Vergewaltigungen in Indien

Wem gehört die Nacht in Neu Delhi?

Von Christiane Brosius
 - 13:40

Neu Delhi, am Abend des 16. Dezember 2012. Eine dreiundzwanzigjährige Studentin nimmt mit einem Bekannten im Süden Delhis einen Minibus, um nach Hause zu fahren. Einer der Mitfahrer signalisiert ihr, es handele sich um ein öffentliches Gefährt, und so steigen beide in gutem Glauben ein. Die Türen schließen sich. Was nun geschah, hat Indien verändert. Die junge Frau wurde von fünf Männern auf eine Weise vergewaltigt, die man hier nicht wiedergeben möchte. Nur der Gebrauch einer Eisenstange, die ihre inneren Organe schwer verletzte, sei angedeutet. Ihr Freund wurde verprügelt und die jungen Rowdies warfen beide nach der Tat auf eine dicht befahrene Ausfallstraße. Dort blieben sie halbnackt und hilflos fast eine Stunde lang in der Kälte liegen, bis die Polizei sie in ein Krankenhaus brachte. Dreizehn Tage später erlag die Frau, die stets bei Bewusstsein war, in einem Krankenhaus in Singapur ihren Verletzungen.

2011 gab es in Indien mehr als 23.000 gemeldete Vergewaltigungen, davon 568 allein in Delhi. Die Dunkelziffer ist unbekannt. Seit einigen Jahren wird die Megastadt auch Vergewaltigungs-Hauptstadt genannt, übertrifft sie doch mit dieser Zahl Bombay um das Doppelte. Kein guter Ruf für eine Hauptstadt. Die Vergewaltigung vom 16. Dezember ist also nur eine von vielen, aber es ist eine besonders brutale. Und so kommt jetzt brutal an die Öffentlichkeit, was lange verschwiegen oder heruntergespielt blieb: Indiens Benachteiligung der Frauen, Konflikte mit der Sexualmoral und die männliche Dominanz im öffentlichen Raum.

Die Polizei ist keine Hilfe

Bisher war man in Indien gewöhnt, sexuelle Belästigungen der Frau als Ausnahmen abzutun. Auch dieses Mal glaubten zahlreiche Politiker, dass sich schnell wieder ein Mantel des Verschweigens und Vertuschens über den Fall legen würde. Aber die Presse und teilweise über Facebook und Twitter organisierte Demonstrationen verhinderten dies. Tausende weitgehend junge Menschen der Mittelklasse versammelten sich trotz Versammlungsverbot am symbolträchtigen India Gate um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen. Man forderte Todesstrafe oder Kastration für die Täter, kritisierte die mehr als Hunderttausend noch ausstehenden Urteile in Vergewaltigungs- und anderen sexuellen Straftaten, verlangte die Registrierung aller Sexualstraftäter in Datenbanken und eine bessere Betreuung von Vergewaltigungsopfern.

Als ich 1996 zum ersten Mal nach Delhi kam, prägte sich mir der nüchterne Hinweis eines Bekannten dauerhaft ein. Er sagte, sollte ich abends ein Taxi nehmen müssen, so sollte ich mir die Autonummer sagen lassen und diese so laut an meine Freunde durchgeben, dass der Fahrer es höre. Der käme dann sicher nicht auf falsche Gedanken. „Und wenn Du belästigt wirst, geh nicht zur Polizei, die helfen nicht, im Gegenteil.“ In den darauf folgenden Jahren erinnerten zahlreiche Fälle vergewaltigter oder ermordeter Frauen, seien es Studentinnen, Callcenter-Mitarbeiterinnen oder westliche Diplomatinnen an diese Ohnmacht im öffentlichen Raum, oft auch in Gegenden mit angeblicher Top-Security. Noch immer trauen sich Frauen in Neu Delhi nach Einbruch der Nacht nicht mehr auf die Straße oder in die Metro. Es sind Fälle vorgekommen, wo sie in Autos mit getönten Scheiben gezerrt und missbraucht wurden. Erst kürzlich hat deshalb das Oberste Gericht Indiens diese Scheiben verboten. Selbst wenn sie ein eigenes Auto mit Zentralverriegelung haben, fühlen sich Frauen nicht sicher.

Diffusere Klassengrenzen

Wenn die Frauen Pöbeleien oder sexuelle Übergriffe der Polizei melden, stoßen sie meist nur auf Unverständnis und bisweilen sogar Anklage. Sie hätten sich die Schuld selbst zuzuschreiben, müssten wissen, was passiert, wenn sie etwa nachts allein herumlaufen oder auf bestimmte provozierende Art gekleidet seien. Auch jetzt tat etwa Abhijit Mukherjee, der Sohn des indischen Präsidenten, die Proteste als „rosarote Bewegung stark geschminkter Frauen“ ab. Im April bereits macht die Zeitschrift „Tehelka“ auf die Lethargie, wenn nicht gar Ignoranz der Polizei bei Vergewaltigung in Delhi aufmerksam.

Dabei sind die Vergewaltigungen nur ein Teil der Macht- und Rechtlosigkeit von Frauen in Indien. Genannt seien die Abtreibungen weiblicher Föten, die Benachteiligungen bei Ausbildung und Gesundheitsversorgung oder Fälle illegaler Mitgiftforderungen, bisweilen gefolgt von Mitgiftmorden. Scheidungen sind nach wie vor eine Seltenheit, das Witwendasein stigmatisiert. Dies alles gibt es nicht nur trotz, sondern auch wegen der zunehmenden Modernisierung und Urbanisierung.

