Suhrkamp-Streit

Als wäre es die Lösung, all das preiszugeben

Von Durs Grünbein
 - 18:38

Wie wäre es, wenn man sich den Suhrkamp Verlag einmal wegdenken würde? Gut so? Würde nichts fehlen in der Literaturlandschaft, wenn das Verlagshaus aus dem Handelsregister gelöscht wäre? Dass es nicht schade wäre, können wohl nur die standhaftesten Helden behaupten, Personen der Zeitgeschichte, die selbst bereits Monumente sind. Die anderen aber sollten sich ein paar Minuten der Besinnung gönnen.

Lieber Leser! Der Rechtsstreit im Hause Suhrkamp ist keine „Soap Opera“ und kein Gerichts-TV, er ist ein sehr reales Ringen um Wirtschaftskonzepte, die so grundverschieden sind, dass sie einander ausschließen. Er ist, in letzter Konsequenz, ein Kampf um Leben und Tod eines renommierten Unternehmens, das Geistes- und Literaturgeschichte geschrieben hat und zu den besten Kulturgütern der alten wie der neuen Bundesrepublik gehört.

Dieser Verlag war und ist vieles in einem: Zentrale der philosophischen Aufklärung, eine Schule der Herzensbildung, ein Laboratorium für die Gegenwartsliteratur. Einen solchen autorengläubigen, autorenhörigen Verlag wird man so schnell nicht wieder finden. Und zum ersten Mal seit der Gründung im Jahre 1949 scheint dies alles gefährdet durch ein wirtschaftliches Abenteurertum, das an kultureller Naivität und Sachfremdheit kaum noch zu überbieten ist. Vorstellungen vom schnellen Geld einerseits - „Finanzmanagement und Risikokapital“ - stehen einer Tradition von Langzeitwachstum, Pflege und Aufbau von Lebenswerken, sorgfältiger Autorenbetreuung brutal gegenüber. Ästhetische Qualität und intellektuelle Substanz gegen Termingeschäft und beschleunigte Gewinnmaximierung. Eine Familienstiftung sieht sich den Abstraktionen einer Mediengruppe gegenüber. In solcher Unverträglichkeit von Organisationsformen liegt der Kern des unversöhnlichen Streits.

Der Neo-Kapitalismus zieht ein

Ein Wort wie „Suhrkamp-Kultur“ bedeutet wenig, sieht man dahinter nicht die Arbeit von Lektoren und Lizenzhändlern, Herausgebern und Verlagsleitern, deren Gemeinsames ist, dass sie geistigen Idealen verpflichtet sind (auch wenn niemand dort denkt, der Verlag sei in irgendeiner Form „etwas Besseres“). Ein Wort wie „Backlist“ besagt nichts, begreift man es nicht als das, was es auch nach wirtschaftlichem Ermessen ist: sicherstes, akkumuliertes Kulturkapital. Ein Wachstum in Jahresringen, beinah wie in der Natur, steht dem Willen zur Entwertung von Schaffenszeit gegenüber.

Hier ist derselbe aggressive Neo-Kapitalismus am Werk, der einige der westlichen Gesellschaften erst jüngst in die Krise stürzte und Investitionsruinen in Form von Tourismusanlagen und Wohnungsbauprojekten, versenkte Flaggschiffe des Journalismus, uniformierte Fußgängerzonen in den Innenstädten hinterließ. Seine Lebenslüge ist das Schlagwort von der Zukunftssicherheit. Gesichert werden soll ein Optimum an Rendite (lieber zehn bis fünfzehn Prozent als nur drei oder fünf), das Qualitätsprodukte in Nischen abdrängt.

Liquidiert werden soll ein Geschäftsmodell, nach dem sich der Buchhandel anderer Länder wie mittlerweile auch ein großer Teil der heimischen Buchbranche wieder zu sehnen beginnen. Keiner der dem Verlag verbundenen Schriftsteller kann sich ein solches Szenario vorstellen. Einige der Namhaften haben bereits ihre Flucht angekündigt für den undenkbaren Fall der Fälle - als wäre das die Lösung.

Was auf dem Spiel steht

Ein einzelner Angreifer beschwört nun diese Gefahr herauf - einer, über den wenig mehr bekannt ist, als dass er Alleinerbe und einziges Enkelkind eines großen expressionistischen Künstlers ist. Von Ernst Barlach ist der Wahlspruch überliefert: „Kunst ist eine Sache allertiefster Menschlichkeit...“ Was immer das heißt - vom Nachkommen des Bildhauers, Dramatikers und übrigens auch Lyrikers Barlach ist bisher nur bekannt, wie abfällig er sich über die literarisch-lyrischen Produktionen des Suhrkamp Verlags äußert. Die Frage, ob er selbst auf so großem Fuß leben könnte, hätte es nicht diesen einen kreativen Phantasten in der Familie gegeben, scheint er sich nie gestellt zu haben.

Entlarvend ist bereits seine Sprache, in der es nur noch um Medien, nicht mehr um Menschen geht. Über die Köpfe der Autoren, der eigentlichen Wertschöpfer hinweg, wird ein Schacher um Marktanteile betrieben. Der Leser muss sich klar machen, was dabei auf dem Spiel steht. Ginge es nach diesem Modell, würden wir von Suhrkamp bald nur noch im Wirtschaftsteil informiert.

