Grüner wird‛s nicht

Von ELENA WITZECK
Foto: Frank Röth

16.05.2018 · Gemeinschaftliches Stadtgärtnern ist beliebt und weit verbreitet. Aber die Gesellschaft verändert sich dadurch noch nicht. Ein Besuch bei Frankfurter Initiativen zeigt: Das Projekt Urban Gardening müsste noch viel größer gedacht werden.

A uf einem Acker am Rand von Frankfurt, dem Zentrum gerade so nah, dass die Luft noch städtisch riecht und der Blick auf die Skyline postkartentauglich ist, stehen zwei junge Männer, blinzeln in die Sonne und erklären ihr Ziel, die Stadt zu ernähren. Hinter ihnen das mit Graffiti großstädtisch besprühte Gewächshaus, auf den nassen Feldern ringsum Graugänse, die Würmer aus dem Boden picken. Fünf Jahre haben Silas Müller und Christoph Graul am Konzept ihrer Genossenschaft gearbeitet, die mit Vertrauen und Transparenz „einen Querschnitt der Frankfurter“ ansprechen soll. Das Projekt „Die Kooperative“ vernetzt landwirtschaftliche Betriebe miteinander und setzt auf Mithilfe auf dem Feld in Oberrad. In den ersten beiden Wochen der Testphase haben sich sechzig Frankfurter Haushalte angemeldet, die mit Obst, Gemüse und Eiern versorgt werden wollen. In zwanzig Jahren sollen es bis zu 30.000 Stadtbewohner sein.

Grün vor Stadtkulisse: In Frankfurt Oberrad beginnt die Urban Gardening-Saison Foto: Frank Röth

Die Zeit, in der die Erwähnung eines Schrebergartens für Naserümpfen sorgte, liegt noch nicht lange zurück. Es war die Zeit, als Studentenbalkone mit leeren Flaschen, Plastikstühlen und überquellenden Aschenbechern gefüllt waren statt mit Terrakotta-Töpfen und vertikalen Beeten, aus denen Koriander sprießt. Als die Vorstellung, mit Gummistiefeln und Gartenhandschuhen am Straßenrand zu stehen und einen Betonkasten voller Blumenerde zu beharken, undenkbar war.

Dann wurde die Losung ausgegeben, die Gärten kämen zurück in die Stadt, in die man doch vor dem samstäglichen Unkrautjäten mit der Familie geflohen war. Wegbereiter der aufkeimenden Urban-Gardening-Bewegung mit ihren Forderungen nach mehr Umweltbewusstsein und weniger Konsumdenken war das Unangepasstheit und Rebellion verheißende Guerilla Gardening. Auf einmal galt es als verdienstvoll, in Kugeln gepresste, mit Blumensamen gefüllte Erdklumpen in den Vorgärten und auf den Verkehrsinseln der Stadt zu verteilen, denn sie hießen nun „Seedbombs“, kamen aus der amerikanischen Metropole und konnten den Fortbestand der Bienen retten. Dort zu säen und zu pflanzen, wo es verboten war, hatte etwas Subversives, es ging um Selbstverwirklichung und Selbstermächtigung.

Mittlerweile ist gemeinschaftliches Großstadtgärtnern institutionalisiert. In nahezu jeder deutschen Stadt gibt es Urban-Gardening-Projekte, allein in Frankfurt sind es acht. Die dazugehörigen Publikationen heißen „Stadtgrün statt grau“, „Urban Jungle“, „Stadtgärtnern für Anfänger“ und versprechen, aus jedem Bürger einen Gärtner zu machen, Pflanzset inklusive. Vergessen die Frage, was sich damit eigentlich bewirken lässt.

