Kommentar

Wenn ein erfolgreicher Verlag Hilfe braucht

Von Hubert Spiegel
 - 11:53

Zu den schönsten und erfolgreichsten Büchern, die in den letzten Jahren im Schweizer Dörlemann Verlag erschienen sind, gehört David Garnetts kleiner Roman „Dame zu Fuchs“. Der exzentrische Autor, der zum Bloomsbury-Kreis um Vanessa Bell und Virginia Woolf zählte, erzählt darin die Geschichte einer jungen Frau, die sich während eines Spaziergangs unversehens und irreversibel in eine Füchsin verwandelt, was ihren Gemahl zwar irritiert, jedoch nicht davon abbringen kann, in guten wie in tierischen Zeiten zu ihr zu halten. Und weil Metamorphosen in der literarischen Welt spätestens seit Ovid Konjunktur haben, macht man bei Dörlemann gleich mit der nächsten wundersamen Verwandlung weiter: „Hummel zu Goldhamster“ heißt die Geschichte, die sich in diesen Tagen zuträgt.

Sie handelt von einem Verlag, der in wirtschaftliche Not gerät, schnell und dringend 60.000 Franken braucht und sich die Summe per Crowdfunding im Internet besorgen will. Zum Wappentier der auf dreißig Tage begrenzten Kampagne wird die kleine, dicke Hummel auserkoren. Motto: „Und sie fliegt doch.“ Nach nunmehr 26 Tagen haben 170 spendable Leser mehr als 70.000 Franken überwiesen und dem Verlag wieder ein wenig Luft unter den Flügeln verschafft. Im Gegenzug erhalten sie dafür eine Dankesgabe, gestaffelt nach der Höhe ihrer Spende. Bei sechzig Franken geht es los. Wer zehntausend Franken gibt, erhält zehn Jahre lang alle Neuerscheinungen des Verlags und wird in den nächsten zehn Dörlemann-Titeln namentlich genannt (bislang ein Spender).

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Aber warum muss ein kleiner, feiner Zürcher Verlag zu einem solchen Mittel greifen? Dörlemann hat mit Iwan Bunin und Alice Munro zwei Nobelpreisträger im Programm, gilt dank Autoren wie David Garnett und Patrick Leigh Fermor als gute Adresse für interessante Wiederentdeckungen und ist überdies der zurzeit wohl wichtigste Verlag für junge Schweizer Literatur. Außerdem nimmt man die schön und aufwendig gestalteten Bände gerne in die Hand. Woran hapert es also?

Schuld ist vor allem der starke Franken, der den Gewinn auf dem deutschen Markt schmelzen lässt. Etwa zwanzig Prozent hat die Schweizer Währung zugelegt, seitdem die Nationalbank vor gut zwei Jahren den Euromindestkurs aufgehoben hat. Das Dörlemann-Team zählt gerade einmal vier Köpfe. Da kann man nicht viel abspecken. Große Sprünge werden sich auch nach dem Ende der Sammelaktion nicht machen lassen. Eine Hummel ist schließlich kein Känguru. David Garnett, der sich auch als Kritiker und Verleger betätigte, betrieb einige Jahre lang eine Buchhandlung, die zu einem Treffpunkt der „Bloomsberries“ wurde. Sie sollen zeitweise seine einzigen Kunden gewesen sein. Treue Leser sind viel wert.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spiegel, Hubert (igl)
Hubert Spiegel
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