskutieren, und das sollten wir auch, denn das NSA-System ist in Geheimhaltung verstrickt, unterliegt nur unzureichender parlamentarischer Kontrolle und genießt die uneingeschränkte Unterstützung des militärisch-industriellen Komplexes. Die Datensammelei der NSA muss unbedingt transparenter gemacht werden.

All das sind Überlegungen für die Zukunft. Aber es gibt einen viel pragmatischeren Aspekt, der die Gegenwart betrifft: Die NSA hat diese ganzen Daten, und sie werden sich nicht in Luft auflösen. Der gigantische Datenbunker, den die NSA in Utah baut, ist ein eindeutiges Zeichen. Es wäre ein Riesenfehler, nicht für ein globales institutionelles Arrangement zu sorgen, das große Teile dieser Daten für öffentliche Verwendung zugänglich machen würde. Zumindest ein rudimentärer, global zugänglicher Social Graph sollte entwickelt werden, der von einer öffentlichen Institution überwacht wird, vielleicht im Rahmen der Vereinten Nationen. Die Vereinigten Staaten, die der Welt immerfort von den Vorzügen der freien Marktwirtschaft predigen, könnten mit gutem Beispiel vorangehen und für mehr Konkurrenz auf dem Markt für Suchmaschinen und soziale Netzwerke sorgen.

Innovationen bei Suche und Sozialem

Es gibt natürlich viele technische Hürden und Datenschutzfragen, die gelöst werden müssten. Wichtig wären strenge Anonymitätsbestimmungen und Opt-out-Möglichkeiten. Natürlich würde das den herrschenden IT-Unternehmen nicht schmecken, denn sie waren es ja, die der NSA die Daten überlassen haben. Aber Google und Facebook wissen auch, dass der Gesetzgeber früher oder später erkennen wird, warum es auf dem Markt für Suchmaschinen und soziale Netzwerke so wenig Konkurrenz gibt, und diesen Zustand ändern wird. Das Ergebnis könnte viel drastischer ausfallen als das, was hier vorgeschlagen wird.

Die schwierigste Aufgabe wäre es, die Anhänger von scharfen Datenschutzbestimmungen davon zu überzeugen, dass dies in der Tat ein Deal ist, den zu prüfen sich lohnen würde. Auf den ersten Blick sieht es ja nicht so aus. Kann es etwas Verrückteres geben, als jedem Start-up Zugang zu ebenso vielen Nutzerdaten zu ermöglichen, wie sie Google und Facebook bereits haben? Aber die Sache ist komplizierter. Wenn dieser Plan nämlich funktioniert, hätten wir am Ende mehr Innovation in den Bereichen Suchen und soziale Netzwerke - und einige dieser neuen Unternehmen könnten den Nutzern tatsächlich mehr Datenschutz bieten, da ihr Geschäftsmodell nicht auf aggressivem Datensammeln beruhen würde.

Geheimdienste müssen auch überzeugt werden

Mit anderen Worten: Wir müssen uns entscheiden zwischen einer Zukunft, in der Google und Facebook den Markt beherrschen und immer mehr Nutzerdaten sammeln, und einer Zukunft, in der die Macht dieser Unternehmen durch Konkurrenz in Schach gehalten wird. Gegenwärtig haben Nutzer kaum eine andere Wahl, als bei Google und Facebook zu bleiben, denn die Daten, die diese Unternehmen haben, liefern bessere Suchergebnisse und umfangreichere soziale Kontakte.

Die größte Hürde dürfte sein, die Geheimdienste dieser Welt, in Amerika und anderswo, davon zu überzeugen, dass dies in ihrem eigenen Interesse ist - was natürlich nicht der Fall ist. Für die Schnüffler ist die fortschreitende Zentralisierung von Telekommunikation nämlich überaus vorteilhaft, weil Nutzerdaten an einigen wenigen Knotenpunkten (wie etwa Google und Facebook) abgeschöpft werden und dort dem bequemen Zugriff der NSA zur Verfügung stehen. Ein funktionierender, wettbewerbsorientierter Markt für Suchmaschinen und soziale Netzwerke - mit Dutzenden Unternehmen, die bei Datenschutz und Datensammeln ganz unterschiedlich vorgehen - wäre für die Geheimdienste ein Problem.

Und wenn die intimeren Nutzerdaten von einer staatlich kontrollierten Behörde verwaltet würden (die Datenmissbrauch zu verhindern hätte und befugt wäre, unangemessene Forderungen der NSA abzulehnen), könnte das tatsächlich für mehr Datenschutz sorgen und zugleich der Ausweitung des nationalen Sicherheitsapparats entgegenwirken. Ein unbescheidener Vorschlag? Vielleicht. Wir sollten das Feld jedenfalls nicht kampflos der NSA überlassen.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Quelle: F.A.Z.
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