Direkt vor der Haustür von Frankfurt Video: FAZ.NET, Andreas Brand

Mit den Jahren haben sich die Motive der urbanen Gärtner so heterogen entwickelt wie die Gartenprojekte selbst. Während diese in Großstädten oft jung und studentisch geprägt sind, sich um Veränderungen bemühen und bei Biolimonade die Rückeroberung der öffentlichen Plätze verhandeln, dienen die interkulturellen Gärten der kleineren Städte vor allem der Begegnung und Weitergabe von Gärtner-Knowhow. Es gibt Anhänger der Lebensreformbewegung unter den Stadtgärtnern, Bauwagenbewohner und jene, die sich schlicht nach einem Rückzugsort sehnen, an dem sie Zeit für ihr Hobby finden. Was sie eint, ist der Bezug auf sich selbst, die Entscheidung, den eigene Alltag gestalterisch zu verändern.

In Berlin entstanden die Prinzessinnengärten unter dem Motto „produktives Grün“ auf einer Brache in Kreuzberg, in Frankfurt versorgen Künstler auf dem Dach des Museums für Moderne Kunst Bienen. Zwischen interkulturellen und urbanen Gärten lässt sich inzwischen nicht mehr sinnvoll unterscheiden. Es gebe kaum noch gemeinschaftliche Gartenprojekte, die sich nicht auch mit kulturellen Eigenarten beschäftigten, sagt Daniel Überall, Mitarbeiter des Münchner Instituts „Anstiftung“, das städtische Garteninitiativen fördert und zu urbaner Landwirtschaft forscht.

Silas Müller sät aus Foto: Frank Röth
Kein Zwang – aber natürlich geht es um Partizipation Foto: Frank Röth

Gesundheit, Gemeinschaft und Selbstbestimmung zählen die Gärtner in Oberrad zu ihren Ansprüchen. Silas Müller und Christoph Graul planen noch vor der Aussaat und der Gründung der Genossenschaft die ersten Veranstaltungen, Führungen, Grillabende, Erntefeste und Lämmerwanderungen, um den Stadtbewohnern etwas zu bieten. „Vom Setzen des Weißkohls bis zur Verarbeitung zum Sauerkraut geht es um Partizipation“, sagt Graul. Im Gegensatz zum Angebot im Supermarktregal könne hier mitgestaltet und mitentschieden werden. Die Ernte am Ende gemeinsam zu genießen gehöre auch dazu.


„Urban Gardening ist kein Trend, sondern eine sich wandelnde gesellschaftliche Sicht auf Stadträume.“
DANIEL ÜBERALL

Während sich an den Projekten der solidarischen Landwirtschaft vor allem konsumkritisch Gesinnte beteiligen, die bereit sind, für gesunde regionale Nahrung Zeit zu opfern und auf Vielfalt zu verzichten, soll das Oberrader Projekt nicht nur die typische „Biofraktion“ ansprechen, wie Graul sagt, sondern auch jene Städter, die sich sonst wenig mit Umwelt und Ernährung befassen. „Dafür müssen wir ihnen das Gefühl geben, es nach einer langen Arbeitswoche auch mal gut sein lassen zu können“, sagt Müller. Abgetrennte Parzellen sollen für diejenigen entstehen, die sich nur hin und wieder betätigen wollen, ohne bei Aussaat und Ernte fest eingeplant zu werden. Daniel Überall vom Institut „Anstiftung“ sieht das ähnlich. Wer wirklich etwas verändern wolle, sagt er, dürfe keine romantische Idee von Landwirtschaft haben, sondern müsse pragmatische Lösungen finden.

Optimismus und ein wenig Größenwahn hilft bei der Planung einer neuen Stadt-Landwirtschaft Foto: Frank Röth
Die Metropole im Rücken: Auf dem Oberrader Feld Foto: Frank Röth

Beide Gärtner haben Erfahrungen in konventionellen Betrieben gesammelt und kennen die Probleme der Landwirtschaft. Wie andernorts fehlt den Landwirten rund um Frankfurt der Nachwuchs und die Organisationsstruktur, um Stadtbewohner, die sich für lokale Produkte interessieren, im großen Stil zu beliefern. Das Projekt soll Produzenten und Konsumenten wieder einander annähern. In Quartiersläden wollen Graul und Müller in Zukunft die Erträge ihrer Kooperations-Betriebe verkaufen, auch Fleisch, Wein und Käse, und wenn im Winter nichts wächst, Konserven anbieten. Für den Anfang gibt es Obst- und Gemüsekisten und Stadtviertel-Depots.

