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Streitkultur

Wütend auf die ganze Welt

Von Claudius Seidl
 - 11:59
Ist Wohltätigkeit nur das exklusive Freizeitvergnügen einer internationalen Elite? Amal und George Clooney bei einer Filmpremiere Bild: dpa, F.A.S.

Wann immer die Deutschen nach ihren Haltungen befragt werden, speziell nach Vorbehalten, Abneigungen oder Ressentiments gegen ethnische, religiöse oder soziale Gruppen, kommen Werte zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig Prozent heraus: So viele (oder doch so wenige?) haben, je nach Fragestellung und Messmethode, also etwas gegen Leute, die anscheinend erkennbar anders als sie selber sind.

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Aha, muss sich da eigentlich jeder denken, der fähig ist, auch sich selbst zu betrachten: Wer sind denn all die anderen, die fünfundsiebzig bis fünfundachtzig Prozent, die angeblich frei von diesen Ressentiments sein sollen? Man muss sich doch, so als normal zivilisierter Mensch, nur das Gefühlsprotokoll weniger Tage ins Gedächtnis rufen, einer Woche vielleicht, in der man, vorübergehend zwar, aber manchmal ganz schön heftig, einen Groll spürte gegen Radfahrer, Preußen, Jugendliche, Rentner, Russen, Protestanten, die Obrigkeit, tschechische Taxifahrer, türkische auch, eigentlich alle, sowie natürlich gegen all die Heinis in den Restaurants und Cafés des Regierungsviertels, die aus ihren wichtigen Lobbyistengesichtern so herausgucken, als ob sie etwas Besseres wären. Wenn der Augenschein nicht trügt, dann geht es den meisten anderen, mit womöglich anderen Gruppen, so ähnlich, was uns aber nicht davon abhält, uns einigermaßen anständig zu benehmen, einander zu grüßen, gegebenenfalls den Vortritt zu lassen und den Taxifahrer, sollte er wider Erwarten tatsächlich den schnellsten Weg wählen, als Individuum in seiner ganzen, komplexen Menschlichkeit wahrzunehmen.

Das Recht auf Wut

Der Bürgerkrieg droht jedenfalls nicht wegen solcher Ressentiments – was zum einen daran liegt, dass den meisten die Illegitimität, das absolut Subjektive, Willkürliche und Nichtverallgemeinerbare dieser Ressentiments sehr gut bewusst ist. Man möchte es ein Recht nennen und eine seelische Notwendigkeit, gelegentlich „wütend auf die ganze Welt“ (wie Maxim Gorki das nannte) zu sein, solange das Ressentiment eine Begleiterscheinung nur des Wahrnehmens ist und keine Grundlage des Handelns. Schon klar, man weiß, dass jedes Individuum ein Anrecht darauf hat, für sich betrachtet zu werden; aber es gibt halt so viele davon, und mit denen, die man kennt, hat man mehr als genug zu tun, und dann teilt man halt die anderen vorläufig in Gruppen ein, das schafft eine gewisse Übersicht. Wie dürfte man sich sonst, nur zum Beispiel, freuen an der Eleganz und dem Charme italienischer und spanischer Touristen in der deutschen Hauptstadt, ohne zugleich einen Groll zu spüren auf die eigenen Landsleute, denen es an beidem mangelt? Was folgt denn auch daraus? Wäre man ein Schriftsteller mit den Möglichkeiten Thomas Bernhards oder des frühen Rainald Goetz, dann könnte man das Schimpfen auf diese Leute zur Kunstform machen. Ist man es nicht, bleibt einem wenig, als die Eleganz der Besucher als Herausforderung für den eigenen Habitus zu nehmen.

