Tag der Muttersprache

„Rüm hart - klåår kiming“

Von Laura Gispert
 - 13:15

Das „Guinnessbuch der Rekorde“ ehrt es als kleinste Sprachinsel in Europa: Das Saterland im Landkreis Cloppenburg. In dem Städtchen, eine gute Stunde von der Nordsee enfernt, sind die Ortsschilder zweisprachig beschriftet: auf Deutsch und auf dem von der Unesco als „stark gefährdet“ eingestuften Saterfriesischen. Die aus dem Nordseegermanisch entstandene Sprache, so schätzt der in Boston geborene „Plattdeutsch-Experte“ Marron Curtis Fort, sprechen ungefähr noch zweitausend Menschen.

So wie dem Saterfriesischen geht es vielen Sprachen. Von weltweit sechstausend Sprachen ist die Hälfte vom Aussterben bedroht. Dem Saterfriesischen, aber auch anderen gefährdeten Sprachen, wurde der „Tag der Muttersprache“ gewidmet, den die Unesco vor zwölf Jahren ins Leben gerufen hat, um an den weltweiten Sprachverlust zu erinnern: Alle zwei Wochen geht eine Sprache verloren und mit ihr stets auch ein Stück Kultur. Adihe, eine Sprache in Sibirien, beherrschen gerade noch rund 300 Sprecher. Ungefähr 1000 Menschen verwenden in Kroatien noch aktiv das Istrorumänische. Livisch, eine Sprache aus dem Kurland von Lettland, wird bei geschätzten 15 Sprechern bald aussterben.

Für Europa haben die Vereinten Nationen eine Liste der bedrohten Sprachen veröffentlicht, an die der Tag der Muttersprache erinnert. In Inzell werden an diesem Tag Balladen in verschiedenen Mundarten vorgetragen, Saarbrücken lädt im Rahmen der „Muddaschpròòch“-Veranstaltung zur Diskussion, und in Mettmann werden Besucher durch das Neandertalmuseum auf Düsseldorfer Platt geführt.

Dieses Jahr geht es den Vereinigten Nationen vor allem um die Erweiterung von muttersprachlichem Unterricht. Neben Sprachen wie Türkisch oder Italienisch, die in Deutschland gesprochen werden, soll der Tag der Muttersprache hierzulande vom Aussterben bedrohte Sprachen mit deutschen Wurzeln ehren. Das Saterfriesische zählt ebenso dazu wie das Sorbische, eine aus dem slawischen Raum nach Deutschland getragende Sprache, die zahlreiche Initiativen versuchen zu schützen. Von der Unesco nicht als gefährdet, aber als „bedroht“ eingestuft wurde das Alemannische. Sprachgesellschaften auf der ganzen Welt, selbst in Venezuela, „schwätzen“ die Mundart. Trotzdem wird es, genau wie das Nordfriesische, durch das Standarddeutsch immer mehr verdrängt.

Wir haben vier Kenner dieser Sprachen gebeten, über die Förderung ihrer Nischensprache zu sprechen.

Die Sümpfe um das Saterfriesische

„Ju Meente Seelterlound bistoant uut do fjauer Täärpe Strukelje-Uutände, Romelse, Skäddel un Sedelsbíerig. Dät Seelterlound waas bit tou dän Bigin fon dät njugentiende Jíerhundert fon ju Butewareld truch Foane heel un gans ousleten. Uum 1100 as Foulge fon Stoarmfloude an de Kuste troangen fluchtjende Aastfräizen mäd hiere Toal dät Seelterlound binne. Iek bän Speetsialist foar Platdüütsk un Fräisk, un in t Jíer 1966 häd Hermann Janssen, die Fóarsitter fon dän seelterfräiske Heimatverein Seelter Búund, mie bidded, mie uum dät uutstíervende Seelterfräisk tou súurgjen. Iek broachte 1980 ätter n Gastprofessur an de Uni Ooldenbúrig ju eerste Aploage fon mien Saterfriesisches Wörterbuch heruut. Iek häbe do Seelter aaltied wier Moud moaked, hiere Sproake tou bihoolden un mäd hiere Bäidene Seeltersk tou balen. Iek skreeuw fúul Artiekele un two uur Bouke, goaderde Täkste uur dät seelterske Foulkslíeuwend un uursätte dät Näie Tästamänt un do Psoolme ap Seeltersk. Ju noch anstoundende twäide Aploage fon dät Saterfriesisches Wörterbuch uumfoatet moor as 45.000 Woude.“

Tag der Muttersprache
Saterfriesisch
© Nordfriisk Instituut, Nordfriisk Instituut

