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Eine Frage der Wirkung

Politik auf Drogen

Von Claudius Seidl
 - 14:12
Volker Beck Bild: Hans Christian Plambeck/laif, F.A.S.

Es soll im Folgenden um zwei Phänomene gehen, deren nervenzerrüttende Wirkung gar nicht unterschätzt werden kann.

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Das eine ist der Bundestagsabgeordnete Volker Beck, innen- und religionspolitischer Sprecher der Grünen, ein Mann, der äußerst arrogant auftreten kann und dessen moralische Selbstgewissheit nur selten abgemildert wird durch Witz, Ironie oder irgendeine andere Artikulation der Erkenntnis, dass auch der größte Moralist sich manchmal irren kann.

Das andere ist die synthetische Droge Methamphetamin, 1921 in Japan patentiert und richtig populär geworden in Deutschland in den dreißiger Jahren unter dem Namen Pervitin; für die erschöpfte Hausfrau gab es den Stoff als Pralinenfüllung, die deutsche Wehrmacht, so schreibt der Autor Norman Ohler, soll im Zweiten Weltkrieg ungefähr 200 Millionen Pillen an die Soldaten verteilt haben, um so die Kriegsmüdigkeit der Männer zu bekämpfen.

Jeder Raucher ist gefährlicher

Heute ist Crystal Meth, nach Cannabis, die zweitpopulärste Droge in Deutschland, und alle, die sich mit den Wirkungen des Stoffs beschäftigt haben, sind sich einig darin, dass, wer das Gift regelmäßig nehme, davon süchtig werde und Körper und Seele beschädige. Dass allerdings jemand anderer vom Konsum des Crystal-Meth-Schnupfers einen Schaden habe, ist nicht bekannt. Jeder Raucher ist für die Leute um ihn herum gefährlicher als einer, der sich mit Crystal Meth hochpuscht und euphorisiert.

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Insofern muss man jetzt schon die Frage stellen, weshalb es ein moralischer Skandal sein soll, dass Volker Beck mit 0,6 Gramm Crystal Meth erwischt worden ist. Strafrechtlich kann das gar keine große Sache sein – einem Italiener, der in Böhmen 100 Gramm allerreinsten Methamphetamins gekauft hatte und in Bayern damit erwischt wurde, glaubte ein Münchner Gericht, dass das nur sein Eigenbedarf sei, und verhängte eine Strafe zur Bewährung. Ja, der Besitz auch der kleinsten Menge Methamphetamins ist verboten – das hat die Droge mit Cannabis, Kokain, LSD, Opium und Ecstasy gemeinsam. Und das unterscheidet sie von Koffein, Alkohol, Nikotin, Zucker.

War hier jemand gedopt?

Der Bundesgesundheitsminister Gröhe plant schon den Aufbau einer Cannabis-Agentur – und es gab in den vergangenen Monaten allen Anlass zu der optimistischen Annahme, dass der letzte Mensch, der an das Märchen glaube, wonach die Grenze zwischen gefährlichen und ungefährlichen Drogen genau entlang der Linien verlaufe, welche das Betäubungsmittelgesetz zieht, dass dieser letzte Mensch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung sei. In diesen Tagen erscheint Benjamin von Stuckrad-Barres autobiographisches Buch „Panikherz“, das allseits auch dafür gelobt wird, wie offen der Autor von seinem Kokainmissbrauch schreibt. Muss man den Autor nicht dringend wegen seiner Amoral tadeln? Ist das Buch, weil Stuckrad-Barre gedopt war, womöglich ungültig?

Genauso heuchlerisch wird jetzt aber über Volker Beck geurteilt: Als könnte, wer nachts die Droge nimmt, statt wie jeder anständige Mensch einen dreifachen Whisky zu nehmen, mittags vorm Bundestag nicht klar sprechen und nachmittags nicht ordentlich im Ausschuss sitzen. Ist Volker Becks Engagement für die Rechte der Homosexuellen wegen Dopings ungültig? Muss sein Einsatz für die deutsch-israelische Freundschaft als gefälscht betrachtet werden, jetzt, wo das Publikum weiß, dass er „die Hitler-Droge“ (wie das die „Bild“-Zeitung nannte) genommen hat? Ist er in der Fraktionssitzung verhaltensauffällig geworden, hat er Leute belästigt, hat er Geheimnisse verraten? (Okay, manchmal twittert er ziemlich konfuses Zeugs in den Nächten, was man auf die Droge zurückführen könnte; aber konfuser als das, was andere nach dem dritten Glas Rotwein twittern, ist es auch nicht; und schaden tut er damit auch nur sich selbst.)

Kann schon sein, dass Beck die Droge nicht gutgetan hat; das wäre dann ein Fall für den Therapeuten, so wie es ja auch schon alkoholkranke Abgeordnete gab. Weshalb er sich moralisch oder politisch disqualifiziert hätte, müssten seine Ankläger vielleicht noch mal begründen.

Quelle: F.A.S.
Claudius Seidl
Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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