Neue Kolumne „Silicon Demokratie“

Rettet die Anonymität

Von Evgeny Morozov
 - 16:14

Google, Facebook und Twitter haben die arabischen Rebellionen in Gang gesetzt? Evgeny Morozov kann es nicht mehr hören - und schreibt auch deswegen eine Kolumne, die von nun an monatlich im Feuilleton der F.A.Z. erscheint. „Silicon Demokratie“ - der Titel zeigt an, was sein könnte: eine Demokratie, die all die digitalen Errungenschaften des Silicon Valley mündig nutzt, aber vor ihnen auch auf der Hut ist. Der 1984 in Weißrussland geborene, an der Universität Stanford, Kalifornien, lehrende Publizist ist der Meinung, dass wir über das Verhältnis von Technologie und Demokratie, Privatsphäre und Überwachung skeptischer nachdenken müssen. In seinem Buch „The Net Delusion“ (Der Netztrug) plädiert er für einen Cyber-Realismus: Digitale Werkzeuge sind schlicht Werkzeuge und gesellschaftliche Umbrüche nur durch eine Vielzahl von Bemühungen politischer Institutionen und Reformbewegungen möglich.Auch Revolutionen bedürfen eines geistigen Nährbodens, den das Internet aus sich selbst heraus nicht erschafft. Morozov fordert den Bürger, nicht den Konsumenten und setzt sich insbesondere mit der Idee von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg des „frictionless sharing“, der vermeintlich reibungslosen Teilhabe an allen Kommunikationsprozessen, kritisch auseinander. Morozovs erste Kolumne ist auch im Lichte der Vereinbarung zu lesen, welche die amerikanische Verbraucherschutzbehörde Facebook gerade abgezwungen hat: Der Konzern muss sich von unabhängigen Prüfern durchleuchten lassen und seine Nutzer fragen, ob er deren Daten zu kommerziellen Zwecken nutzen darf. Kritiker fürchten, dass sich auch dadurch nichts ändert und Facebook Daten sammelt und auswertet, wie es will.

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Was würde George Orwell von Facebook halten? Nichts vermutlich, sein Konto wäre wohl deaktiviert. Er könnte froh sein, wenn man ihn auffordern würde, eine Kopie der ersten Seite seines Passes einzureichen und sich als Eric Blair anzumelden. Facebook ist in dieser Hinsicht egalitärer als die frühe Sowjetunion. Man mag reich oder berühmt oder ein verfolgter Dissident sein – wer sich nicht mit seinem tatsächlichen Namen registriert, bekommt rasch Ärger und wird mit kafkaesker Beharrlichkeit gepeinigt.

Im vergangenen Jahr suspendierte man das Konto des inhaftierten russischen Oligarchen Michail Chodorkowski und forderte ihn auf, eine Kopie seines Ausweises zu mailen – aus dem sibirischen Gefängnis! Was hatte er getan? Nichts. Und kürzlich wurde Salman Rushdie mitgeteilt, dass er nur als Ahmed Rushdie auf Facebook bleiben könne, andernfalls müsse er sein Leben sonst wo in virtueller Bedeutungslosigkeit zubringen. Schließlich lenkte man ein – aber erst, nachdem Rushdie sich Mark Zuckerberg vorgeknöpft hatte. Doch nicht jeder hat diese Option.

Dass autoritäre Regime von dieser Politik profitieren, scheint das Unternehmen nicht zu stören. Die chinesische Variante der Facebook-Revolution weist alle Anzeichen einer Antirevolution auf. Facebook wurde vorgeworfen, das Konto des prominenten Internetaktivisten deaktiviert zu haben, der unter dem Pseudonym Michael Anti in Erscheinung tritt. Als in Ägypten die Seite suspendiert wurde, die der Google-Manager Wael Ghonim (auch das ein Pseudonym) eingerichtet hatte, stand Facebook kurz davor, den Revolutionären die Flügel zu stutzen.

Anreize zum Verzicht auf das Private

Jeder Konzern vertritt hin und wieder eine dumme Position; Facebook ist da keine Ausnahme. Aber die Klarnamenpolitik des Unternehmens ist mehr als nur dumm – sie ist wesentlicher Bestandteil der hässlichen Zukunftsvision von einem Internet, in dem Privatheit und nicht mühsam verdientes Geld die eigentliche Währung ist. Und Facebooks Finanzpolitik gründet auf einer simplen Idee: Entweder ihr verzichtet auf eure Privatsphäre und begebt euch in die Welt grenzenloser Unterhaltung, oder ihr tretet für eure Privatsphäre ein und riskiert, in Unterhaltungsarmut zu leben – die Entscheidung liegt bei euch.

Aus diesem Grund bedeutet auch die Mitteilung, dass Facebook – unter dem Druck der Federal Trade Commission – seinen Nutzern mehr Kontrolle über ihre Daten erlaube, auf lange Sicht nicht viel. Facebook wird seine Haltung zu Pseudonymen nicht ändern. Und anstatt die Nutzer zu zwingen, ihre Privatheit aufzugeben, wird der Konzern dafür kommerzielle Anreize geben wie Zugang zu Musik oder Filmen.

