Suhrkamp

Es gibt sie noch, die guten Bücher

Von Richard Kämmerlings
 - 16:40

Andreas Maier war auch schon da. Der eingefleischte Schoppentrinker und Stammtischgründer hat sich gerade wieder – nach Auslandsjahren in der Südtiroler Provinz – gemütlich in der „Frankfurter Ländlichkeit“ eingerichtet, da erreicht die Eintracht das Pokalfinale, und der Fußballfan muss nach Berlin. Dort besucht er auch die stilbildende Kastanienallee, deren Kneipen ihn an sein altes Jugendzentrum in Friedberg in der Wetterau erinnern: „Selbst den etwas fiebrigen Gesichtsausdruck, diese fliegende Hitze, die man immer beim Hip-Sein hat, dieses leicht von sich selbst Berauschte, kannte ich noch.“ Ein Déjà-vu, dem Maier rasch wieder entflieht.

Es ist ein sympathisches und ungewohntes Zeichen von Selbstironie, dass der Suhrkamp Verlag Maiers Reisebericht in den Sonderband „zum 60. Jahr“ aufgenommen hat, ein Programm, das, so Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz feierlich und tautologisch im Vorwort, „von den nächsten Schritten“ des Verlages handelt. Gerade erst ist Suhrkamp von Frankfurt nach Berlin, aus dem „Apfelweinschnarchnest“ (Maier) ins „Labor“ (Berkéwicz), umgezogen und hat seine Zelte in der Pappelallee (ebender Verlängerung der Kastanienallee) aufgeschlagen, da präsentiert man, edel in tintenblaues Leinen gebunden, die aktuellen Frühjahrstitel auf dreihundert Seiten, als seien es allesamt neue Stichworte zur geistigen Situation der Zeit. Ein bisschen fühlt man sich an den Manufactum-Katalog erinnert: Es gibt sie noch, die guten Bücher.

Neoavantgardistisches Wortgebuzzel

Schon der – dem neuen Buch von Oswald Egger entlehnte – Titel macht den Anspruch deutlich: „Die ganze Zeit“ ist die Anthologie überschrieben und bezeichnet zugleich den Willen zur umfassenden Gegenwartsdeutung wie zur Neu- und Weiterdeutung der gesamten Verlagstradition. Diese Universalität wird freilich durch Details zugleich relativiert. Schon im Editorial verwundert die Nichterwähnung des Verlagsgründers Peter Suhrkamp. Als maßgebliche Zäsur erscheint der Tod Siegfried Unselds, „der den Verlag erfunden“ habe, „der dem Geist Gehör verschaffte, das Wort zur Geltung brachte, die Intellektualität populär machte“, so, als habe Suhrkamp mit Schundliteratur begonnen.

Das Programm versammelt auf beeindruckende Weise Leuchttürme der Suhrkamp-Kultur in Neuausgaben und Nachlassfunden – Brecht und Joyce, Koeppen und Nelly Sachs, Ingeborg Bachmanns „Kriegstagebuch“ und Max Frischs „Tagebuch 3“, Foucaults späte Vorlesungen, Luhmanns „Politische Soziologie“, Unbekanntes von Blumenberg, Aufsätze von Koselleck und Hacks. Hier läuft die Geistmaschine Suhrkamp auf Hochtouren.

In der Gegenwartsliteratur freilich fällt die Spannungskurve deutlich ab. Der neue Roman der Prix-Goncourt-Trägerin Marie NDiaye lockt noch am meisten, im Juni kommt das neue Buch von Christa Wolf, im März ein neuer Roman von Hans-Ulrich Treichel. Ansonsten die erwähnten Kolumnen von Andreas Maier, ein Preisredchen von Josef Winkler, Essays von Amin Maalouf, Gedichte, lyrische Prosa und ein paar Romane kaum bekannter ausländischer Autoren. Die deutsche Literatur ist repräsentiert durch Michael Scharang, den ja inzwischen in jedem Programm vertretenen Dietmar Dath und den offenbar mit gewaltigem Vorschuss(lorbeer) versehenen Oswald Egger, dessen neoavantgardistisches Wortgebuzzel schon als vierseitiger Auszug kaum zu goutieren geschweige denn zu lesen ist.

Geht es nicht auch eine Nummer kleiner?

Also eigentlich ein ganz normales, durchwachsenes, „resilientes“ (Berkéwicz) Suhrkamp-Programm, das als Wegweiser allerdings reichlich überstrapaziert wirkt. Klar und erfreulich ist, dass der Verlag sein Heil nicht in der Kommerzialisierung suchen, sondern wie das berühmte gallische Dorf den „kühlen Rechnern“ und den „Halsabschneidern des Weltunternehmens Ramsch, Schund und Partner“ widerstehen will. Jüngst hat die Verlegerin mehrfach gegen die Entwicklungen der Branche und der wachsenden Macht der digitalen Sphäre die „geheiligte Ware Buch“ hochgehalten.

Was hier irritiert, ist allerdings der kultur- und medienkritische Furor, mit dem zu den technischen Entwicklungen in toto auf Distanz gegangen wird. In ihrem skurrilen Interview mit der „Berliner Zeitung“, in dem sie die „breiten Straßen“ der Hauptstadt pries, auf denen man (bei einer Demo? der Maiparade?) „nebeneinander“, vielleicht sogar „ein Stück weit aufrecht und geradeaus“ gehen könne, sind die Medien der Feind: „Den Kairos oder die Katharsis kann man nicht vor dem Bildschirm erleben.“ Wirklich nicht? Warum macht Suhrkamp dann selbst aufwendige DVD-Editionen? Im Vorwort heißt es nun, dass „das Fernsehen und die anderen Massenmedien“ sich „zum geschriebenen Wort“ verhielten „wie die Atombombe zum Faustkeil“. Geht es nicht auch eine Nummer kleiner?

Das Lob des Nomadischen, Beweglichen, Ortlosen, der permanenten Revolution kollidiert mit der Dämonisierung einer digitalen Zukunft, deren Verfechter sich oft ähnlicher Phrasen bedienen. Auch die eschatologischen Züge, mit denen die Verlagsgeschichte versehen wird, ist aus der Internetwelt bekannt. Teil des Jubiläumsprogramms sind auch Walter Benjamins Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ in einer Faksimile-Ausgabe. Der Vorschautext, der die Erkenntnis betont, dass die Katastrophe nicht der Ausnahmezustand, sondern die Regel ist, schließt, die Thesen seien ein „klassisches work in progress“. In These V schreibt Benjamin: „In jeder Epoche muss versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen. Der Messias kommt ja nicht nur als der Erlöser; er kommt als der Überwinder des Antichrist.“ In Berlin fühlt sich Suhrkamp der Erlösung offenbar näher.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAndreas MaierUlla Unseld-BerkéwiczBerlinFriedbergSuhrkamp