Vergangenheitsbewältigung

Wie Günter Grass das Fürchten lehrte

Von Edo Reents
 - 17:36

Was bedeuten Symbole? Günter Grass weiß es jetzt, und wir wissen es jetzt auch. In einem am Freitag in der „Frankfurter Rundschau“ veröffentlichten Brief an den zweiundsiebzigjährigen ehemaligen israelischen Botschafter Yitzchak Mayer schreibt er: „Ich weiß, lieber, verehrter Herr Mayer, welche Wunden das gedoppelte Runenzeichen, der Begriff SS, in der Erinnerung vieler israelischer Bürger abermals öffnet, und muß wohl auch hinnehmen, daß mir das doppelte S als Kainsmal für meine restlichen Jahre gewiß ist.“ Günter Grass muß es nicht „wohl“, er muß es mit Sicherheit hinnehmen. Die Formulierung deutet darauf hin, daß er erst jetzt begreift, was eine SS-Mitgliedschaft überhaupt bedeutet.

Mit dem Brief ist zweierlei klar: Erstens paßt Günter Grass die Äußerungen zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS der jeweiligen Situation und dem Gesprächspartner an; denn bisher tat er so, als wäre sie eine Formalie, ein Detail seiner Biographie. Niemand aber würde ein Kainsmal an der Stirn tragen, wenn es sich auf ein Detail bezöge. Und zweitens macht Grass nun selber und sehr zu Recht einen Unterschied zwischen der moralischen Substanz dieser Mitgliedschaft, die sich aus individuellem Verhalten ergibt, und der Bedeutung, die das SS-Zeichen für Zeitzeugen und Überlebende bis heute hat. Die Mitgliedschaft als solche wurde auch von Grassens Kritikern als Jugendsünde bewertet und damit nahezu entschuldigt; es gab niemanden, der sie dem damals Siebzehnjährigen wirklich verübelt hätte. Die Kritik bezog sich von Anfang an und in einer Weise, die selbst Grass nicht als unfair empfinden konnte, auf den späten Zeitpunkt seines Geständnisses und den Widerspruch, der sich daraus zu seinen sonstigen moralischen Ansprüchen, nicht zuletzt auch an andere, ergab.

Er weiß und er wußte, welches Symbol er verschwieg

Etwas anderes ist es mit der symbolischen Bedeutung der SS. Daß Grass selber sie wie eine Nebensächlichkeit behandelte, läßt nur zwei Schlüsse zu: Entweder, er wußte es wirklich nicht besser, was bei dem Verfasser der „Blechtrommel“ schwer vorstellbar ist; oder, und dies würfe noch einmal ein neues Licht auf die ganze Angelegenheit, Grass wußte eben doch, welchen Schrecken das SS-Zeichen den Überlebenden noch heute einjagt, unabhängig von der politischen Reife derer, die das Abzeichen trugen, und tat nur so, als könnte man das wie eine Formalie behandeln. Grass' Schweigen über fünfzig Jahre ist eben keine Nebensächlichkeit - er weiß und er wußte, welches Symbol er verschwieg.

Die gleichsam taktischen Fragen zu Form und Zeitpunkt des Geständnisses spielen jetzt keine Rolle mehr. Denn was sagt es aus über das moralische Empfinden eines Schriftstellers, der bisher mit keinem deutlichen Wort darauf eingegangen ist, daß die beiden Buchstaben für jedermann, der über die Zeitgeschichte halbwegs Bescheid weiß, eine Bedeutung haben, die ganz unabhängig von der Frage besteht, wie alt ein bestimmtes SS-Mitglied war und was es im einzelnen getan hat? Diese symbolische Aufladung ist einer diskursiven Erörterung schwer zugänglich, über sie läßt sich formal-vernünftig kaum reden; sie ist Sache der Erinnerung, des Schreckens.

Er glaubt bis heute, man werde ihm das alles schon nachsehen

Der amerikanische Schriftsteller Louis Begley, Jahrgang 1933 und als polnischstämmiger Jude Überlebender des Holocaust, hat anäßlich des Grasschen Geständnisses in einem Artikel für die F.A.Z. geschildert (siehe auch: Grass-Debatte: Lügen in Zeiten des Friedens), welchen Schrecken ihm bis heute der Gedanke an eine Begegnung mit einem (ehemaligen) Wehrmachtsangehörigen auslöst - wie ihm zumute ist, wenn es sich um einen (ehemaligen) SS-Mann handelt, kann man sich denken. Grass kann es offenbar nicht.

Es hätte Grass besser zu Gesicht gestanden, hätte er wenigstens indirekt signalisiert, daß ihm diese Dimension, die niemand aufrechnen, die aber auch niemand abarbeiten kann, bewußt ist. Er aber hatte und hat nur sich selbst im Sinn und glaubt bis heute, daß sein literarisches Werk so bedeutend ist, daß man ihm das alles schon irgendwie nachsehen wird: „So kann ich nur bitten, daß alles, was nach meinem siebzehnten Lebensjahr meine umwegreiche Entwicklung ausgemacht hat, und was sich erkennen läßt als das, was ich als Schriftsteller und Künstler sowie als engagierter Bürger meines Landes geleistet habe, als Gegengewicht wahrgenommen wird.“

Ein Unterschied, den ein jüdischer Adressat vermutlich kennt

Wie schwer dieses Gegengewicht ist, spielt im Grunde genommen keine Rolle. Daß Grass nun vom „Kainsmal“ spricht, deutet immerhin an, daß er sich einer (symbolischen) Schuld bewußt ist. Immer noch aber scheint er die Angelegenheit als Formalie zu betrachten.

In dem Brief an Yitzchak Mayer schreibt er: „Darüber mag urteilen, wer, aus welchen Gründen auch immer, nichts zu verschweigen hat.“ Glaubt Grass allen Ernstes, hier dürfe nur urteilen, wer selber immer nur ehrlich ist? Seine SS-Mitgliedschaft war deshalb ein Fehler, weil die SS als solche in vielen Menschen bis heute so grauenhafte, traumatische Erinnerungen wachruft. Dies sind die „Wunden“, die Grass nun selber erwähnt. Wie egozentrisch er die Angelegenheit aber immer noch betrachtet, zeigt sich daran, daß er in dem Brief auf die Kapitelüberschrift verweist, unter der er die SS-Sache abhandelt: „Wie ich das Fürchten lernte“. Ein jüdischer Adressat wird den Unterschied zwischen „lernen“ und „lehren“ vermutlich kennen.

Quelle: F.A.Z., 11.11.2006, Nr. 263 / Seite 39
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