Theo van Gogh

Die Niederlande nach dem Mord

Von Dirk Schümer
 - 17:06

Die sicher fünfzigtausend Menschen, die nach dem Mord am niederländischen Filmemacher Theo van Gogh auf dem Amsterdamer Rathausplatz spontan zu einer Demonstration zusammenströmten, bestätigen eindrucksvoll die hochbesorgte Deutung der Zeitung "NRC Handelsblad": "Es war ein Terrorakt gegen die Demokratie." Der Provokateur van Gogh hatte sich in letzter Zeit die frauenfeindlichen und fundamentalistischen Zweige des Islam als bevorzugtes Ziel seiner Polemik gesucht; und nun ist ihm der Machtkampf mit den gewalttätigen Dunkelmännern dieser Religion, die mitten in einer offenen Gesellschaft ihre blutige Rachejustiz üben, zum Verhängnis geworden.

An dieser trüben Einsicht ändern auch die lautstarken Proteste nichts, zu denen Amsterdams Bürgermeister Job Cohen gleich nach der Tat aufgefordert hatte. Mit Trillerpfeifen, Trommeln, Feuerwerk und Theo-Sprechchören erinnerte die surreale Demonstration eher an eine Siegesfeier von Ajax Amsterdam - sonst der einzige Anlaß, zu dem so viele aus dem bunten Stadtvölkchen, ob mit Fußballtrikots oder unter Kopftüchern und Turbanen, auf die Straße gehen. Die bemüht trotzige und krachige Atmosphäre kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß man - wie Oppositionsführer Wouter Bos - den Mord für noch schlimmer hält als die feige Liquidierung von Pim Fortuyn, und zwar, weil hier der Täter aus dem Milieu der Einwanderer kommt.

"Wer wird der nächste sein?"

Sofort nach der Tat schickte die Polizei ihre Stadtteil-Agenten in die unruhigen Viertel, ängstlich und bislang zu Unrecht besorgt, nun könnten Unruhen ausbrechen. Zwar haben sämtliche Muslim-Organisationen ihren Abscheu über die Tat bekundet, doch sickerte durch, daß der mutmaßliche Täter am Rande ins Visier der Geheimdienste geraten war, als man nach möglichen Gewalttätern in der islamischen Szene suchte. Die liberale Parlamentarierin Hirsi Ali, mit der zusammen van Gogh den fatalen Kurzfilm "Submission" über sexistische Gewaltpassagen des Korans erstellt hatte, griff denn auch die laxen Sicherheitskräfte an: "Offenbar wird es in diesem Land zur Gewohnheit, mit Personenschutz zu warten, bis es Tote gegeben hat."

Auffallend ist bereits die Wendung, mit der nun am lautesten die politische Linke Maßnahmen gegen fundamentalistische Gewalt fordert, nachdem über Jahrzehnte das Gegenteil - oberflächlicher Multikulturalismus, laxe Integration, positive Diskriminierung von Einwanderern - auf der Agenda stand. Nun fragt der Chef der Linkssozialisten, Jan Marijnissen, erschrocken: "Wer wird der nächste sein?" Noch härterer Protest erklingt plötzlich aus dem Kreis der Gefährdeten. Die Schriftstellerin Heleen van Royen ruft in die Mikrophone, es müsse doch auch ein Ende haben mit der schrankenlosen Toleranz. Und van Goghs Filmemacher-Kollege Eddy Terstall warnt: "Die Faschisten sind unter uns. Jemanden zu ermorden für einen Gott, den es nicht gibt - das ist Holland anno 2004."

„Kampf zwischen freiem Wort und Fanatikern“

Aus ihrer lärmigen Provo-Welt der schrillen Happenings, des höheren Spaßes der Autorenfehden, der schockierenden Filme sind die so aufgeklärten und spielerischen Intellektuellen Amsterdams unversehens in einen realen Kugelhagel, in archaische Ritualgewalt geraten. Und viele fragen sich, ob es nicht der Schlaf ihrer eigenen Vernunft war, der dieses Monster gebar. Allenthalben herrscht Resignation, weil eine fragile Lebensform zur Disposition steht. Es gebe keine Perspektive mehr, wenn so etwas geschieht, lamentierte Leon de Winter, der mit van Gogh über den vermeintlichen Antisemitismus in dessen Zeitungskolumnen prozessierte.

Und der Romancier Roland Giphart, der gerade mit van Gogh an einem Drehbuch arbeitete, weinte wie ein bockiges Kind: "Wenn man hier für seine Meinung ermordet wird, dann sind für mich die Niederlande kein schönes Land mehr." Ob schönes oder häßliches Land - das scheint für die Verantwortlichen in der Politik, die einen solchen Mord offenbar schon lange befürchtet hatten, nicht mehr die Frage zu sein. Bezeichnenderweise sind es die Sozialdemokraten, die als erste eine Verstärkung der Polizei, insonderheit des Personenschutzes auch für Meinungsmacher, fordern. Ihr Vorsitzender Wouter Bos sprach martialisch von einem "Kampf zwischen dem freien Wort und religiösen Fanatikern. Das kann viel Schlimmes in der Gesellschaft lostreten."

Multikultureller Schmusekurs an seinen Grenzen

Sogar Justizminister Donner, ein frommer Calvinist, sinnierte bitter über die Grenzen der offenen Gesellschaft: "Wenn dies Menschen geschieht, die nichts als ihre Meinung äußern, dann kann man in diesem Land nicht mehr anständig leben." So eint der Mord an van Gogh mehr noch als der an Fortuyn alle politischen Lager, doch geschieht dies mit einem markanten Ruck zu mehr Kontrolle, Wehrhaftigkeit und Mißtrauen gegenüber den "Allochthonen", deren ethnische Herkunft in den Medien - etwa bei Verbrechensmeldungen - nicht einmal erwähnt werden durfte. Dieser multikulturelle Schmusekurs ist schon seit Fortuyns tragischer Politkampagne an seine Grenzen geraten.

Gegen eine verkehrte Toleranz fürs Intolerante und gegen die Feigheit der Zivilgesellschaft angesichts muslimischen Forderungen nach Privilegien, Kleiderordnungen, Sondersitten hat van Gogh zuletzt mit großer Vehemenz gestritten und sich dafür auch einmal als echter Provo im karnevalistischen Scheichskostüm ablichten lassen. In einem Interview des belgischen Radios vor drei Wochen wurde er gefragt, ob er denn keine Angst habe. Lachend antwortete er, an seiner Arroganz würden alle Kugeln abprallen: "Und wer schießt denn schon auf den Dorfdeppen?" Die niederländische Gesellschaft kennt die Antwort.

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