Die Gemeinde Saterland besteht aus den vier Dörfern Strücklingen-Utende, Ramsloh, Scharrel und Sedelsberg. Das Saterland war bis zum Anfang des 19. Jahrhunders von der Außenwelt durch unpassierbare Moore ganz und gar abgeschlossen. Um 1100 infolge von Sturmfluten an der Küste drangen flüchtende Ostfriesen mit ihrer Sprache in das Saterland hinein. Ich bin Spezialist für Niederdeutsch und Friesisch, und im Jahre 1966 hat Hermann Janssen, der damalige Vorsitzende des Heimatvereins Seelter Búund, mich gebeten, mich um das aussterbende Saterfriesisch zu kümmern. Ich brachte 1980 nach einer Gastprofessur an der Universität Oldenburg die erste Auflage meines Saterfriesisches Wörterbuch heraus. Ich habe die Saterfriesen immer wieder ermutigt, ihre Sprache zu behalten und mit ihren Kindern Saterfriesisch zu sprechen. Ich schrieb viele Artikel und zwei weitere Bücher zum Thema Saterfriesisch, sammelte Texte über das saterfriesische Volksleben und übersetzte das Neue Testament und die Psalmen ins Saterfriesische. Die noch anstehende zweite Auflage meines Saterfriesisches Wörterbuch umfasst über 45.000 Wörter.

Marron Curtis Fort lebt in Leer, in Niedersachsen und gilt als Spezialist für die Saterfriesiche Sprache. Er ist amerikanisch-deutscher Germanist.

Nordfriesisch muss in die Schulen kommen

„Et nordfriisk jeeft et önj Slaswik-Holstiinj sunt mör as duusend iir. Maning seete jam iirenåmtlik for e spräke in. Foole as tu douen. E stipe döört lönj Slaswik-Holstiinj långt ai. Et nordfriisk hiirt tu da am hiinjsten stipede spräke önj Euroopa. Et Nordfriisk Instituut önj Bräist årbet for e spräke än kultuur aw en waasenschapliken grünlååge. Et soomelt täkste än deet böke än tidschrafte rüt. Et heet modärne spräkekurse mååged. Da maårbere hüülje fordreeginge än biidje årbesfloose önj. Aw e uniwersitäät Flansborj wårde friiske seminoore hülen. For e tukamst as et wichti, dåt di spräke aw e schoule mör plåås fäit. Di NDR schölj hål uk foole mör düünj; et öfentlik-ruchtlik raadio heet heer en besuner ferplachting. Et jült et üülj friisk uurd: Rüm hart - klåår kiming!“

Tag der Muttersprache
Nordfriisk
© Juliane Kahlke, Juliane Kahlke

Das Nordfriesische gibt es in Schleswig-Holstein seit mehr als tausend Jahren. Viele setzen sich ehrenamtlich für die Sprache ein. Vieles ist zu tun. Die Förderung durch das Land Schleswig-Holstein reicht nicht. Nordfriesisch gehört zu den am schlechtesten geförderten Sprachen in Europa. Das Nordfriesische Institut in Bredstedt arbeitet für die Sprache und Kultur auf wissenschaftlicher Grundlage. Es sammelt Texte und gibt Bücher und Zeitschriften heraus. Es hat moderne Sprachkurse entwickelt. Die Mitarbeiter halten Vorträge und bieten Arbeitsgruppen an. An der Universität Flensburg werden Friesisch-Seminare gehalten. Für die Zukunft ist es wichtig, dass die Sprache an den Schulen stärker berücksichtigt wird. Der NDR sollte sich stärker engagieren; der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat hier eine besondere Verpflichtung. Es gilt das alte friesische Wort: Weites Herz – klarer Horizont!

Prof. Dr. Thomas Steensen ist Direktor des Nordfriisk Instituut in Bräist/Bredstedt in Schleswig-Holstein.

Von sächsischer Völkerwanderung zu sorbischer Kultur

„Sym rozhłosownica pola MDR 1 Radijo Sakska. Z Budyšina wšědnje třihodźinski rańši serbskorěčny magacin wusyłamy (njedźelu kulturny): powěsće z Łužicy, reportaže, serwis, serbsku a mjezynarodnu hudźbu, a krótke dźěćace wusyłanja. To je wězo derje za hajenje rěče, jeje prestiž! Z reportažemi skedźbnjamy na WITAJ-projekt. To je program za pěstowarske dźěći, kiž móža přez serbsku wokolinu hrajkajo rěč nawuknyć. Smy w serbskich šulach, a rozprawjamy wo wšěm, štož so tak stawa. Najskerje jónkrótne za europsku mjeńšinu je tydźenske wječorne młodźinske wusyłanje, gymnaziasća a studenća je wuhotuja. - Doma sym w Chrósćicach. Přez wjes wjedźe Jakubowy puć, „ekumeniski putniski puć“. Skićam putnikam nóclěh. Kak wćipni su woni na Serbow! Wobkedźbuja dokładnje, zo so tu hišće na droze a pola pjekarja samozrozumliwje serbuje. Dyrbju jim přeco wjele rozkłasć, tež raz serbsce zaspěwać. Činju to rady.“

