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Sprachgebot des Präsidenten

Erdogans Sympathie für Griechenland

Von Michael Sommer
 - 18:53
Wie alle Stadien der Antike war auch dieses ein Austragungsort blutiger Spektakel: Das Amphitheater im kleinasiatischen Ephesos, heute auf türkischem Staatsgebiet Bild: Tolga Sezgin/Narphotos/laif, F.A.Z.

Die Spielstätte des türkischen Rekordmeisters Galatasaray Istanbul soll künftig nicht mehr „Türk Telekom Arena“ heißen, sondern „Türk Telekom Stadyumu“. Der Vereinsvorstand sei damit einem Wunsch des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan nachgekommen. Erdogan, der in seinen jungen Jahren selbst halbprofessionell Fußball gespielt hatte, habe, so heißt es weiter, am Freitag auf einer Veranstaltung in Istanbul verkündet, er sei „gegen Arenen“. Daraufhin hätten gleich mehrere Vereinspräsidenten Vollzug gemeldet und ihre Arenen füglich in „Stadyumu“ umbenannt. Der Vorsitzende der türkischen Klubvereinigung, Göksel Gümüsdag, wird mit der Bemerkung zitiert, man unterstütze den Vorstoß des Staatspräsidenten, schließlich solle man „türkische Stadien“ mit „türkischen Wörtern“ in Verbindung bringen.

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Der deutsche Fußballfan, der statt in sein Stadion immer häufiger in eine „Arena“ pilgert, die je nach Ligastatus nach einem Dax-, M-Dax- oder mittelständischen Familienunternehmen benannt ist, kann dem türkischen Staatspräsidenten nur aus vollem Herzen beipflichten. Schwerer tut sich hingegen der Althistoriker, der zunächst konstatieren muss, dass Galatasaray und die anderen türkischen Klubs lediglich ein lateinisches Fremd- durch ein griechisches Lehnwort ersetzt haben: Das Wort „Arena“ hat eine Wortgeschichte, die bis in die ersten drei Jahrhunderte vor Christi Geburt zurückreicht.

Ist Erdogan türkischer Propaganda aufgesessen?

Damals wurde es in Rom modern, Verstorbene dadurch zu würdigen, dass man zu ihren Ehren Spiele („munera“) abhielt. Beim Publikum kam besonders der Teil dieser Spiele an, bei dem die Gladiatoren mit vollem Körpereinsatz aufeinander losgingen: Schaden an Leib und Leben war erwünscht. Zunächst wurden derartige Spiele auf offener Straße, später in behelfsmäßig errichteten Holzkonstruktionen veranstaltet, die auch zur Bühne für Tierhetzen werden konnten. Als erste römische Stadt leistete sich Pompeji, Domizil der Schönen und Reichen, eine steinerne Spielstätte.

Bald wuchsen allerorten „Amphitheater“ in die Höhe, die aussahen wie Theater, deren Sitzreihen aber ringsherum (griechisch: „amphi“) im Kreis verliefen. Der ebenfalls runde Kampfplatz in der Mitte war mit Sand (lateinisch: „harena“) bestreut, in den im Verletzungsfall das Blut der Gladiatoren tropfte. Der Vokalismus der lateinischen Volkssprache verkürzte „harena“ zu „arena“ – und so bezeichnete man bald die Austragungsorte der blutigen Spiele als „arenae“.

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Gladiatorenkämpfe blieben bis in die Spätantike ein beliebtes Spektakel, das zusammen mit Tierhetzen und Wagenrennen den Arenabesuch zu einem vergnüglichen Familienevent werden ließ. Erst der spätrömische Kaiser Honorius setzte den Spielen Anfang des fünften Jahrhunderts per Verbot ein Ende. Bis in die Moderne hingegen hielt sich das Gerücht, in den Arenen des Imperiums hätten Christen in Massen das Martyrium erlitten, vor allem unter dem blutrünstigen Nero. Die erste systematische Christenverfolgung hatte indes erst 253 nach Christus der Kaiser Valerian befohlen; der Leidensweg der wenigsten ihrer Opfer endete im Amphitheater. „Ad bestias“ verurteilt und damit den Tieren zum Fraß vorgeworfen zu werden war keineswegs exklusives Privileg von Christen, sondern generell ein für das Publikum unterhaltsamer Weg, Verbrecher aller Art ins Jenseits zu befördern.

Der türkische Präsident hat also zu Recht daran erinnert, dass in den Arenen des römischen Imperiums Menschen grausam in Stücke gerissen wurden. Ob er mit seinem hochmoralischen Appell christlicher Propaganda aufgesessen ist, lässt sich nicht ergründen. Wie jedoch steht es um die turkophone Alternative, der er jetzt allenthalben zur Durchsetzung verholfen hat? „Stadyumu“ ist kein urtürkisches Wort, sondern vom griechischen „stadion“ abgeleitet, einem Längenmaß.

Die Griechen waren schon früh auf den Gedanken gekommen, sich sportliche Wettkämpfe im Lauf über ein Stadion zu liefern. Berühmt wurde der erstmals 776 vor Christus abgehaltene Stadionlauf im Heiligtum von Olympia, wo man alle vier Jahre „panhellenische“ Spiele veranstaltete, zu denen also Hellenen aus allen Teilen der damals von Sizilien bis ins Schwarze Meer reichenden griechischen Welt zugelassen waren. Ein beträchtlicher Teil dieser griechischen Welt lag auf dem Staatsgebiet der heutigen Türkei. Weltstädte wie Smyrna, Halikarnassos und Milet befanden sich in Kleinasien, dem heutigen Anatolien. Griechen lebten dort bis zum Griechisch-Türkischen Krieg (1919 bis 1922), der mit der – aus griechischer Sicht – „Kleinasiatischen Katastrophe“ endete: Griechenland und die Türkei wurden zu Schauplätzen ethnischer Säuberungen schlimmster Art; die meisten Griechen, die nicht Massakern und Deportationen zum Opfer gefallen waren, wurden 1922 aus Anatolien nach Griechenland „umgesiedelt“. Seither ist das Verhältnis zwischen den Nachbarn gespannt.

Erst mit diesem Wissen erschließen sich die historischen Dimensionen des erdoganschen Vorstoßes. Die väterlich intonierte Aufforderung an die türkischen Klubs ist nicht mehr und nicht weniger als eine ausgestreckte Hand an die Adresse der griechischen Nachbarn: Seht her, auch die Türkei bekennt sich zu ihrer griechischen Vergangenheit, auch wir stehen fest auf dem Boden der hellenischen Kultur- und Zivilisationsgemeinschaft, der Oikumene. Als Geste der Brüderlichkeit, nicht als engstirnig-nationalistischen Bevormundungsversuch sollte die europäische Öffentlichkeit Erdogans Rede deuten.

Quelle: F.A.Z.
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