Vorwürfe gegen Kevin Spacey

Ein Mann wird gelöscht

Von Claudius Seidl
 - 15:17
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Seit alle Welt (oder zumindest jener Teil von ihr, der Zeitungen liest, sich für Filme und Fernsehserien interessiert, die Diskussionen in den sozialen Medien zur Kenntnis nimmt und nicht lange zögert, wenn es darum geht, moralische Urteile zu fällen), seit alle Welt den Schauspieler Kevin Spacey für einen Bösewicht hält, darf dieser Schauspieler keine Bösewichte mehr spielen.

Kaum waren jene Vorwürfe öffentlich geworden, wonach Spacey einst, vor mehr als dreißig Jahren, einen 14-jährigen Jungen heftig bedrängt und bedroht habe, gaben die Produktionsfirma Media Rights Capital und der Streamingdienst Netflix bekannt, dass Spacey gefeuert sei; dass er also, falls „House of Cards“ überhaupt weitergehe, nicht mehr mitspielen werde in jener Serie, in der er, fünf Staffeln lang, den komplett amoralischen Politiker Frank Underwood spielte, einen Mann, der schon zum Beginn der zweiten Staffel zwei Morde auf dem sogenannten Gewissen hat.

Und vor ein paar Tagen haben der Regisseur Ridley Scott und das Sony-Filmstudio verkündet, dass Scotts „Alles Geld der Welt“, ein Film, der eigentlich fertig ist, noch einmal überarbeitet werden müsse. Alle Szenen mit Kevin Spacey werden herausgeschnitten, mit Christopher Plummer an Spaceys Stelle nachgedreht und neu hineinmontiert in den Film, der, damit er noch eine Oscar-Chance haben kann, Ende Dezember in die amerikanischen Kinos kommen muss. Es ist die Geschichte von J. Paul Getty III., der entführt wird und nur gegen ein hohes Lösegeld freikommen soll. Und es ist die Geschichte des Großvaters, J. Paul Getty, über den es im Trailer heißt, er sei nicht einfach der reichste Mann der Welt, er sei vielmehr der reichste Mann in der Geschichte der Welt. Und der sich doch weigert, auch nur einen Dollar zu bezahlen, weshalb seinem Enkel ein Ohr abgeschnitten wird. Es war die Rolle von Kevin Spacey, den man im Trailer noch sehen kann.

Eine Entschuldigung im Konditionalis

Aus einer europäischen, irgendwie kulturbürgerlichen Perspektive sieht das – ein Filmkünstler zerschneidet sein eigenes Werk – wie ein barbarischer, grausamer, kunstfeindlicher Akt aus. Aus der Perspektive all derer, die am Zustandekommen dieses Films beteiligt waren, ist die Entscheidung richtig und konsequent – die einzige Möglichkeit, diesen Film zu retten. 40 Millionen Dollar, so wird allseits berichtet, habe „Alles Geld der Welt“ gekostet; das ist, verglichen mit den Blockbustern aus Hollywood, kein riesiges Budget; abschreiben will aber trotzdem keiner die Summe. Und man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, was aus dem Film geworden wäre, wenn sie Spacey nicht herausgeschnitten hätten. Besorgte Mütter, die vor den Kinokassen demonstrieren. Boykottaufrufe. Premierenfeiern, rote Teppiche ohne den Mann, der der größte Star auf der Besetzungsliste war. Nervige Fragen in den Pressekonferenzen. Der Vorwurf der Kumpanei mit einem notorischen Jungsbelästiger.

Es stimmt natürlich, dass auch Kevin Spacey als unschuldig zu gelten hat, solange er nicht rechtskräftig verurteilt ist. Aber das zählt halt wenig, wenn es um die Geschmacks- und Sympathie-Urteile jenes Publikums geht, das Spaceys erste Reaktion auf die Vorwürfe fast so unangenehm fand wie das, was Spacey vorgeworfen wird: Er könne sich nicht erinnern. Falls es so gewesen sei, tue es ihm leid. Eine Entschuldigung im Konditionalis.

Ridley Scott sagt, dass er sich diese Entscheidung schwergemacht habe. Eine Nacht lang habe er nachgedacht, und letztlich sei es ihm um Schauspieler und Crew gegangen, um die Leute, die hart für diesen Film gearbeitet hätten und die man jetzt nicht in Haft nehmen dürfe dafür, dass ein einzelner Schauspieler seinen Ruf, sein Image, seine Reputation so grandios zerstört habe, dass der Film, mit ihm darin, ruiniert gewesen wäre.