Asymmetrien in der indischen Gesellschaft

Der Fall der verstorbenen Studentin zeigt abermals diese anhaltende, tief in der Gesellschaft verwurzelte Geringschätzung von Frauen. Im durch die Wirtschaftsliberalisierung zügellosen Wettkampf um Machtmonopole wie Wohlstand, Bildung, Wahlfreiheit bezüglich Lebensstil und beruflicher oder privater Selbstbestimmung gehören die Frauen zu den Verlierern. Die verschiedenen Regierungen und die Mittelschicht haben sich als unfähig oder unwillig erwiesen, das Potential der Frauen zu erkennen und die diskriminierenden Zustände systematisch anzugehen.

Die Asymmetrien bei der Verteilung von Macht und Geld tun ihr übriges. Der Fall erschüttert Indiens Mittelschicht auch deshalb, weil sich darin eine wachsende Angst der Habenden vor denen zu zeigen scheint, die ihren Anteil haben wollen und sich diesen angeblich mit Gewalt zu nehmen trachten. In einer Stadt wie Delhi existieren Parallelwelten mit oszillierenden Grenzen, konstituiert von Wanderarbeitern und langjährigen Slumbewohnern, eingesessener Mittelklasse und neuen Emporkömmlingen, und einer kleinen, unerhört reichen Elite. Viele Mitglieder der Mittelklasse fühlen sich von dieser Grenzauflösung bedroht. Sie schließen sich in bewachten Wohnenklaven ein und raten einem, die Schlafzimmertür zu verriegeln, denn es seien Fälle von nächtlichen Überfällen und sogar Morden seitens der Angestellten vorgekommen. In dieser sich weitenden Kluft zwischen Arm und Reich, Gewinnern und Verlierern der Globalisierung verweist die Aktivistin und Schriftstellerin Arundhati Roy zurecht darauf, dass die Mittelklasse gerade dabei ist, einen bereits bewährten Sündenbock wiederzubeleben, indem sie die Armen als Taugenichtse, Schmarotzer und Bestien kriminalisiert. Da passt es ins Bild, dass es sich bei den Vergewaltigern der Studentin um Slumbewohner handelt.

Sichtbarkeit und Anerkennung

Dabei sind die Vergewaltigungen, die Männer der Mittelschicht an ihren Angestellten vornehmen, wohl mindestens ebenso häufig. Sie freilich sind privilegiert genug, um eine freizügige Sexualität weitaus offener ausleben zu können als die meisten anderen Männer Indiens. Nach wie vor befinden sie im Konflikt von Tabuisierung der Sexualität und sexuellen Anspielungen in Bollywood-Filmen, Werbung und im Internet erhältlichen Pornofilmen.

Hinzu kommt, dass das alte Ideal in einer bis in den Tod treuen und bis zur Hochzeit keuschen, sittlich tadellosen Frau weiter propagiert wird. Verkörpert wird dies besonders in Sita, der Ehefrau des vergöttlichten Helden Rama. Frauen, so zeigt sich, haben im öffentlichen Raum Indiens nach wie vor wenig zu sagen und zu suchen, auch wenn sie in ihn streben und Strategien der Sichtbarkeit und Anerkennung entwickeln. Sie erheben Anspruch auf ein Leben in einer funktionierenden und verantwortlichen Zivilgesellschaft, auf einen öffentlichen Raum, der sie nicht eingrenzt oder ausgrenzt, der keine Bedingungen für solch enorme Verletzbarkeit nährt. Videoüberwachung oder männliche Begleitpersonen sind hier sicherlich keine Lösung.

Die Wut auf die verwestlichte Frau

Geradezu zynisch liest sich da die Aussage des indischen Präsidenten Mukherjee, der die Verstorbene als „mutige Tochter Indiens“ bezeichnete, die das „Beste der indischen Jugend und Weiblichkeit“ verkörpere. Ihre Stilisierung zur Märtyrerin der indischen Nation, auch „Mutter Indiens“ genannt, die auch von den Protestierenden verwendet wird, ist deshalb so unpassend, weil gerade im Namen von „Mutter Indien“ Frauen zu Bewahrerinnen indischer Kultur und Tradition ernannt wurden, eben als Ehefrauen und Mütter, und nicht als Studentinnen, Alleinerziehende oder Unverheiratete. Gerade im neuen Jahrtausend wurden immer wieder Ausschreitungen gegen „verwestlichte“ Frauen, die rauchen, Alkohol trinken, in Miniröcken herumlaufen, von rechten Politikern organisiert. Oft vor laufenden Kameras, wie im Jahr 2009, als Hindu-Nationalisten eine Bar stürmten und die jungen Frauen dort bestraften.

Kurz vor dem Valentinstag war dies als geeignete Strategie der Inszenierung indischer Kultur gegen westliche Unkultur gesehen worden, und mündete in einer Gegenbewegung, der „Rosa-Unterhosenbewegung“, die vor allem auf Facebook internationale und nationale Aufmerksamkeit erhielt. Viele sehen daher die Bemühen der Politiker wie etwa Sonia Gandhi oder Premierminister Manmohan Singh, die am Flughafen standen, als der Leichnam der Studentin ankam, als verlogen an.

Was ist zu tun? Eine Weltstadt wie Delhi muss ihren Bewohnern nicht nur Lebensqualität durch Einkaufszentren und Luxuswohnanlagen, sondern Sicherheit im öffentlichen Raum bieten. Tagsüber wie nachts. Tröstlich ist hierbei vor allem, dass Indien neben äußerst aktiven und kritischen Sozialen Medien eine freie Presse hat, die das Thema nun, wenn auch mitunter mit Sensationslust, in die Öffentlichkeit bringt. Eine Öffentlichkeit, die für und von Frauen immer noch zu besetzen ist.

Christiane Brosius ist Professorin für Visuelle- und Medienanthropologie am Exzellenzcluster „Asien und Europa im Globalen Kontext“ der Universität Heidelberg

Quelle: F.A.Z.
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