Don Winslow im Gespräch

„Der Glaube, dass die Welt weitergeht“

 - 11:21

Kaum hat man Ihren Roman gelesen, stößt man überall auf Nachrichten vom Drogenkrieg in Mexiko, hört von verhafteten Bossen und erfährt, dass in den letzten vier Jahren mehr als 25.000 Menschen dem Drogenkrieg zum Opfer fielen. Eine merkwürdige Koinzidenz!

Don Winslow: Ja, es sind im Übrigen mehr Opfer als in Irak und Afghanistan zusammen im selben Zeitraum. Ich habe 2001 in der Zeitung von einem schockierenden Massaker in Mexiko gelesen, bei dem neunzehn Unschuldige, darunter Frauen und Kinder, ermordet wurden. Daraus ist der Prolog des Romans geworden. Ich hatte, als ich anfing, mich über das Thema zu informieren, nie vor, einen Roman daraus zu machen. Ich bin ein Entertainer, ich schreibe ziemlich überschaubare Thriller und Kriminalgeschichten. Aber die Sache hat mich damals nicht losgelassen. Ich wollte wissen: Was ist die Geschichte dahinter, wie konnte es dazu kommen?

Wie lange haben Sie an dem Roman gearbeitet?

Fünfeinhalb Jahre. Das erste Jahr bestand nur aus Recherchen, danach ging es hin und her, zwischen Schreiben und weiteren Recherchen. Man weiß ja zunächst nicht, was man alles nicht weiß. Ich hätte mühelos 2000 Seiten schreiben können.

Wie sahen Ihre Recherchen aus?

Ich lebe ja nicht weit von der Grenze, wenn ich auf den Hügeln in der Nähe meines Hauses stehe, kann ich bis nach Mexiko gucken. Ich habe damit angefangen, einfach herumzuhängen, bekannt zu werden in den mexikanischen Vierteln von San Diego, im Barrio. Es war sehr schwierig, Kontakte zu knüpfen, aber es ist noch schwerer, mit Polizisten zu reden als mit Kriminellen. Als Schriftsteller hatte ich es sicher einfacher als ein Journalist, ich enthülle ja in dem Roman nichts, was man nicht auch wissen könnte, ich konnte, wenn mir jemand etwas erzählte, die Ereignisse eher ein wenig verhüllen. Es gehörte zu meiner Arbeit, gewissermaßen zum Mobiliar zu werden; man muss nur lange genug herumstehen, um nicht mehr bemerkt zu werden. Aber ich habe auch Gerichtsprotokolle gelesen, CIA-Berichte und Berichte der „Drug Enforcement Agency“ (DEA), Protokolle der Kongressanhörungen. Wir haben ja in Amerika den „Freedom of Information Act“, der einem den Zugriff auf viele Akten erlaubt, auch wenn in diesen Akten dann vieles geschwärzt ist. Ich habe mir auch mexikanische Polizeiberichte übersetzen lassen. Und ich habe mich dabei sehr bemüht, die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, selbst wenn es eine abstoßende Sichtweise war. Eine schlichte Einteilung in Gut und Böse hätte mich nicht einen Schritt weitergebracht.

Mit welchen Leuten haben Sie denn in Mexiko geredet? Wie hoch in der Hierarchie waren die angesiedelt?

Es waren mittlere Ränge, an die Großen kommt man gar nicht heran. Aber ich kann dazu auch nicht viel mehr sagen.

Wurden Sie denn jemals bedroht bei Ihren Recherchen?

Ernsthaft bedroht wurde ich zwar nicht, aber man hat mir schon ein paar Mal signalisiert, dass es jetzt gut sei.

Und in welchem Stadium wurde dann aus diesen Nachforschungen ein Roman?

