Tagebuchfund

Eine zweite Anne Frank?

 - 16:55

Im Regionalarchiv der niederländischen Stadt Tilburg sind letzte Aufzeichnungen eines im Konzentrationslager getöteten jüdischen Mädchens aufgetaucht, die an das weltberühmte Tagebuch der Anne Frank erinnern.

Die 18 Jahre alt gewordene Helga Deen gibt darin auf 21 Seiten eines Schulheftes ihre Erlebnisse und Gedanken während ihres Aufenthalts im Juni 1943 im niederländischen Lager Vught wieder. Danach wurde sie mit ihrer Familie in das Konzentrationslager Sobibor im besetzten Polen transportiert und umgebracht. Das Archiv hat das Dokument Anfang des Jahres von Angehörigen eines Mannes erhalten, der damals mit dem Verfolgungsopfer befreundet war.

Ihm, den sie als „Liebster“ anspricht, vertraut die Schülerin ihre Gedanken und Erlebnisse im Lager an. Zusammen mit Briefen, einem Federhalter, einer Haarlocke und einer Damenbinde wurden die Aufzeichnungen in einer Damenhandtasche aus dem Lager geschmuggelt, berichtete die Zeitung „de Volkskrant“ am Dienstag.

„Wenn mein Wille stirbt, sterbe ich auch“

Helga Deen schildert unter anderem die Schrecken einer Entlausungsaktion, ihre unangenehme Begegnung mit Krawall machenden Amsterdamer Juden und ihre Erschütterung über den Abtransport von Kindern. In dem Text macht sie auch ihren Willen zum Überleben deutlich. „Wenn mein Wille stirbt, sterbe ich auch“, vertraut sie dem Tagebuch an. Nach einmonatigem Aufenthalt in Vught hofft sie noch darauf, durch Anforderung zu einer Arbeit bei der Glühlampenfabrik Philips vom Abtransport nach Sobibor verschont zu werden. Aber dann kommen ihre letzten Zeilen: „Packen, heute morgen ein sterbendes Kind erlebt, was mich völlig durcheinander gebracht hat. Aber alles ist nichts, verglichen mit dem Letzten. Wieder geht ein Transport ab und diesmal sind wir dabei.“

Gerrit Kobes vom Tilburger Archiv bezeichnet das Dokument als einzigartig. Am Samstag nächster Woche soll es im Archiv in Tilburg gezeigt werden. Helga Deens Leidensgefährtin Anne Frank hatte in einem Tagebuch geschildert, wie sie auf der Flucht vor den Nazi-Verfolgern mit ihrer Familie zwei Jahre lang in einem Versteck in Amsterdam gelebt hatte. 1944 wurden die Versteckten verraten und in Lager abtransportiert. Anne Frank starb in Bergen-Belsen. Ihr Vater überlebte und veröffentlichte nach dem Krieg ihr Tagebuch.

Quelle: FAZ.NET mit Material von dpa
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