Twittern im Museum

Von Tweet zu Tweet

Von Swantje Karich
Twittern im MuseumTwittern im Museum
© Städel, F.A.Z.
„Twittern im Dunkeln“ heißt der Tweetup in der Ausstellung „Schwarze Romantik“. In Frankfurt nennt man die Sache dann „Kultup“

Das klingt nach Stress: Jemand betrachtet ein Gemälde, folgt einer Führung, tippt Überlegungen in sein Smartphone, macht ein Foto, hängt es an die Nachricht, schickt das Ganze ab und schenkt seine Aufmerksamkeit wieder dem Gemälde. Eigentlich geht die Aktionskette noch weiter: Man liest, was die anderen um einen herum und im Netz gesendet haben, um parallel in die Debatte einzutauchen. Stop! Wovon ist hier die Rede?

Von einer Hochkulturerfahrung im digitalen Zeitalter. Zu dieser nervlichen und auch für den Touchscreen-Daumen körperlichen Anstrengung treffen sich Kunsthistoriker, Kunstinteressierte und Kunstunbedarfte zurzeit in Museen - freiwillig. So etwas nennt sich „Tweetup“ und ist schnell erklärt: Über den Microbloggingdienst Twitter, die Websites der Museen sowie altbekannte analoge Kanäle wird zu einer exklusiven Führung in einem Museum eingeladen.

Holzklasse und Museum 2.0

Die Besucher aber kommen nicht und lauschen andächtig dem Vortrag, sondern sie halten ihre Telefone bereit, ihre iPads in den Händen, die sie wild betippen: Denn auch ihre Ansichten und Eindrücke sind gefragt. Was sie über die Bilder und die Ausstellung denken, was sie fühlen, was sie begeistert und ärgert, senden sie in die digitale Welt. Die Inhalte sind dort unter einem Stichwort (“Hashtag“), zum Beispiel „#tweetup“, zu verfolgen. „Holzklasse“ nennen sie die Menschen mit Notizblock und Bleistift, die erst im Nachhinein über die Aktionen berichten.

Die Museums-Tweetups haben in Deutschland mit kleinen Guerrilla-Aktionen begonnen, organisiert von einer Social-Media-Gruppe aus München: den „Kulturkonsorten“. Sybille Greisinger und Christian Gries, beide Kunsthistoriker, verabredeten sich, und los ging es. Sie stehen auch hinter der 2011 erstmals veranstalteten Tagung „aufbruch. museen und web 2.0“, die bei ihrer zweiten Ausgabe in diesem Jahr die Mitarbeiter der Museen endlich in der digitalen Gesellschaft aufgewacht sahen. „Grundsätzlich ist jeder zu diesen Terminen eingeladen, der ein Smartphone besitzt und über einen eigenen Twitteraccount verfügt“, sagt Christian Gries. Mittlerweile können sich die Museen zwischen mehreren Anbietern entscheiden, „kultup“ in Frankfurt und „museup“ in Berlin. Auch für Dresden ist bereits ein Projekt angekündigt.

Führung ohne Blickkontakt

Ein Tweetup dauert eine bis maximal zwei Stunden. Es geht dabei nicht um einen umfassenden Ausstellungsbesuch, sondern um eine Ergänzung, in der Organisation ähnlich einem Flashmob. Hier zählt die Wertschätzung der individuellen Inhalte, der Meinungen Einzelner, die über Twitter live mitverfolgt werden können. Schaut man auf die Einträge, zum Beispiel aus dem Deutschen Museum München, entsteht der Charme einer kunstaffinen Dada-Comedy: „Das Museumsgebäude steht auf 1500 Betonpfählen, die bis zu sieben Meter in den Inselboden gerammt wurden.“ - gefolgt von „Fernrohr: mit dem Neptun entdeckt wurde?“ Welchen Sinn hat das? Lohnt sich das für die Museen?