Schwer zu sagen. Man schreibt halt über das, was einen bewegt und nicht mehr loslässt. Aber auf einer anderen Ebene war da der Wunsch, dass die Leute von diesen Dingen erfahren, ich war wütend über diese Farce, die sich „War on Drugs“ nennt. Ich weiß bis heute nicht, ob es sich dabei eher um absurden Irrsinn oder um irrsinnige Absurdität handelt. Allein diese Geldverschwendung! 17 Milliarden Dollar in all den Jahren, was hätte man davon Sinnvolles finanzieren können! Ich habe auch darüber nachgedacht, dass ein Schriftsteller mitunter ein ganz anderes Publikum erreichen kann als ein Journalist. Journalisten können Fakten erzählen, Schriftsteller die Wahrheit, so könnte man es formulieren, und zwar in dem Sinn, dass wir die Möglichkeit haben, ins Innere eines Charakters zu schauen, zu sagen, was er einem Journalisten gegenüber nie sagen würde, worin aber eine emotionale Wahrheit liegt. Ich wollte einfach, dass die Leute sehen: Wir haben eine Politik, die „Krieg den Drogen“ verkündet, aber sie hat nichts mit den Auswirkungen auf die Menschen zu tun, die im und mit dem Drogenhandel leben.

War denn Art Keller, der zentrale Charakter des Buches, von Beginn an da in Ihren Überlegungen?

Ich kann Ihnen genau sagen, wann er für mich zu existieren begann. Ich steckte schon drei Jahre in dem Buch, und ich hatte den Fehler gemacht, zwei Charaktere zu entwerfen, einen besessenen DEA-Agenten und einen amerikanischen Strafverteidiger, die einander befehden. Und das funktionierte überhaupt nicht. Auf einem Spaziergang traf es mich: Es können nicht zwei Personen sein, es muss ein Mann sein, der mit sich selbst kämpft. Was ist die Sache, um die er kämpft? Wie kann man anständig in einer unanständigen Welt leben? Kellers Auftauchen war der Durchbruch. In gewisser Weise ist er wie Amerika, auch als halber Latino. Dennoch soll er nicht einfach symbolisch sein, kein Esel, dem man die ganze Last der Geschichte auflädt.

Und die anderen Charaktere? Ist es nicht so, dass sich für die meisten eine reale Entsprechung finden ließe? Oder dass sie aus mehreren realen Personen zusammengesetzt sind?

Bei Bischof Parada sind die Vorbilder zum Beispiel ganz eindeutig. Und bei dem Regierungsmann namens Craig ist der Hinweis auf Oliver North klar. Die amerikanische Presse hat ja die Iran-Contra-Affäre damals mehr oder minder verschlafen; als der Waffendeal herauskam, waren sie völlig darauf fixiert. Die wirkliche Geschichte jedoch sind die Drogen. Ich wundere mich immer, wenn es in den Zeitungen heißt, der Krieg in Afghanistan sei unser längster Krieg. Das stimmt nicht, der sogenannte „War on Drugs“ ist es, er dauert seit 1973. Keller, um auf Ihre Frage zurückzukommen, war dann leicht zu schreiben, viel schwerer waren die Barrera-Brüder, weil sie monströse Dinge tun. Ich habe mir keine einzige Grausamkeit ausgedacht, es ist alles passiert. Wie schreibt man solche Charaktere, dass sie nicht nur Monster sind, sondern lebendige Wesen, Familienväter, smarte Unternehmer? Diese Charaktere sind gleichsam aus dem Material aufgetaucht, haben sich herauskristallisiert.

Und die Verbindungen zwischen den Drogenkartellen und der Ostküsten-Mafia, den irischen Banden - war Ihnen das von Anfang klar?

Ich bin an der Ostküste aufgewachsen, in Rhode Island, da war der Mafia-Einfluss ziemlich spürbar, das war mir nicht fremd. Umgehauen hat mich bei meinen Recherchen dann die Allianz von Hell's Kitchen-Gangs mit dem „Teflon-Don“ John Gotti, und es war ein Blitz der Erkenntnis, als ich bei meinen Nachforschungen zur Gambino-Familie auf jemanden stieß, der ein Green Beret war, beim Geheimdienst, bei Opus Dei und in der Mafia. Daraus wurde dann der Charakter, der bei mir Sal Scachi heißt. Es war fast schon unheimlich, welche Querverbindungen sich da ergaben. So etwas hätte ich mir anfangs nie vorstellen können. Und wenn man einmal in dem Stoff drin ist, hätte man das Buch auch schon in den dreißiger Jahren beginnen lassen können.