Tag der Muttersprache
Sorbisch
© Monika Gerdes, Monika Gerdes

Ich bin Hörfunkredakteurin bei MDR 1 Radio Sachsen. Aus Bautzen senden wir täglich ein sorbischsprachiges Morgenmagazin (Sonntags ein Kulturprogramm): Nachrichten aus der Lausitz, Reportagen, Service, sorbische und internationale Musik und kurze Kindersendungen. Das ist natürlich gut für die Sprachpflege, das Sprachenprestige! Mit Reportagen begleiten wir das WITAJ-Projekt. Das ist ein Programm für Kindergartenkinder, die durch die sorbische Umgebung spielend die Sprache lernen können. Wir sind in sorbischen Schulen und berichten von allem, was so passiert. Wahrscheinlich einmalig für eine europäische Minderheit ist die wöchentliche abendliche Jugendsendung, von Gymnasiasten und Studenten gestaltet. Daheim bin ich in Crostwitz. Durch das Dorf führt ein Jakobsweg, der „ökumenische Pilgerweg“. Ich biete Pilgern Quartier in meiner privaten Pilgerherberge. Wie neugierig sie auf Sorben sind! Sie beobachten genau, dass hier noch auf der Straße und beim Bäcker ganz selbstverständlich sorbisch gesprochen wird. Ich muss ihnen immer viel erklären, auch mal ein sorbisches Lied vorsingen. Ich tu es gern.

Monika Gerdes arbeitet als Rundfunkjournalistins beim sorbischen Radioprogramm des Mitteldeutschen Rundfunks in Bautzen in Sachsen.

Von der „alten alemannischen Ursprache“

„Alemannisch wird vu Karlsruhe über de Schwarzwald bis zum Bodesee gschwätzt. Dezu kunnt vor s ganz Vorarlberg, d Schwiiz bis zum Alpehauptkamm und s Elsaß. Debi giehts unterschiedliche Dialektfarbe vum Höchstalemannisch vu Bern bis zu de Rhone, Südalemannisch twische Basel und Chur, Oberrheinalemannisch links und rechts vum Rhii bis Karlsruhe und s Bodesee-Alemannisch vu Bregenz bis noch Villinge links und rechts vum Bodesee. D Muettersproch-Gsellschaft isch en Verein wo sich d Pflege und de Erhalt vu de alemannische Mundart uf d Fahne gschriebe hät. U'gfähr 3.500 Mitglieder stond defür ii und sind i 20 Regionalgruppe organisiert. Mir fördered alemannische Autore und Dichter, de entsprechende Nochwuchs über Wettbewerb, vemittled Dichter a Schuele im alemannische und schwäbische Sprochraum, veröffentliche Wörter- und Liederbüecher und bringe zweimol im Johr e Vereinsheft ruus.“

Tag der Muttersprache
Alemannisch
© Walter Möll, Walter Möll

Alemannisch wird von Karlsruhe über den Schwarzwald bis zum Bodensee gesprochen. Dazu kommt der Vorarlberg, die Schweiz bis zum Alpenhauptkamm und das Elsass. Es gibt unterschiedliche Dialekte, vom Höchstalemannisch von Bern bis zum Rhein, Südalemannisch zwischen Basel und Chur, Oberrheinalemannisch links und rechts vom Rhein bis Karlsruhe und das so genannte Bodensee-Alemannisch von Bregrenz bis nach Villingen links und rechts vom Bodensee. Die Muettersproch-Gsellschaft ist ein Verein, der sich der Pflege und dem Erhalt der alemannischen Mundart verschrieben hat. Ungefähr 3500 Mitglieder sind in zwanzig Regionalgruppen aufgeteilt. Wir fördern alemannische Autoren und Dichtern, fördern den Nachwuchs über Wettbewerbe, vermitteln Dichter an Schulen im alemannischen und schwäbischen Sprachraum. Außerdem veröffentlichen wir Wörter- und Liederbücher, sowie ein Vereinsheft, das zweimal im Jahr erscheint.

Walter Möll ist stellvertretender Präsident der „Muettersproch-Gsellschaft“ in Oberried in Baden-Württemberg, die sich der Pflege des Alemannischens verschrieben hat.

Quelle: FAZ.NET
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