Laudatio auf Reich-Ranicki

Literatur ist sein Überlebensmittel

Von Frank Schirrmacher
 - 14:00

Vor sechsundzwanzig Jahren lieferte ich in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ meine erste Rezension bei Marcel Reich-Ranicki ab. Das Zimmer, von dem aus er die deutsche Literatur regierte, maß damals wahrscheinlich keine zehn Quadratmeter. Die Sache war so, dass man ihm gegenübersaß, während er, tief über das Manuskript gebeugt, redigierte. Erst später begriff ich, dass ich einer über die Jahre immer perfekter werdenden Inszenierung beiwohnte. Es gehörte beispielsweise zu den Gesetzmäßigkeiten, dass man – zitternd vor dem Urteil – Reich-Ranickis Miene nichts ablesen konnte. Er sprach auch während der Lektüre kein Wort, also kein spontanes: „Ah, gut“ oder „Nicht gut“. Allerdings hieß das nicht, dass er still und stumm war. Das Redigat wurde von einer besonderen Atemtechnik begleitet, einer Lautkulisse, die vom Seufzen ins leise Zischen hinüberspielte, einer besonderen Form des Ausatmens, die im Wesentlichen mit unterschiedlichen Luftströmen hantierte, die ein uneingeweihter Beobachter auch als Prusten hätte missverstehen können.

Gott, so heißt es in der Kabbala, hat einen Lehmklumpen namens Adam geformt und ihm dann, um ihn lebendig zu machen, zischend Luft durch die Nase eingeblasen. So in etwa saß Marcel Reich-Ranicki vor den Manuskripten. An den Strichen und Streichungen, die erst behutsam begannen, um immer grundsätzlicher, größer, ausufernder zu werden, konnte man ermessen, wie er aus dem Text, an dem nächtelange gefeilt wurde, etwas Menschliches knetete. Seine ganze Körpersprache schien zu sagen: Du hast mir hier einen Klumpen Lehm geliefert, und ich mache daraus etwas Lebendiges. Manchmal hielt er inne, um sich die Brille zu putzen. Dann war er zum letzten Wort gekommen, und damit erfolgte endlich das Urteil: „Mein Lieber, das können wir auf der Seite 2 eventuell drucken, wenn Sie den Anfang komplett umschreiben und alle Fremdworte streichen; aber für Sie, merken Sie sich das, gilt das Sprichwort: ,Er hört die Glocken, aber er weiß nicht, wo sie hängen.‘“

Später erfuhr man von Veteranen, dass man damit noch recht gut gefahren war. Bei Neuankömmlingen galt das erste Redigat als Mut- und Angstprobe. „Wenn das für Sie schon aufregend ist, das ist doch gar nichts“, sagte ein älterer Haudegen und fügte mit undurchdringlichem Blick hinzu: „Sie müssen sich erst mal von ihm im Auto fahren lassen.“

Reich-Ranicki ist, anders als viele denken, viel mehr ein Ermöglicher und Förderer als ein Verreißer und Vernichter. „Haben Sie je ein Urteil bereut?“, wurde er einmal gefragt. „Nur die, wo ich falsch gelobt habe“, war seine Antwort.

Die dunkle Quelle seines Humors

Der Name Börne, in dessen Zeichen wir uns hier versammelt haben, reicht aus, um sich daran zu erinnern, dass das Interesse, die Neugierde, die Reich-Ranicki regelmäßig zu wecken versteht und denen der Buchhandel ganze Bibliotheken von Bestsellern verdankt, dass dieses Verfahren für ihn ein Überlebensmittel gewesen ist. Er musste, um zu überleben, jeden Abend seinem polnischen Retter Bolek, bei dem er vor den Deutschen untergetaucht war, bei Laune halten. Er musste Geschichten erzählen, die, wie bei Scheherazade in „1001 Nacht“, an der spannendsten Stelle aufhören, damit der neugierig gewordene Bolek ihn und Tosia noch eine Nacht und noch eine Nacht bei sich behielt.