Dass eine Gesellschaft, der man das Ressentiment komplett ausgetrieben oder wegtherapiert hätte, eine sterile Gesellschaft wäre: Das ist vielleicht nur eine Ahnung, ein Gefühl – und wenn man dafür nach Argumenten sucht, empfiehlt es sich, eine alte Ausgabe des „Merkurs“ zur Hand zu nehmen, die Doppelnummer aus dem Herbst 2004, die „Ressentiment“ als Titel und einziges Thema hat: „... das Ressentiment richtet sich gegen den Sieger – oder wen man dafür hält.“ so definieren, im Vorwort, Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel den Gegenstand, und weiter unten betonen sie dessen produktive Kraft: „Abzulehnen, was ist, im Namen dessen, was (noch) nicht ist: Dieses Grundprinzip der Kulturkritik entstammt dem Geist des Ressentiments.“ Es gibt in diesem Heft einen Artikel des Berliner Philosophen Gunter Gebauer (der gerne auch über Fußball philosophiert und schon deshalb auch andere Spielfelder des Ressentiments kennt), in dem geht es, unter anderem, auch darum, wie es das Ressentiment gegen das jeweilige intellektuelle Establishment war, was Jean-Jacques Rousseau oder Martin Heidegger dazu brachte, dieses Establishment herauszufordern und übertreffen zu wollen.

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Grundprinzip der Kulturkritik

Was für ein tröstlicher Gedanke, möchte man da denken: dass man ruhig etwas haben darf, auch persönlich, gegen die Leute, die das Sagen und die Macht haben – wenn einen dieses Ressentiment nur dazu antreibt, es diesen Leuten zu zeigen; wenn also aus Abneigung und Ablehnung heraus ein philosophisches oder künstlerisches Werk entsteht.

Und was für ein absurder Gedanke, dass es eine Verbindung und Verknüpfung geben könnte zwischen, zum Beispiel, Rousseaus Ressentiments gegen den Geist von Paris im mittleren achtzehnten Jahrhundert – und jenen unsympathischen deutschen Zeitgenossen, die keine Homosexuellen mögen, keine Fremden, keine Muslime; die Politiker als „Volksverräter“ beschimpfen, Journalisten als „Lügenpresse“ oder die, ein Stückchen weiter westlich, brüllen vor Begeisterung, wenn Donald Trump praktisch alles durch den Dreck zieht, was nur eine entfernte Ähnlichkeit mit den Medien, dem Establishment oder dem Islam hat.

Pankaj Mishra, der indische Schriftsteller und Soziologe, hat sich aber neulich getraut, diesen scheinbar absurden Gedanken trotzdem zu denken, in einem Essay, der im August im „New Yorker“ erschien (und dessen deutsche Übersetzung auf der Website des Deutschlandfunks nachzulesen ist). „How Rousseau Predictetd Trump“, das war die Überschrift, und was der Text leistete, war scheinbar nicht viel mehr, als die Oberflächen von Rousseaus Denken und Schreiben abzuschreiten und dabei auszumessen, wie heftig, böse und ungerecht die Ressentiments waren, die Rousseau bewegten. Es waren, so sieht es Mishra, die Ressentiments des Provinzlers und Außenseiters, des Zukurzgekommenen und sich beleidigt Fühlenden. Es waren die Ressentiments gegen den Kosmopolitismus und die Großstadt, gegen Verfeinerung, Differenz, gegen alles, was sich für Elite und geistiges Establishment hielt.

Man wird Rousseau, indem man ihn so beschreibt, sicher nicht ganz gerecht – aber darum scheint es Mishra auch weniger zu gehen als darum, den Umweg über Rousseau zu nehmen, um die Ressentiments der Gegenwart aus der Distanz und damit klarer zu sehen.

Ein Zeichen für Verrohung?

Rousseaus eigentlicher Gegner, wie Mishra es sieht, war weniger die Philosophie als deren gesellschaftliche Grundlage, es waren der sich entwickelnde Kapitalismus, die Annahme, dass freie Märkte, freier Handel, freier Wettbewerb auch den befreiten Menschen hervorbringen würden: Die Künste und die Philosophie „breiten Blumenkränze aus über die Ketten, an denen die Menschen liegen.“

Mishra muss in diesem Text die Ressentiments der Gegenwart gar nicht schildern, damit diese dem Leser deutlich vor Augen liegen. Es ist ja in diesen Tagen viel von Verrohung und sittlicher Verwahrlosung die Rede angesichts der so offen und hässlich demonstrierten europäischen und amerikanischen Ressentiments; neulich, als die fast schon wieder vergessenen sogenannten Horrorclowns scheinbar ein großes Thema waren, führte ein Sprecher der deutschen Polizeigewerkschaft selbst dieses Phänomen auf den allgemeinen „Wertverlust“ zurück – und wer das ernst und beim Nennwert nähme, müsste das Ressentiment wie eine ansteckende und sich immer weiter ausbreitende Krankheit betrachten, als ein Problem für Therapeuten. Und nach der Therapie: moralischer Wiederaufbau.