War Ihnen denn rasch klar, dass sich die Geschichte über einen Zeitraum von dreißig Jahren erstrecken würde?

Relativ schnell. Es ging ja auch um eine bestimmte amerikanische Mentalität, die man in Vietnam wie im Irak beobachten kann, um den Glauben, dass man irgendwo eindringt, etwas in die Luft sprengt und denkt, das Problem sei damit gelöst. Wie in Sinaloa, wo die Zerstörung der Drogen-Federacíon mit amerikanischer Hilfe dazu geführt hat, dass sich ein neues Kartell formieren konnte.

Wie haben Sie denn für diese Stoffmassen überhaupt eine Struktur gefunden?

Ich habe es in fünf Kapitel aufgeteilt, weil der Fünfakter nun mal zur Tragödie gehört. Es war mühsam darauf zu kommen, ich war phasenweise verzweifelt und habe mit der Form gerungen.

Auch Ihre Sprache ist sehr verschieden von der Ihrer bisherigen Romane! Es gibt mehr verschiedene Perspektiven und Stimmen.

Stimmen waren nie ein Problem für mich, ich höre sie gleichsam. Ich bin sehr diszipliniert beim Schreiben, ich fange morgens um fünf Uhr an und schreibe bis zehn, dann gehe ich raus, laufe sechs, sieben Meilen, und währenddessen schreibe ich im Kopf weiter. Einmal bin ich bei diesem Buch fast von einer Klippe gestürzt, weil ich so vertieft war. Aber das Entscheidende war in diesem Fall, dass ich mir gesagt habe: Verlieb dich nicht in die Fakten, vergiss, dass das alles wahr ist, schreib den Roman, der die Leser interessiert!

Haben Sie eigentlich die Filmrechte an dem Buch verkauft? Wenn man auf das deutsche Buchcover schaut, muss man gleich an einen Michael-Mann-Film denken.

Nein, die Rechte sind nicht verkauft. Es wäre kein guter Film, ich möchte nicht, dass die Totalität des Romans in kleine Stücke zerlegt würde. Ich habe aber übrigens mit Michael Mann das Buch durchgesprochen, er kennt sich in der Materie wahnsinnig gut aus, und er hat mir auf den Kopf zugesagt, wer jeweils für welchen Charakter Pate gestanden hat. Was ich mir allenfalls vorstellen könnte, wäre eine Miniserie. Aber im Moment arbeite ich sowieso mit Oliver Stone an einem Drehbuch nach meinem letzten Roman, „Savages“, der im nächsten Jahr auch bei Suhrkamp erscheinen wird.

Am Ende des Romans klingt Keller wie Voltaires „Candide“, er gießt Blumen und sagt: „Bestell deinen Garten.“ Das klingt fast resignativ!

Es ist das, was einem bleibt, das bisschen Glauben, dass die Welt weitergeht. Man muss ja einen gewissen Glauben kultivieren.

Bis zu „Tage der Toten“ hatte Don Winslow, 56, Thriller und Krimis über Mafiosi und Detektive geschrieben. 2001 führte ihn dann ein Zeitungsartikel über ein Massaker in Mexiko auf die Spur des Drogenkriegs, zur Macht der Kartelle und der Rolle, welche die Geheimdienste der Vereinigten Staaten in diesem Szenario spielen. Aus den Recherchen wurde ein Buch, das dreißig Jahre von 1975 und 2004 umspannt, das auch die Geschichte hinter der Iran-Contra-Affäre erzählt und das bei aller Verwechslungsgefahr mit lebenden Personen und Ereignissen doch ein faszinierender Roman ist, ein blutiges Epos, eine Tragödie voller Politik, Verbrechen und Gewalt.

Die Fragen stelle Peter Körte

Don Winslow: „Tage der Toten“. Kriminalroman. Übersetzt von Chris Hirte. Suhrkamp Taschenbuch. 689 S., 14,95 Euro.

Quelle:
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenMichael MannAfghanistanAmerikaIrakMexikoSan DiegoCIADEADrogenDrogenkriegMassaker