Bei allem Erlebnisgärtnern und verpflichtungsfreiem Partizipieren lässt sich das eigentliche Ziel der Initiativen leicht aus den Augen verlieren. Eines der bekanntesten Urban Gardening-Projekte der Stadt, der Frankfurter Garten am Ostbahnhof, diente einst der Verschönerung eines ungemütlichen Platzes und der Arbeit an den Beeten. Dann öffnete ein kleines Café, das sich schnell zu einem beliebten Wochenend-Treffpunkt etablierte. Flohmärkte, Open-Air-Kino-Veranstaltungen und Yogakurse wurden organisiert. Weil der Verein jahrelang keine Steuern zahlte, musste er im vergangenen Jahr Insolvenz anmelden. Jetzt kümmert sich eine Initiative für Bienen um den verwilderten Garten auf der Kreuzung, der schon in einem Jahr zu einer Baugrube werden könnte, mit der die Deutsche Bahn eigene Pläne hat. Von den zehn Beteiligten des Projekts sind fünf im Rentenalter. Die Zeiten des jugendlichen Szenetreffpunkts sind vorbei.

Andere Urban-Farming-Projekte leiden unter ihrer schlechten Lage oder sind von Beginn an nur vorläufig konzipiert. Wenige Kilometer mainaufwärts, im sich durch Bauprojekte kontinuierlich wandelnden Hafen von Offenbach, sitzen die Urban Gardener an Frühlingsabenden auf Holzpaletten ums Lagerfeuer. Ihr langgezogener Garten begrünt hinter Bauzäunen den Teil des Gebiets, der noch Brache ist, bevor auch hier moderne Büro- und Wohnhäuser entstehen. Daniel Überall spricht von einem Trend zur Zwischennutzung: „Der mobile Stadtgarten ist ein bloßes Ideenkonstrukt.“ Tatsächlich komme es selten vor, dass ein gewachsener Garten, der seinen Standort aufgeben muss, an eine andere Stelle umziehe.

In der wachsenden Stadt ist auch der Garten immer im Wandel Foto: Rainer Wohlfahrt
In Offenbach trägt das Übergangslager der Stadtgärtner Früchte Foto: Rainer Wohlfahrt

Nur einem Fünftel der Stadtgärtner attestiert Überall ein gesellschaftspolitisches Interesse. Den Übrigen gehe es vor allem um die körperliche Arbeit, die Begegnung mit der Natur und den Abstand zum Alltag. Im Aktionismus liegt dagegen auch eine Kritik an der Großstadt, an den fehlenden Möglichkeiten, sich einzumischen, den funktionalen neuen Quartieren, den kargen Rasenflächen und unwirtlichen Plätzen. „Wie Aderwerk gehn Straßen durch die Stadt / Unzählig Menschen schwemmen aus und ein / Und ewig stumpfer Ton von stumpfem Sein“, schrieb Georg Heym. Die Stadtutopien der Urban Gardener sollen diesen Zustand der Entfremdung von der Natur überwinden. Das könne allerdings auch unerwünschte Nebeneffekte haben, sagt Überall. Wo ein Gartenprojekt erfolgreich sei, steige die Lebensqualität, und die Gegend lasse sich besser vermarkten. Über diese „Verwertungslogik“ diskutieren die Gartenaktivisten immer wieder.