Eine Geschichte ohne Drehbuch

Das klingt einigermaßen stimmig – und dass man trotzdem nicht nur Ridley Scott einen Heuchler nennen möchte, dass man vielmehr auch die Chefs von Sony und Netflix, die Leute vom Londoner Theater Old Vic (dessen Chef Spacey lange war), die Produzenten und Regisseure all seiner anderen Filme, womöglich auch seine Co-Stars, ja im Grunde diese ganze Fiktionsindustrie, die wir mit der Chiffre „Hollywood“ bezeichnen, einer gigantischen Heuchelei bezichtigen möchte: Das liegt an der Geschichte, die sie jetzt alle erzählen. Wenn es wahr ist, dass Kevin Spacey, wo auch immer er arbeitete, die Stimmung am ganzen Filmset verdarb, weil er so hemmungslos nach allem grapschte, was jung, männlich, attraktiv war: Kann es dann zugleich wahr sein, dass diese Hemmungslosigkeit ausgerechnet vor Regisseuren und Produzenten aber streng geheim gehalten wurde? Dass es in dieser extrem geschwätzigen Branche keinen gab, der das den Studioverantwortlichen, den Agenten, Mächtigen weitererzählt hätte? Könnte da nicht auch Spacey behaupten, man habe diese Dinge vor ihm geheim gehalten?

Es musste jedenfalls erst Anthony Rapp kommen, ein nicht ganz so weltberühmter und offensichtlich nicht sehr mächtiger Fernsehschauspieler, und seine Geschichte erzählen, damit ganz Hollywood von Spacey nichts mehr wissen will. In der Woche fünf, nachdem mit den Enthüllungen über Harvey Weinsteins Taten in der „New York Times“ und im „New Yorker“ die ganze üble Sache ihren Anfang nahm, wirke Hollywood, wie der englische „Guardian“ schreibt, „verängstigt und verloren, treibt immer weiter ab in unbekannte Gewässer und hat dafür kein Drehbuch, keinen Regisseur, keine Ahnung, wo das alles enden wird“.

Das alles, möchte man da sagen, die Angst, die Unsicherheit, die Paranoia, das sind Probleme, die ihr euch selber geschaffen habt – aber könnt ihr bitte uns, die wir auf der anderen Seite der Leinwand sitzen, damit in Ruhe lassen? Wir sind doch erwachsen genug, den Anblick Kevin Spaceys auszuhalten, und selbst die hübschesten Jungs sind auf ihren Kinositzen sicher vor ihm. Und wenn jetzt in Hollywood allen Ernstes darüber beraten wird, ob man Spacey die beiden Oscars, die er gewonnen hat, wieder wegnehmen solle: Dann fragt man sich schon, ob da mehr als nur eine Rolle in einem Film herausgeschnitten werden soll aus der Welt, ausgelöscht aus dem Gedächtnis und der Filmgeschichte. Hat uns Spacey betrogen, als er, in Bryan Singers „The Usual Suspects“ den diabolischen Roger Kint spielte? Ist sein Spiel in „American Beauty“ als Lester Burnham, der Mann, dessen Tage mit dem Masturbieren unter der Dusche beginnen (und danach immer schlimmer werden), ungültig geworden? Und zugleich unerträglich anzuschauen, nach all dem, was ihm jetzt nachgesagt wird? Muss man dann nicht konsequenterweise auch David Finchers „Seven“ aus den Archiven entfernen, jenen Film, in dem man, als Zuschauer, dazu verführt wird, Mitleid und Erbarmen zu empfinden mit dem irren, unfassbar grausamen Serienkiller, den Spacey spielt?

Das Publikum will verführt werden

Naturgemäß melden sich jetzt die üblichen Verdächtigen zu Wort, um darauf hinzuweisen, dass man zwischen Werk und Künstler unterscheiden müsse; ja dass man die ganze westliche Kulturgeschichte auch als Kriminalgeschichte erzählen könne, von Daidalos bis Paul Verlaine, von Caravaggio bis Jean Genet. Ist alles richtig, kann man vielleicht nicht oft genug sagen, dass gute Künstler eher selten auch gute Menschen sind – und taugt doch nur bedingt als Analogie: Mag schon sein, dass Caravaggio, nur zum Beispiel, ohne seine eigenen Lebenserfahrungen die Judith, wie sie Holofernes tötet, nicht ganz so drastisch gemalt hätte. Und trotzdem verhält sich ein Gemälde Caravaggios zur Person Caravaggio so kategorisch anders als eine Rolle, die Spacey spielt zur Person Kevin Spacey, als dass man mit solchen Vergleichen die Wahrheitsfindung entscheidend befördern könnte.

