Whitman’s vergessene Werke

Übersetzerrennen

Von Hannes Hintermeier
 - 16:40

Zachary Turpin hat Sitzfleisch. Der Doktorand der Universität Houston fräste sich monatelang durch die Notizbücher des amerikanischen Dichters Walt Whitman (1819 bis 1892), der mit den in freier Versform hingeworfenen „Leaves of Grass“ ein zentrales Werk der Lyrik im 19. Jahrhundert schrieb. Ziel der Übung: Turpin wollte unbekannte Werke Whitmans finden, um den Nachweis zu führen, wie dieser sich bis zur Erlangung der Dichterreife mit Brotarbeiten als Journalist und Romancier für Groschenblätter finanzierte – was von der Nachwelt bitte schön zügig vergessen werden sollte.

Der Dichter konnte nicht ahnen, dass 165 Jahre später ein Spürhund die Archive abgrasen würde. Erst fand Turpin einen unter Pseudonym verfassten Fitness-Ratgeber („Manly Health and Training“) aus Whitmans Produktion, dann stieß er in einem Notizbuch Whitmans auf die nicht gerade alltäglichen Namen Wigglesworth, Smytthe und Jack Engle. Diesen folgend fand der Literaturwissenschaftler ein Inserat in der „New York Daily Times“ vom 13. März 1852, das einen Fortsetzungsroman im „Sunday Dispatch“ ankündigte. Titel: „Life and Adventures of Jack Engle“. Das seinerzeit drei Pennys billige Boulevardblatt gibt es nur noch in den Archiven der Library of Congress in Washington – nicht digitalisiert. Nach wochenlanger Wartezeit bekam Turpin von dort ein PDF: Volltreffer! „Life and Adventures of Jack Engle: An Auto-Biography (A Story of New York at the Present Time)“, so lautet der volle Titel des 36 000 Wörter umfassenden Romans, der, stilistisch eng an Dickens angelegt, eine rührselige Waisengeschichte erzählt.

Ein Roman, drei Übersetzungen

„City mystery novel“ nennt sich das Genre, das Buch ist auch eine Liebeserklärung des New Yorkers Whitman an seine Stadt. Dass er zur gleichen Zeit an seinem lyrischen Hauptwerk „Leaves of Grass“ schrieb, das 1855 erschien, beweist zumindest geistige Beweglichkeit. Wie erfolgreich Jack Engles Abenteuer auf dem deutschen Buchmarkt sein können, wollen gleich drei Verlage herausfinden, die sich, elektrisiert von dem Fund, auf die Übersetzung des rechtefreien Textes stürzten. Anfang März kündigte der Deutsche Taschenbuchverlag an, man wolle den Roman im Frühjahr 2018 herausbringen, übersetzt von Jürgen Brôcan (der Whitmans bewährte „Grashalme“ in „Grasblätter“ verwandelte). Sogleich annoncierte der unlängst in Berlin gegründete Verlag Das kulturelle Gedächtnis, den Roman bereits im Herbst herausbringen zu wollen.

Am gestrigen Donnerstag unterbot der Manesse Verlag die Siegerzeit: Man werde das Buch bereits am 22. Mai vorlegen. Worauf Stunden später der neue Konkurrent aus Berlin mitteilte, man werde nun die Veröffentlichung auf den 30. Mai vorziehen. Dtv-Programmleiter Lars Claßen findet es dagegen „wunderbar kurios“, dass das Buch nun gleich mehrfach übersetzt würde. Man wolle dem Übersetzer aber die vereinbarte Zeit zugestehen. So werden die Ersten die Letzten sein. Immerhin sucht Zachary Turpin weiter. Vermisst wird noch Whitmans Roman „The Sleeptalker“.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hintermeier, Hannes (hhm)
Hannes Hintermeier
Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.
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