Don Winslow über Mexikos Drogenkrieg

Vergiss, dass das alles wahr ist!

Von Peter Körte
 - 11:57

Am Anfang ist eine blutige Pietà, und am Ende geht es zu wie in Voltaires „Candide“: „Sie hält ihr totes Baby in den Armen.“ - „Bestell deinen Garten und bewahre die Hoffnung auf einen Gott.“ Über dreißig Jahre erstreckt sich die Handlung von Don Winslows Roman „Tage der Toten“, dreißig Jahre im mexikanischen Drogenkrieg, wo die Kokainlieferungen in Tonnen gewogen und die Toten in Tausenden gezählt werden, wo die Intrigen der amerikanischen Geheimdienste einander durchkreuzen; Jahre, in denen der Vietnamkrieg zu Ende geht, die Iran-Contra-Affäre auffliegt und auf Reagan Bush Senior, Clinton und Bush Junior folgen; Jahre, in denen die Sandinisten an die Macht kommen und sie wieder verlieren, in denen salvadorianische Todesschwadrone wüten und Amerika seinen „Hinterhof“ um jeden Preis aufräumen will.

„Tage der Toten“ ist ein grandioses, ein blutiges Epos, dessen Schauplätze scheinbar im Windschatten der Geschichte liegen, in Hinterzimmern, Motels oder mexikanischen Kneipen, auf Mohnfeldern, in der Wüste oder in Flughafenhangars; doch was hier geschieht, das hat mehr Einfluss auf den Verlauf der Geschichte als das, was oben auf der weltpolitischen Bühne inszeniert wird.

Und kaum hat man den Roman gelesen, begegnen einem überall in den Medien verhaftete mexikanische Drogenbarone, die aus Winslows Roman entlaufen sein könnten: Edgar „La Barbie“ Valdez, der aus einer amerikanischen Mittelschichtfamilie stammt und ein Footballstar war; oder Sergio Villarreal, genannt „El Grande“, ein ehemaliger Polizist. Man erfährt von mehr als 25 000 Opfern in den letzten vier Jahren, von der Ohnmacht der Behörden und sieht die Fotos, die dazu passen.

Schnittstellen zwischen Fiktion und Wirklichkeit

Der Mann, der sich die Geschehnisse in seinem Roman weniger ausgedacht als eine düstere Realität in seiner Prosa verdichtet hat, sitzt entspannt im Konferenzzimmer seines deutschen Verlags in Berlin (Siehe auch: Don Winslow im Gespräch: „Der Glaube, dass die Welt weitergeht“). Die Schnittstellen zwischen Fiktion und Wirklichkeit lassen ihn lächeln, fast ein wenig resigniert. Resigniert, weil sich die mexikanische Regierung nun ihrer Erfolge rühmt, obwohl sie damit nur die Konkurrenz schürt zwischen den Fraktionen des Kartells und innerhalb der Fraktionen; weil all das nichts ändert am stabilen Verhältnis von mexikanischem Angebot und amerikanischer Nachfrage, weil der Drogenkrieg auch weiterhin nach Amerika exportiert wird; weil, wie Winslow das nennt, erneut „das Gesetz der unbeabsichtigten Folgen“ regiert: „Man geht dazwischen, doch die Metastasen wuchern weiter.“

Don Winslow, 56, hat einiges von der Welt gesehen, schon bevor er dieses Buch schrieb, er hat eine dieser Biographien, die Verlage so gerne im Klappentext drucken: Detektiv, Geldschmuggler in Südafrika, Verkäufer von Safaritouren in China. Für „The Power of the Dog“, wie der Roman im Original heißt, ist er viel gereist und hat recherchiert, fünfeinhalb Jahre lang, er hat mit Polizisten und Dealern geredet, Akten und Protokolle studiert. Aber allzu viel möchte er nicht sagen über seine Kontakte und Gewährsleute - ernsthaft bedroht worden sei er jedenfalls nicht. Und wenn man ihn fragt, wie es sich denn nun verhält mit dem Realitätsgehalt in seinem Buch, dann sagt er, praktisch nichts im Roman sei komplett erfunden, keine Grausamkeit sei ausgedacht, die Massaker nicht und auch nicht die Kinder, die von einer Brücke geworfen werden, nicht die Leichenteile, nicht der abgeschlagene Kopf, die per Post zugestellt werden.

Und warum hat er dann überhaupt einen Roman geschrieben? „Journalisten können Fakten erzählen“, sagt Winslow und entschuldigt sich vorab schon für das Pathos, „aber Schriftsteller die Wahrheit, und zwar in dem Sinn, dass wir die Möglichkeit haben, ins Innere eines Charakters zu blicken, zu sagen, was er einem Journalisten gegenüber nie sagen würde, worin aber eine emotionale Wahrheit liegt.“ Und das gelte auch für die Drogenbarone, die Mafiosi, die korrupten Beamten. „Es geht darum, dass sie nicht einfach nur Monster sind, sondern lebendige Wesen, Familienväter, smarte Unternehmer. Diese Charaktere sind gleichsam aus dem Material aufgetaucht, sie haben sich herauskristallisiert.“

Hieronymus Bosch malt den Drogenkrieg

Don Winslows Roman hat kaum zufällig einen „Blurb“ von James Ellroy bekommen. Auch er bewegt sich auf einem Terrain, wo Geschichte und Geschichten ineinanderfließen wie Wasserfarbe auf einem Blatt Papier. Er erzählt jedoch nicht in diesem manchmal etwas ermüdenden Ellroy-Stakkato; er schlägt ein mitreißendes Tempo an, das einen durch die fast siebenhundert Seiten trägt, er hat eine knappe, pointierte Sprache mit schlanken, starken Dialogen. Aber er kann auch einen Satz lange nachhallen, ein Bild Sekundenbruchteile länger stehen lassen als üblich: „Der Mohn brennt. Rote Blüte, rote Flammen. Nur in der Hölle, denkt Keller, gibt es flammende Blüten. Er blickt in das brennende Tal wie in eine dampfende Suppenschüssel - was sich dort zwischen den Rauchschleiern abspielt, ist eine Höllenszene. Hieronymus Bosch malt den Drogenkrieg.“