Nach Missbrauchs-Vorwürfen
Netflix feuert Kevin Spacey
© Reuters, reuters

Ein Schauspieler hat eben, zumal im Kino, wo Präsenz und Körperlichkeit viel mehr zählen als Mimikry und Verstellungskunst, nur seinen Körper und sein Gesicht, seine Stimme, seine Blicke und Gesten als Material seiner Kunst, mit all den Spuren, die gelebtes Leben da hineingezeichnet haben. Und das Publikum, das im dunklen Kinosaal sitzt oder sich tage- und wochenlang auf eine Fernsehserie einlässt, betrachtet nicht aus der Distanz eine künstlerische Leistung und gibt danach ein abgewogenes Urteil ab. Es will involviert und verführt werden, es spielt das Spiel von Begehren und Identifikation, es langweilt sich, wenn es sich den Menschen auf der Leinwand (oder dem Bildschirm) nicht hingeben und ausliefern kann mit seinen Gefühlen. Es ist nur logisch, wenn Spaceys Publikum jetzt erschrocken und entsetzt ist, wenn die Zuschauer ihn nicht mehr sehen, sich diesem Mann nicht mehr ausliefern wollen. Es ist sogar verständlich, wenn sie sich um ihre Gefühle betrogen sehen.

Denn wer sich auf Spacey eingelassen hat, auf den Mann und seine Rollen, wer sich verführen ließ, ihn auch da zu mögen, wo er die Schurken, die Zyniker, die Bösen spielte, wer sich in einer Szene identifizierte und in der nächsten über diese Identifikation erschrak: Den hat Kevin Spacey, mit einer Intensität, über die nicht viele Schauspieler verfügen, emotional aufgewühlt und durchgeschüttelt. Und moralisch herausgefordert.

Die ewige Vernichtung

Noch wissen wir nicht genau, was Kevin Spacey jungen Männern angetan hat. Vieles klingt unschön, unangenehm, nervig, lästig, nicht aber kriminell. Und jenen 19-Jährigen, dessen Mutter jetzt beklagt, dass Spacey ihn betrunken gemacht habe, in einer Bar, in der noch andere Menschen waren: Den möchte man schon gern fragen, wie alt ein Mann werden muss, bis er einen Drink auch ohne Mamas Hilfe ablehnen kann. Aber allein die Geschichte, die Anthony Rapp erzählt, ist, wenn sie stimmt, wofür wohl vieles spricht, schlimm genug, dass Spacey dafür büßen soll.

Wir wissen aber ganz gut, was Spacey mit uns, den Zuschauern gemacht hat. Das war zu gut, als dass man ihm jetzt die totale Auslöschung, die ewige Vernichtung wünschen möchte.

Die Leute aber, die Spacey die Rolle des J. Paul Getty in „Alles Geld der Welt“ gegeben haben, die wussten, wenn sie nicht die perfekten Deppen sind oder blind, taub und viel zu ahnungslos für ihren Job, ganz genau, wen sie da engagierten. Sie sollten die Konsequenzen ihres Handelns tragen. Und den Film mit Spacey herausbringen. Der potentielle Flop wäre noch eine sehr milde Strafe für jahrelanges Augen- und Ohrenzuhalten.

Natürlich wird es anders kommen. Wenn es einer schaffen kann, in ein paar Tagen einen Film so zu überarbeiten, dass es aussieht, als wäre Christopher Plummer von Anfang an dabei gewesen, dann ist das Ridley Scott (der, als während der Dreharbeiten zum „Gladiator“ Oliver Reed starb, schon mal eine ähnliche Leistung erbrachte). Die Fachzeitschrift „Variety“, die meistens sehr gut informiert ist und immer kompetent, sagt jetzt schon voraus, dass Ridley Scott für diesen Film den Regie-Oscar gewinnen wird.

Was nur realistisch klingt.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Seidl, Claudius (cls)
Claudius Seidl
Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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