Tonträger

Nils Petter Molvaer: Die DJ-Culture mixt zurück

Von Fridtjof Küchemann
 - 21:30

Als Anfang 1998 die erste Solo-CD des Norwegischen Trompeters Nils Petter Molvaer erschien, ging ein Rauschen und ein Raunen durch die Fan-Gemeinde der gut sortierten Münchner „Edition of Contemporary Music“. Auf „Khmer“ vereinte sich die nördliche Epik, wie man sie mit Jan Garbarek und ECM bisher assoziierte, mit der rhythmischen Wucht des Drum'n'Bass und artverwandter Musik - und einer Trompete, die in ihrem filigranen, unsteten Klang an den späten Miles Davis erinnerte.

Molvaer kennt keine Berührungsängste mit den musikalischen Errungenschaften der DJ-Culture. Das Besondere: Anders als bei vielen Crossover-Projekten zwischen Jazz und moderner Tanzmusik reduziert er den Beitrag des Jazz nicht auf seine Klangfarben und Phrasen, die als Samples oder Fill-Ins häufig zum Ornament verkommen. Wie Molvaer arbeitet, und warum dabei Jazz entsteht, sieht man am besten auf seinen Live-Konzerten. Und wie aus dieser Musik in einem zweiten Schritt dann doch wieder Club-Musik werden kann, zeigt die Remix-CD „Recoloured“, die gerade in die Plattenläden gekommen ist.

Begreifen

Auf der Bühne arbeitet „Khmer“, so heißt auch die Band um den Trompeter, außerhalb der Gleichzeitigkeit. Sie spielt im laufenden Betrieb Samples ein, die sie später abruft, und manipuliert ihre Töne elektronisch. Molvaer spielt mit zwei Mikros, das eine für den unveränderten Sound, während er über das andere die Effektgeräte füttert, die Töne vervielfältigt, in Akkorde auffächert, durch Echokammern schickt. Oszillierende Klangteppiche werden von Gitarrist und DJ zusammen eingefärbt und in Bewegung gehalten. Plötzlich unterbricht der Schlagzeuger sein Spiel, und der DJ reicht ihm den frisch mitgeschnittenen Groove manipuliert zurück, seltsam dumpf und flau wie durch Milchglas gespielt.

Es sind die Grooves und die Arbeit mit Samples, die Molvaer aus dem musikalischen Feld von Ambient Music und Breakbeats geliehen hat. Und sein souveräner Umgang mit Effektgeräten bei Live-Auftritten - neben dem porösen Klang die zweite Verbindung zu Miles Davis. Wenn der Norweger auch zu seiner zweiten Platte „Solid Ether“, die vor einem Jahr in die Läden kam, anerkannte Produzenten der Szene auf Remixes des Materials einlädt, bekundet er hiermit auch seinen Respekt vor dieser musikalischen Arbeit.

Antworten

Die Ergebnisse, auf der CD „Recoloured“ zusammengefasst, sind ihrerseits respektvoll dem Original gegenüber - und respektabel. Auch wenn sie zuweilen nur kleinste Partikel oder bis zur Unkenntlichkeit zerdehnte Samples zur Grundlage ihrer Tracks machen: Immer ist der Ansatz erkennbar, einen bestimmten Zug der Musik Molvaers zu pointieren.

Der französische Produzent Joakim Lone etwa verwandelt das Titelstück der Molvaer-Platte in eine Soundlandschaft, die eher an die Arbeiten der furiosen Fusion-Band „Wheather Report“ um Joe Zawinul oder, noch früher, an die „Bitches Brew“-Einspielungen von Davis erinnert. Schlagzeuggetriebene und neu eingespielte wahnwitzige Synthesizerpassagen nach Art der 70er treffen auf das Akkordspiel Molvaers, von dem Reste durch das Stück geistern. Jason Swinscoe und sein Cinematic Orchestra gehen noch einen Schritt weiter, indem sie über eine wiederkehrende Bassfigur ihre freien Jazzsoli laufen lassen - Reminiszenzen an die Aufbrüche des Jazz der 60er und 70er Jahre.

Einer der Altmeister der elektrischen Jazz-Produktion beschließt die Sammlung. Mit seinem Remix von Miles Davis-Aufnahmen der Jahre 1969-74 hatte Bill Laswell vor Jahren in der aufgeschlossenen Jazzwelt für Aufsehen gesorgt. Wer in Erinnerung an „Panthalassa“ allerdings eine Fortsetzung der Jazzrock-Anspielungen auf „Recoloured“ erwartet, wird überrascht. Den tragenden Klang von Tabla-Percussion setzt Laswell gegen eine Dub-Bass und streut großzügig Fundstücke aus der Klangvielfalt Molvaers ein. Die Trompete trägt durch den Mix.

Übersetzen

„Recoloured“ versammelt Übermalungen, Fehlfärbungen und Assemblagen des schon im Original schwer greifbaren Materials aus „Solid Ether“. Dabei sind es Erinnerung und gedankliche Rekonstruktion dieser Aufnahmen, die durch die Remix-CD tragen. Wer sich mehr für die differenzierten Sounds und Dramaturgien des Jazz, für seine Textur begeistert, als für Songformate und solistisch virtuose Chorusse, wird „Recoloured“ mit Interesse hören.

Nils Petter Molvaer: „Recoloured - The Remix Album“ ist auf Universal Jazz erschienen.

Quelle: @kue
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenMiles Davis