Vorwürfe gegen James Levine

Missbrauch von Jungen

Von Jan Brachmann
 - 16:45

Für schmutzige Witze war der Dirigent James Levine seit langem gut. Man erzählte sie sich in der feinen Gesellschaft von New York ebenso wie in Musikerkreisen weltweit. Übersetzungen ins Deutsche gelangen äußerst pointiert. Und als Levine Chef der Münchner Philharmoniker werden sollte, wurden die Gerüchte um ihn 1997 sogar kurzzeitig Thema der Regionalpolitik. Im Netz kursieren Andeutungen, Levine sei bereits 1980 verhaftet worden, weil er sich unziemlich benommen haben soll. Insofern dürfte niemand wirklich überrascht sein, dass die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen den Vierundsiebzigjährigen jetzt, nachdem man lange darüber getuschelt hatte, öffentlich gemacht wurden, obwohl bislang keiner weiß, wie stichhaltig sie sind.

Die „New York Times“ hatte am Samstag aus einem Polizeibericht des Lake Forest Department, Illinois, zitiert, wonach Levine bereits Ende der sechziger Jahre zwei minderjährige Jungen sexuell missbraucht haben soll: den damals siebzehnjährigen Chris Brown, der später Kontrabassist im Saint Paul Chamber Orchestra wurde, und den Cellisten James Lestock, der zum Zeitpunkt der angeblichen Übergriffe ebenfalls siebzehn Jahre alt war. Ein dritter Mann, Ashok Pai, gab gemeinsam mit seinen Familienangehörigen im Interview an, seit 1985, als er selbst sechzehn Jahre alt war, von Levine zunächst sexuell belästigt und dann über Jahre hinweg zur passiven oder aktiven Teilnahme an sexuellen Handlungen gezwungen worden zu sein.

Zu Konsequenzen konnte man sich nicht aufraffen

Die Metropolitan Opera New York, an der Levine über vierzig Jahre hinweg die musikalische Leitung innehatte und mit deren Orchester er noch am Tag der Veröffentlichung Giuseppe Verdis Requiem aufführte, war erstmals 1979 von solchen Vorwürfen in Kenntnis gesetzt worden. Der jetzt in die Öffentlichkeit geratene Bericht stammt vom Oktober 2016 und lag dem Opernhaus seit etwa einem Jahr vor. Zu Konsequenzen mochte sich die Leitung um den Geschäftsführer Peter Gelb damals nicht aufraffen.

Jetzt aber, „auf Grund der neuen Berichte“, so Gelb – obwohl die Berichte sachlich nichts Neues enthalten –, habe man sich dazu entschlossen, „sofort zu handeln“: Das Opernhaus setzt die Zusammenarbeit mit seinem emeritierten Musikdirektor aus, bis die Ermittlungen zu einem Ergebnis gekommen seien. Levine werde allen offiziellen Terminen des Hauses fernbleiben und auch die vereinbarten Vorstellungen nicht mehr dirigieren.

Nun sind Ermittler, Anwälte und Richter gefragt

James Levine beteuert seine Unschuld; das ist sein gutes Recht. Jeder, der die Welt der Kunst von innen kennt, weiß, dass es in ihr nicht nur Hierarchien gibt und mit ihnen das Phänomen des hierarchischen Sex, der ebenso oft erzwungen wie einvernehmlich sein kann, sondern auch Ehrgeiz, Neid, Eifersucht, Rachlust. Ermittler, Anwälte, Richter sind jetzt gefragt, nachdem die Presse – vorbereitet durch die Diskussionen um Harvey Weinstein und Kevin Spacey aus der Filmbranche – einen Druck erzeugt hat, der den Dirigenten wie das Opernhaus zum Handeln zwingt.

Das Urteil muss man anderen überlassen, ganz wie im Fall des russischen Pianisten und Dirigenten Michail Pletnjow, der im Sommer 2010 verhaftet worden war, weil er im thailändischen Pattaya einen vierzehnjährigen Jungen vergewaltigt haben soll. Pletnjow, der zunächst nach Russland ausgereist war, stellte sich der thailändischen Justiz und unterzog sich einem Gerichtsprozess. Der förderte viel zutage, nämlich einen professionell organisierten Ring von Kinderprostitution, nur eines nicht: eine Beteiligung Pletnjows daran, in welcher Form auch immer. Der Prozess gegen den Musiker wurde im Dezember 2010 eingestellt, weil die Beweislage nicht einmal ausreichte, um Anklage zu erheben.

Die drei Männer, die jetzt ihre Vorwürfe gegen Levine vorbringen, sind jedenfalls aus der Deckung gekommen; sie haben ihre Namen öffentlich gemacht, über Details des mutmaßlichen Missbrauchs gesprochen, über ihre Traumata und deren Folgen, die bis zum Wunsch der Selbsttötung reichten. Sie dürfen, was für ihren Mut und Ernst spricht, für sich selbst juristisch nicht viel erwarten, denn als Straftatbestand sind die vorgeworfenen Handlungen in Illinois längst verjährt. Was immer kommende Untersuchungen zutage fördern mögen: Stoff für Witze wird das nicht sein.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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