Wer diese dunkle Quelle seines Humors nicht kennt, wird nie verstehen, warum dieser so erfolgreiche, beliebte, gefeierte Mann sich bis heute für einen Außenseiter hält, der, wie Börne und Heine, nur die Literatur zu seinem Vaterland erklärte. In großer, nicht ganz typischer Bescheidenheit, hat Marcel Reich-Ranicki einmal gesagt, ihm reiche als Nachruhm das irgendwann irgendein ferner, noch gar nicht geborener Student seine Bücher in der Bibliothek entdeckt und es ihm gefällt, was er liest.

Ich stelle mir diesen Studenten vor und wie er das verstehen soll und verstehen wird, was er da liest. Er wird feststellen, dass Marcel Reich-Ranicki eine ganze Ära der deutschen Literatur entscheidend mitprägte, dass er den Deutschen über Jahrzehnte hinweg die Lust an der Literatur vorlebte, dass er gefeiert, gerühmt und ausgezeichnet wurde. Und dann stößt er auf die Widmung in einem der wichtigsten Bücher von Marcel Reich-Ranicki: „Über Ruhestörer – Juden in der deutschen Literatur“. Sie lautet: „Da dieses Buch von Juden in der deutschen Literatur handelt, widme ich es dem Andenken jener, die von Deutschen ermordet wurden, weil sie Juden waren. Zu ihnen gehören mein Vater David Reich, meine Mutter Helene Reich, geb. Auerbach und mein Bruder Alexander Herbert Reich“.

Repräsentant des literarischen Deutschlands

Literatur, das hat Marcel Reich-Ranicki einer durch den Deutschunterricht der fünfziger Jahre zermürbten Gesellschaft klar gemacht, kann unterhaltsam, amüsant sein, und sie kann Heimat sein. Aber eben nicht nur. Sie ist ebenso unheimlich, sie weiß manchmal von Dingen, die die Welt um sie herum nicht einmal ahnt. Es sind die Außenseiter, es sind die Juden in der deutschen Literatur, die dafür ein untrügliches Sensorium hatten.

Die literarischen Kämpfe der fünfziger und sechziger Jahre sind heute weitgehend vergessen, vieles spielte sich auch hinter den Kulissen ab. Namen wie Gerd Gaiser etwa, der die Hoffnung einer eher restaurativen Kulturkritik war, finden sich längst nicht mehr in Lesebüchern. Rückblickend lässt sich sagen, dass damals über den Weg der Literatur ausgehandelt wurde, wer der literarische und geistige Repräsentant eines neuen Deutschland werden sollte. Jawohl, es gab Absprachen und Strategien, es wurden Geheimgespräche anberaumt und Bewerber sortiert als ginge es um das höchste Amt im Staate.

Das Deutschland der damaligen Zeit benötigte diesen Repräsentanten, weniger aus literarischer denn aus geistiger Sicht. Goethe und Thomas Mann hatten die Tradition dieses besseren Deutschland begründet. Die Wahl fiel auf Heinrich Böll, eine glückliche Wahl, wie wir heute sagen können, und es besteht kein Zweifel, dass es Marcel Reich-Ranicki zu danken ist, dass Böll den Nobelpreis für Literatur bekommen hat. Sie haben, lieber Herr Reich-Ranicki, vor einiger Zeit einen Preis abgelehnt, aber von Ihrem Amt als Repräsentant des literarischen Lebens in diesem Land sind sie nie zurückgetreten, auch die F.A.Z. haben Sie glücklicherweise niemals verlassen. Es ist gut, dass wir so ein Staatsoberhaupt in der literarischen Republik haben.

Frank Schirrmacher hielt diese hier gekürzt wiedergegebene Rede gestern in der Frankfurter Paulskirche.

Quelle: F.A.Z.
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