Große Teile der deutschen Politik dagegen haben das Ressentiment bloß als ästhetisches Problem betrachtet – so als wären Hass und Hetze zum Beispiel gegen Fremde und Muslime bloß der hässliche Ausdruck einer Sorge, die im Kern aber ganz berechtigt sei.

Beides ist vermutlich falsch. Das Ressentiment ist irrational; es lässt sich nicht widerlegen, und wer es austreiben will, sollte nicht bloß das Ressentiment betrachten, sondern vor allem den, der es hat. Es ist, auch in Mishras Sicht, das Gefühl derer, die zu kurz kommen oder sich für zu kurz gekommen halten, der Verlierer, Außenseiter, Hinterherhinkenden. Und es richtet sich deshalb gegen alles, was zu schnell geht, zu neu ist, gegen eine Bewegung also, der sie nicht folgen können oder wollen. Nicht bloß gegen eine andere Sprache, Sexualität, Hautfarbe, Religion. Sondern vor allem gegen jene Leute, die sie für die Bewegung verantwortlich machen, gegen die Globalisierer und Kosmopoliten, gegen die politischen und ökonomischen Eliten. Und natürlich gegen jene moralischen Eliten, die, weil sie über alle materiellen Mittel verfügen, sich humanitäres und soziales Engagement als scheinbar exklusives Freizeitvergnügen leisten können.

Verlorene Posten

Insofern ist das lautstarke Ressentiment kein Indiz einer allgemeinen Verrohung, sondern, geradezu umgekehrt, eine nicht notwendige, aber fast zwangsläufige Begleiterscheinung von Modernisierungsprozessen, die sich nicht mehr aufhalten oder umkehren lassen; daher kommt ja die Wut: Ein Mann, der früher die Frauen für so verfügbar hielt, wie Donald Trump das heute tut, hieß, zum Beispiel, John F. Kennedy und galt für jung, modern und fortschrittlich. Der Skandal um Trump ist also kein Verfallssymptom, sondern ein Zeichen dafür, wie radikal sich die Verhältnisse geändert haben in nur 55 Jahren. Und sehr viel weiter muss man auch nicht zurückschauen, um sich klarzumachen, dass es sich mit all den Einsprüchen, dem Widerstand, der bösen Wut gegen die Gleichberechtigung von Homosexuellen, Muslimen, Leuten anderer Sprachen und Hautfarben nicht viel anders verhält: Der Posten, von dem aus sie schreien und pöbeln, ist verloren, was die Wütenden nur noch wütender macht.

Wenn es also etwas ernst zu nehmen gibt am Ressentiment der Zukurzgekommenen, dann ist es nicht das Ressentiment; es ist die Zukurzgekommenheit. Nicht ob an den Vorwürfen gegen ethnische oder religiöse Minderheiten etwas dran sei, muss die Gesellschaft sich fragen; sondern ob es vielleicht doch ein paar zu viele Menschen gibt, die von all den Globalisierungs- und Modernisierungsprozessen nichts haben, davon abgehängt werden. Oder das zumindest so empfinden.

Und womöglich ist ja weitaus gefährlicher, als es die Ressentiments und die schlechten Manieren der (tatsächlichen oder nur gefühlten) Modernisierungsverlierer sind, die Furcht derer, die nur Verfall und Verrohung sehen. Dass es Amerikaner gibt, die sich Sorgen machen, dass Donald Trump die Wahl gewinnen und dass die Folgen furchtbar werden könnten: das ist verständlich und realistisch. Dass aber Deutsche sich davor fürchten, dass eine lautstarke Minderheit von Pöblern und Schreihälsen zu mächtig werden könnte, das scheint Ausdruck einer Verzagtheit zu sein, welche die eigenen Ansprüche unterläuft.

Mehr Zukunft und Zuversicht wären hilfreich. Und gerne auch ein starkes Ressentiment gegen die Pöbler und Schreihälse.

Quelle: F.A.S.
Claudius Seidl
Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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