330 Tweets wurden bei einem Besuch im Haus der Kunst in München mit anschließender Fahrt zum Archiv von Rupprecht Geiger gezählt; Vorort und durch Mitleser von Wien bis Frankfurt. Getwittert wurde in Deutsch, Englisch und Französisch. Auf der Internetseite von kulturkonsorten.de heißt es, dass „270 000 Leser erreicht worden seien“. Dieser Tweetup ist besonders interessant, weil verschiedene Orte verknüpft wurden: die Schau „Geschichten im Konflikt“ zur Historie des Ausstellungshauses mit einer Führung durch das außerhalb von München gelegene Rupprecht-Geiger-Archiv.

Die Twitterer wurden von der Enkelin des Malers, Julia Geiger, und der Kunsthistorikerin Sandra Westermayer geführt; diese zeigten ihnen Werke aus dem Depot, erlaubten einen Blick in Geigers „Pigmentraum“. Julia Geiger beschrieb später in einem Blog die Erfahrung so: Es sei „ein wenig irritierend“ gewesen, „die tippenden Teilnehmer zu führen. Keine Blickkontakte, kein Feedback. Ziemlich verunsichernd!“. Wir hätten gerne noch länger darüber reden können, aber sowohl die Twitterer als auch die Mitverfolger da draußen“ hätten eine Pause gebraucht.

Eroberung der Öffentlichkeit

Was tut man nicht alles, um die Aufmerksamkeit der digitalen Nutzer zu gewinnen? Ist dies alles nicht Marketingquatsch? Christian Gries findet, die Tweetups seien ein „Gemeinschafterlebnis“ und überaus anspruchsvoll. Die digitalen Medien haben sich tatsächlich sehr verändert und sind nicht mehr die Simulation einer anderen Welt, wie „Second Life“ es prophezeite, sondern der kommunikative Erweiterungsbau der Museen.

Wenn die Museen die Technik nicht frühzeitig und sinnvoll nutzen, verlieren sie den Anschluss. Tweetups sind deshalb kein Spleen überdrehter Kunsthistoriker, die ihre Bildmotive wiederbeleben wollen, sondern eine Vermittlungsform, die gerade kleinen und von der Allgemeinheit wenig verwöhnten Institutionen ein Forum bietet. In den sechziger Jahren verließen die Künstler die Museen, um den öffentlichen Raum zu erobern. Jetzt wird die verlorengeglaubte Internetwelt über Tweetups wieder zurückgeholt; sie sind allerdings nur ein Vorschein auf einen möglichen Umgang mit digitalen Angeboten.

In München fand zum Beispiel eine Führung in der Krippensammlung des Bayerischen Nationalmuseums statt, parallel traf man sich auch im Schwäbischen Krippenmuseum in Mindelheim, andere wanderten durch Münchens Kirchen. Das sind definitiv keine Plätze, an denen man bislang schon digitale Nutzer angetroffen hätte. Bildmotive von den verschiedenen Orten wurden verglichen und diskutiert. Diese Weihnachtsaktion wurde dann bei Twitter zusammengeführt - mit einem twitternden Pfarrer, einem Experten zum Thema und natürlich den Einwürfen von den Nutzern zu Hause.

In Asien und Amerika sind Tweetups Alltag. Wer einen Termin verpasst hat, kann nachher alles in einer Tweet-Bibliothek nachlesen. Das American Museum of Natural History in New York etwa hat sein erstes Tweetup unter ein Thema gestellt: „Brain. The Inside Story“, also wie und warum wir in der Lage sind, Ärger und Scham zu fühlen. Auch in Deutschland häufen sich die Aktionen: Am 12. November hat das Berliner Ausstellungshaus für Fotografie c/o Berlin erstmals zum Tweetup eingeladen.

In der Hauptstadt nennt sich das Getwittere „#Museup“. Thema wird die aktuelle Ausstellung mit Bildern des großartigen Fotografen Joel Sternfeld sein. Mehr als die Hälfte der Personen auf der Teilnehmerliste sind übrigens Frauen. Das Ganze stellt demnach keine klassische Nerdaktion dar.

Die Tweetups machen niemandem Konkurrenz. Im Gegenteil. Es wäre schön, könnten sie die Sorge der Museen, dass wir unseren Blick ganz und gar der digitale Welt schenken, zumindest ein wenig mindern.