Wenn sich in den vergangenen Jahren etwas an der Bewegung verändert hat, dann vielleicht, dass die lange belächelten Forderungen der Stadtgärtner zunehmend als Chance wahrgenommen werden. Wo sich Bürger engagieren, profitiert auch die Stadtpolitik. Daniel Überall beobachtet, dass sich Wohnbaugenossenschaften immer mehr an neuen Begrünungskonzepten orientieren und etwa Gebiete mit bepflanzten Dächern vorsehen. Bei Stadtplanungskonferenzen spiele das Thema inzwischen häufig eine Rolle. Und Stuttgart hat seit 2014 einen eigenen Urban-Gardening-Beauftragten.

Das Gewächshaus in Oberrad: Gegensätze unter einem Dach Foto: Frank Röth

Um wachsende Metropolen wie Frankfurt zu versorgen, muss Obst und Gemüse weite Wege zurücklegen. Dass die industrielle Landwirtschaft die Menschheit nicht dauerhaft ernähren kann, hat der Weltagrarbericht schon 2008 beschrieben, und in Deutschland fehlt es gerade dort an Nachwuchs. Die Empfehlung, Nahrungsmittel wieder mehr dort zu herzustellen, wo sie verbraucht werden, und das Mikroklima der Großstädte mit geeigneter Begrünung zu retten, hatte Folgen. In Detroit entstanden Hunderte Minifarmen, in New York wurde vor zwei Jahren ein Begrünungsplan beschlossen, der die Stadt auch vor den im Zuge des Klimawandels zu erwartenden Sturmfluten schützen soll. In Südkorea versorgt die Initiative Hansalim, eine solidarische Landwirtschaft, 440 000 Haushalte mit regionalen Produkten von mehr als zweitausend Höfen. Und das am Rande der Vulkaneifel gelegene Andernach nennt sich „Essbare Stadt“, seit Gemüse, Obst und Kräuter auf städtischen Grünflächen angebaut werden.


„München hat einen Netto-Zuzug von 20.000 Menschen pro Jahr. Da hört man die Frage ‚Wollt ihr ein Gemüsebeet oder sozialen Wohnraum?‘ sehr häufig.“
DANIEL ÜBERALL

Auch die Urban-Farming-Initiative in Oberrad plant das Wachstum der Rhein-Main-Region mit ein. Graul, der in Kanada bei der „Community Supported Agriculture“ gelernt hat, einer im großen Maßstab funktionierenden solidarischen Landwirtschaft, spricht von der „Strahlkraft“ der Gegend und davon, dass sie zum Vorbild in Sachen städtischer Versorgung werden könne. Damit das Umdenken massentauglich werden könne, müsse aber wirtschaftlicher gedacht werden. Dass sich die grünen Versorgungsprojekte Frankfurts selbst untereinander nicht grün seien, behindere die Suche nach einer Lösung für die Ernährung der Stadt. Daniel Überall wiederum empfiehlt, selbstbewusst zu vertreten, dass Gartenprojekte auch den Zielen der Stadtverwaltungen dienen. Für ihn ist das urbane Gärtnern kein Trend, sondern ein Schritt in Richtung Emanzipation.

Daniel Überall ist Mitarbeiter des Münchner Instituts „Anstiftung“, das städtische Garteninitiativen fördert und zu urbaner Landwirtschaft forscht. Vor fünf Jahren gründete er gemeinsam mit Freunden das „Kartoffelkombinat“, eine solidarische Landwirtschaft in München – mit dem Ziel, die Versorgung der Großstadt umzukrempeln. Inzwischen beteiligen sich 1500 Münchner Haushalte an dem Programm.
Die vollständige Karte der gemeldeten Urban Gardening-Projekte in Deuschland gibt es auf der Website des Instituts. Dort finden sich auch das Gartenmanifest der „Anstiftung“, das deutschlandweit von 150 Stadtgarten-Initiativen unterzeichnet wurde, sowie Praxiswissen für urbane Gärten.
Informationen zur Frankfurter Initiative „Die Kooperative“: www.diekooperative.de
Quelle: F.A.Z.