Die Mär vom Missmanagement

Ein Verlag aber ist kein Fußballverein, keine Tageszeitung und keine bloße Immobilie. Schon eher ist er ein imaginärer Palast mit Schatzkammern, Archiven und Gesellschaftssalons, eine zeitenübergreifende Architektur, an der mehrere Generationen mitgebaut haben. Was dieses Gebäude verlässt, strahlt in viele Bibliotheken aus und in Abertausende Hirne. Er ist kein Unternehmen, das man heute kaufen und morgen meistbietend wieder verscherbeln kann. Verdächtig ist schon, wie wenig der mit aller Zerstörungskraft prozessierende Minderheitsgesellschafter sich bisher um die Produzenten selbst bemüht hat. Nicht ein Brief an irgendeinen der Autoren, nicht eine Geste der Vertrauensbildung, keine einzige verlegerische Idee. Völlige Inhaltsleere - man hört nur die frechen Phrasen von Leistungsprinzip bis Zukunftssicherung.

Gerade Letzteres war freilich ein Anliegen, das die Geschäftsleitung in Gestalt der Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz und ihrer Mitarbeiter in den Jahren der Fortführung der bewährten Suhrkamplinie unbeirrbar verfolgte - gegen viele Widerstände und mit großem Erfolg. Die Mär vom Missmanagement und mangelnder Kompetenz ist nichts als üble Nachrede. Die Nominierung mehrerer Titel für den deutschen Buchpreis im vergangenen Herbst hat das zuletzt gezeigt. Keines der konkurrierenden Verlagshäuser wird dies in Abrede stellen.

Wir gefährden ein kleines Wunder

Frau Unseld-Berkéwicz ist nach dem Willen des verstorbenen Verlegers Siegfried Unseld die legitime Treuhänderin, so gewöhnungsbedürftig das manchem in familienunternehmerischer wie dynastischer Hinsicht anfangs auch war. Die Weichen haben zunächst andere gestellt, sie hatte mit den Pflichten auch die Schwierigkeiten geerbt. Der Vater-Sohn-Konflikt im Hause Unseld mag schmerzlich gewesen sein, wie auch das Ausscheiden manchen Geschäftsführers auf Probe, mancher verdienter Mitarbeiter und im Gefolge dessen auch einiger namhafter Autoren. Gegen die geschäftsaushöhlenden Absichten des neuen Teilhabers, der die Kommanditgesellschaft als Ganzes zu sprengen droht, sind sie nur Vorgeschichte.

Es grenzt an ein Wunder, dass der Suhrkamp Verlag seit dem Neubeginn im Jahre 2002 sein reichhaltiges Programm hat ausbauen können - mit den bewährten Autoren und vielen neu hinzugewonnenen. Und dies unter erschwerten Bedingungen und in dauerhafter Bedrängnis. Man denke nur an den Umzug von Frankfurt nach Berlin, die leidige, immer noch ungeklärte Standortfrage, auch dies Ergebnis der fortwährenden Blockadepolitik eines der Gesellschafter. Man denke an die jahrzehntelang funktionierende deutsch-schweizerische Gesellschaftermischung, die nach Unselds Tod plötzlich von unnötigen Vorurteilen geprägt war, und nicht zuletzt an die zahlreichen Pressekampagnen in all den Jahren der Neuorientierung.

Wem nutzt die New Economy?

Es war, auch dies muss gesagt werden, eine bisweilen extrem fahrlässige bis feindselige Berichterstattung, wie sie keinem anderen Verlag zugemutet wurde. Es ist ein unguter Zug unserer Zeit: Alle machen frivole Witze, und einer schwebt in Gefahr oder geht unter. Die Verspottung des Hauses Suhrkamp - erst jüngst wieder mit lauter neckischen Wortspielen - ist der schlechte Stil von Voyeuren, die heute schadenfroh zusehen und morgen Krokodilstränen vergießen, wenn es zu spät ist für ein Zeichen der Solidarität.

Für die in letzter Instanz Betroffenen kann dies nur heißen: Wir müssen den Anfängen wehren. Autoren sollten aufhören, sich als Verschiebemasse behandeln zu lassen. Vabanque-Spielern einer wertneutralen Ökonomie muss gezeigt werden, wo die Grenzen ihrer Spielsucht liegen. Recht muss, man weiß es, keine Rücksicht auf schützenswerte Kulturgüter nehmen. Gerade darum wird es Zeit, sich auf die unverhandelbaren Interessen zu besinnen.

Es ist gewiss klüger, eine solche Auseinandersetzung nicht gegen Personen zu führen. Diplomatie gebietet es, nicht einzusteigen in das schmutzige Spiel, auch wenn es Zeit ist, sich einige Grundsatzfragen zu stellen. Die Argumente sind alle ausgetauscht. Es geht um die gute Sache - die der Leser und die der Autoren. Womöglich ist nun die Stunde der Überlegung gekommen, was uns die New Economy in Buchhandel und Verlagswesen bisher gebracht hat und wem sie eigentlich nützt.

Durs Grünbein, Jahrgang 1962, veröffentlicht seine Gedichte seit 1988 im Suhrkamp Verlag. Er gilt als der wichtigste deutsche Lyriker seiner Generation. 1995 erhielt er als bislang jüngster Schriftsteller den Büchner-Preis.

Quelle: F.A.Z.
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