Das alles heißt nicht, dass Privatsphäre eine schlechte Währung ist. Im Gegenteil, mit ihr kann man Dinge erwerben, die für Geld nicht zu haben sind. Kann irgendetwas mit den scheinbar unerschöpflichen Musikbibliotheken konkurrieren, die bei Streaming-Portalen wie Spotify erhältlich sind? Nein. Aber versuchen Sie einmal, sich ohne Facebook-Konto anzumelden. Spotify verlangt, dass Neukunden über ein Facebook-Konto verfügen, was eben nur möglich ist, wenn Sie bereit sind, sich mit Ihrem realen Namen bei Facebook anzumelden. So wird anonymes Musikhören stigmatisiert. Irgendwann dürfte das auch kompliziert und teuer werden. Anonymes Lesen scheint noch nicht stigmatisiert zu sein, doch das wird sich ändern, sobald wir dazu übergehen, Bücher bei Amazon oder Barnes&Noble auszuleihen und nicht mehr in öffentlichen Bibliotheken. Diesen würde es nicht im Traum einfallen, unsere Daten weiterzuverkaufen, die anderen würden sich die Chance nicht entgehen lassen. Sie würden uns sogar Einkaufsgutscheine geben, wenn wir erzählen, was wir gerade lesen.

Transparente Langeweile

All das ist Teil des großen Projekts von Silicon Valley, die Konsumwelt total zu vernetzen und transparent zu machen. Und es funktioniert. Allzu oft kaufen wir Dinge, die uns von Online-Freunden empfohlen wurden, und sofort erzählen wir es weiter, erzeugen Feedback-Schleifen, die Begriffe wie „demonstrativer Konsum“ inadäquat erscheinen lassen. In dieser neuen, datengestützten Ökonomie erweisen sich Dienste wie Facebook als einflussreiche Agenten, die unsere intimsten Gedanken, Ängste und Wünsche (von der Wiege bis zur Bahre) aufspüren und mittels personalisierter Werbung zu Geld machen. Soziale Netzwerke sind daher so dringend auf pseudonyme Nutzer angewiesen wie Banken auf toxische Papiere; sie sind kostspielig und verschrecken wertvolle Geschäftspartner. Solche Leute sind entbehrlich.

Je mehr der uralte Konflikt zwischen Bürgern und Verbrauchern online ausgetragen wird, desto deutlicher zeichnen sich die Konturen eines konsumoptimierten Internets ab. Dieses Internet ist absolut transparent, außerordentlich effizient (alles ist durchorganisiert und binnen Sekunden auffindbar), es ist (alles ist untereinander verknüpft und abgesichert, mit den Pseudonymen verschwindet die Cyberkriminalität). Außerdem ist es muffig, langweilig und unerträglich. Dieses Internet ist ein Paradies für Verbraucher und eine Hölle für Bürger. Warum sollte man Eric Blair denn auf „1984“ aufmerksam machen, wenn George Orwell nicht einmal online sein kann, um für sein Buch zu werben? (Und werben muss er: Nur wenige moderne Autoren können es sich leisten, Facebook zu ignorieren; für viele ist es der einzige Ort auf ihrer billigen, traurigen und wütenden virtuellen Lesereise.)

Berechnete Zufälle

Es wird Zeit, dass wir die Vision eines Bürger-Internets entwickeln, das mit dem dominierenden Modell der Konzerne konkurrieren kann. Wollen wir die dissidentenfreundliche Anonymität aufrechterhalten, oder wollen wir darauf verzichten, damit die Unternehmen keine Angst mehr vor Cyberattacken haben müssen? Wollen wir, in der Hoffnung auf bessere Konsumerlebnisse, eine neue Überwachungsinfrastruktur errichten, die von datenhungrigen Regierungen missbraucht wird? Wollen wir möglichst viele Zufallsentdeckungen machen, auf neue und kontroverse Ideen stoßen, uns kritisch äußern können über das, was wir im Netz sehen und lesen?

Oder wollen wir Computer bauen, die automatisierte Suchanfragen für uns durchführen und letztlich nur Kaufvorschläge unterbreiten, auf nahegelegene Restaurants hinweisen und immer nur eine Antwort geben statt viele? Wollen wir, dass sich das Internet an alles erinnert, was online passiert, oder soll es Lärm und Verfall in unserem digitalen Archiv geben, das mit uns altert? All jene, die das Netz als einen gigantischen Warenkatalog betrachten, wollen keinen Verfall; diejenigen aber, die es als partielles Tagebuch einer unvollkommenen Zivilisation betrachten, wären vermutlich einverstanden.

Facebook raubt uns die Phantasie

Merkwürdigerweise formieren sich die politischen Kräfte, die für die Verwirklichung einer solchen Vision notwendig sind, noch ehe die entsprechende Ideologie entwickelt ist. Die Wahlerfolge der europäischen Piratenparteien sind ein ermutigendes Signal. Aber diese Bewegungen sind oft allzu radikal und zugleich nicht radikal genug. Nicht nur Geeks und technikaffine junge Leute denken darüber nach, wie ein alternatives Internet der Bürger aussehen könnte. Wenn solche Visionen etwas bewirken sollen, müssen sie aus breiteren Schichten der Bevölkerung kommen und diese einbeziehen. Und die Debatten können sich nicht nur auf die dornigen Fragen einer Urheberrechtsreform und die Legalisierung von Filesharing beschränken (Schwerpunkte dieser Bewegungen), denn sehr viele andere digitale Probleme sind noch ungelöst.

Tatsächlich gibt es kaum einen Bereich des politischen Lebens, auf den sich das Netz nicht auswirken würde. Eine kritische Position zu all diesen Fragen zu formulieren, bevor Technologiegiganten wie Facebook mit ihrem Gerede vom „reibungslosen Sharing“ die allgemeine Phantasie kapern, sollte für jeden Priorität haben, dem die Zukunft der Demokratie am Herzen liegt. Ein Paradies für Bürger und eine Hölle für Verbraucher: So stellen wir uns das Internet vor. Occupy the Net – wer macht mit?

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

Quelle: F.A.Z.
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