Dieser Art Keller ist das Zentrum des Buches, ein Drogenfahnder der „Drug Enforcement Agency“, ein Agent in allen schillernden Varianten des Begriffs, weil er auch auf eigene Faust arbeitet, weil er, von seinem Wunsch nach Rache besessen, die Apparate von Geheimdiensten und Drogenmafia für seine Zwecke nutzt. Er ist Halblatino und Katholik, skrupellos und schuldbewusst zugleich. „Keller war für mich der Schlüssel“, sagt Winslow, „in gewisser Weise ist er wie Amerika.“ Er ist ein Getriebener, ein Zerrissener, der sieht, wie „das mexikanische Trampolin“ funktioniert: Kokain gelangt aus Kolumbien über Mexiko nach Amerika, die Mafia zahlt mit Waffen, die an die Contras gehen. Keller wird Zeuge, wie Kokain umgeladen wird, das es offiziell nicht gibt, wie die Aktion von einem Mann beaufsichtigt wird, der Craig heißt und unverkennbar nach Oliver North modelliert ist; Keller lügt vorm Untersuchungsausschuss des Senats im Gefolge der Iran-Contra-Affäre - „ein lächerlicher Nebenschauplatz“ angesichts der Entwicklung des Drogenhandels, der Diversifizierung des Geschäfts durch Geldwäsche und Finanzdienstleistungen.

„Ich bin ein Entertainer“

Um Keller, den zeitweiligen „Herrn der Grenze“, herum entwirft Winslow ein großes, gewalttätiges Panorama, mit einer Vielzahl von Charakteren und Querverbindungen, welche auch die Mafia und irische Gangs aus New York ins Spiel bringen. Er habe sich nie träumen lassen, was da alles auftauchen würde bei seinen Nachforschungen, sagt Winslow, deshalb habe er auch so lange mit der Form gerungen. „Ich bin ein Entertainer, ich schreibe normalerweise überschaubare Thriller und Kriminalgeschichten, und hier hätte ich zweitausend Seiten schreiben können.“ Die Form, die er für „Tage der Toten“ schließlich gefunden hat, ist dem Fünfakter entlehnt: Fünf Kapitel einer Tragödie, mit einem Showdown wie im Kino, denn, sagt Winslow, irgendwann habe er sich ermahnen müssen: „Verlieb dich nicht in die Fakten, vergiss, dass das alles wahr ist, schreib einen Roman, der die Leser hineinzieht!“

Die Ermahnung hat geholfen. Und wenn der deutsche Buchumschlag mit seinen gräulichen, verwischten Palmen und Schildern auch an einen Film von Michael Mann denken lässt, so sperrt sich der Roman in seiner Totalität doch gegen das Medium des Kinos. Deshalb habe er die Filmrechte auch nicht verkauft, sagt Winslow, „ich möchte das Buch nicht zerstückelt sehen“. Aber, fährt er fort, „Sie werden lachen, ich habe das Buch mit Michael Mann durchgesprochen, er kennt sich in der Materie wahnsinnig gut aus“ - und ist natürlich viel zu klug, um es verfilmen zu wollen.

Wenn „Tage der Toten“ im Jahr 2004 mit seinem „Candide“-Finale ausklingt, geht die Geschichte weiter, hört nicht auf mit den jüngsten Verhaftungen. „Ich wundere mich immer, wenn es in den Zeitungen heißt, der Krieg in Afghanistan sei unser längster Krieg“, sagt Winslow, „aber das stimmt nicht, der sogenannte ,War on Drugs' ist es, er dauert seit 1973. Siebzehn Milliarden Dollar hat er gekostet, was hätte man damit alles Sinnvolles tun können!“ Es sei eine „amerikanische Mentalität“ anzunehmen, man könne irgendwo intervenieren, etwas in die Luft jagen und denken, das Problem sei damit gelöst.

Don Winslow klingt nicht allzu optimistisch

Wie löst man es denn dann? „Man muss an den Profit ran“, sagt Winslow ohne zu zögern, und dieser Weg führe unausweichlich zur Legalisierung von Drogen, zu Verhandlungen der mexikanischen Regierung mit dem mächtigsten Drogenkartell - was angesichts der Verflechtungen, der Duldung und Durchstechereien gar nicht abwegig wirkt. Anders komme man da nicht raus. Don Winslow klingt nicht allzu optimistisch dabei.

Und damit das Szenario einen nicht so deprimiert hinterlässt, wie sich der Autor nach Abschluss seines Manuskripts fühlte, reden wir dann schnell noch über seinen Doppelgänger, jenen Don Winslow, der sogenannte erotische Romane mit so schönen Titeln wie „Slave Girls of Rome“ schreibt. Manchmal sei das schon ein bisschen lästig, weil er immer wieder darauf angesprochen werde, sagt Winslow, aber der andere Winslow sei schon um die achtzig, eine Lösung dieses Problems also zumindest in Sicht; so dass er auch nicht auf das Angebot des anderen Dons eingehen müsse, ihm seinen Namen für einen hohen fünfstelligen Betrag zu verkaufen.

Don Winslow: „Tage der Toten“. Kriminalroman. Übersetzt von Chris Hirte. Suhrkamp Taschenbuch, 689 Seiten, 14,95 Euro.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Körte, Peter (pek)
Peter Körte
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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