Weltberühmter Badeteich

Walden - ungeklärt

Von Andreas Platthaus
 - 12:21

Der berühmteste Teich der Literaturgeschichte heißt Walden Pond. An seinem Ufer lebte der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau zwei Jahre lang. 1854 veröffentlichte er darüber das Buch „Walden oder Leben in den Wäldern“, einen der wirkungsmächtigsten Texte der Neuzeit. Thoreau pries darin das urwüchsige Leben fernab der Zivilisation, die allerdings so weit weg nicht war, denn bis zum Haus seines Mentors und Freunds Ralph Waldo Emerson im Städtchen Concord war es eine runde halbe Stunde Fußwegs – wenn man schlenderte.

Thoreau kam regelmäßig dort vorbei, um sich verwöhnen und in gute Gespräche verwickeln zu lassen – Eremitage de luxe. „Ich wollte keine Entsagung üben, höchstens im Notfall“, steht denn auch in „Walden“ zu lesen. Thoreaus Verehrer ficht das nicht an; ihnen gilt der 1817 geborene und bereits mit 44 Jahren gestorbene Schriftsteller als Prophet der „Zurück zur Natur“-Bewegung. Deshalb hat es Amerika erschüttert, als vor ein paar Tagen eine Wasseruntersuchung im Walden Pond das Resultat erbrachte, dass der Stickstoff- und Phosphorgehalt dramatisch gestiegen, dadurch die Algenentwicklung explodiert und der Fischbestand derart gesunken ist, dass Thoreau seine Hauptnahrungsquelle, das Angeln, heute wohl kaum noch würde betreiben können.

Kann man die Leser freisprechen?

Und wer ist schuld daran? Die begeisterten Leser von „Walden“, behaupten amerikanische Medien; die auf eine halbe Million jährlich bezifferte Besucherzahl verkrafte der Teich nicht, zumal sich die Literaturliebhaber benähmen wie die letzten Wilden: Vor allem das Wildpinkeln setze große Mengen an Schadstoffen frei. Ungeachtet der Frage, wie es seinerzeit um die sanitären Bedingungen in Thoreaus selbstgebauter winziger Hütte gestanden hat – miserabel, wie deren Nachbau beweist, der ein paar Dutzend Meter vom ursprünglichen Standort entfernt zu besichtigen ist –, kann man die Leser von den Vorwürfen freisprechen. Die ob des zum Urinal degradierten Teichs schäumenden Stimmen stammen alle aus Blättern oder Websites, die weitab von Concord redigiert werden. Sonst wüssten die Kommentatoren, dass Walden Pond ein besonders beliebter Badeteich der dortigen Bevölkerung ist. Eigene Anschauung belegte an einem sonnigen Spätfrühlingstag ganze Horden junger Familien, die mit Handtüchern und Picknicktaschen zum Seeufer pilgerten, und was Kleinkinder mit sauberem Wasser anstellen, ist jedem Schwimmbadbesucher leidvoll bekannt. Nur, dass Walden Pond nicht geklärt wird. Die Masse folgt zwar mit ihrer Lust an Erfrischung dem Vorbild Thoreaus, der sein tägliches Morgenbad im Teich als „religiöse Übung und eine meiner besten Handlungen“ bezeichnete, aber sein eigenes Wasser schlug er woanders ab.

Literaturliebhaber waren im Vorjahr denn auch gar nicht am „Walden Pond“ zu finden, sondern in Emersons öffentlich zugänglichem Wohnhaus. Es bot ein für jene Zeit komfortables Badezimmer. Das wird Thoreau sein wildes Leben erleichtert haben – und Walden Pond sauber gehalten. Wie wäre es mit einem weiteren Nachbau am Teich?

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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