„Revenge Body“

Rache ist harte Arbeit

Von Melanie Mühl
 - 17:29

Eine Liebe, die erkaltet, schnürt einem Herz und Kehle zu. „Er liebt eine andere Frau, es kann nicht anders sein“ – überzeugt, Wronskis Liebe zu ihr sei endgültig erloschen, sinnt Tolstois gedemütigte Anna Karenina auf Rache. Sie will Wronski den größtmöglichen seelischen Schmerz zufügen. Will ihn bestrafen und sich von allen Menschen und von sich selbst befreien. Leichten Schrittes steigt Anna die Stufen zum Gleisbett hinab. Den Kopf zwischen die Schultern gezogen, lässt sie sich vor den einrollenden Zug fallen. Der Tod ist ihre Rache. Der blutige Körper Wronskis ewiger Schmerz.

Revenge Body würde man diesen Körper heute nennen. Nur: Der moderne Rachekörper ist in allerbester Verfassung. Er ist der prachtvolle, durchtrainierte, strahlende Beweis dafür, dass erst das Ende der Liebe den Weg zur Perfektion ebnet. Über soziale Netzwerke verbreitet, sollen die Bilder des schönen Körpers dem Abtrünnigen vor Augen führen, was ihm durch die Lappen geht. Sieh her! Sieh dies! Und das! Und erst die von Orangenhaut befreiten Oberschenkel. Die einst moppelige Khloe Kardashian, wie der gesamte Kardashian-Clan mit einem glücklichen Vermarktungshändchen gesegnet, hat aus der Trennungsbewältigung durch Körperoptimierung eine Reality-Show gemacht, und auf der Foto-Plattform Instagram präsentieren zahllose Verlassene ihre definierten Körper, in denen harte Arbeit steckt.

Bei dieser um Aufmerksamkeit buhlenden Zurschaustellung der eigenen, in der Regel kaum bekleideten Oberfläche dürften jeder Feministin die Haare zu Berge stehen. Von vornherein scheint es sich zu verbieten, in dieser Libidoverlagerung auch nur ein Fünkchen Vernunft erkennen zu wollen. Aber soll der Kummer lieber leis am Herzen nagen, bis es bricht, während man futternd auf dem Sofa liegt? Das Weinen und Sehnen im Stillen, das Schreiben von Briefen, die niemals abgeschickt werden, das beharrliche Festhalten an der Illusion, es ließen sich tatsächlich Brücken über Ströme schlagen, die vergehen, mag romantisch sein. Doch dort, wo der Revenge Body millionenfach geliked wird, wo Menschen per Tinder andere Menschen konsumieren, ist ohnehin kein Platz mehr für Romantik. Der Rachekörper giert in Wahrheit längst nach neuen Abenteuern. Er unterwirft sich nicht dem Mann, sondern dem Markt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Melanie Mühl
Melanie Mühl
Redakteurin im Feuilleton.
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