Oprah Winfrey

Amerikas nächste Erlöserin

Von Ursula Scheer
 - 11:38

Am Ende verkündet sie ihrer zu stehenden Ovationen hingerissenen Gemeinde, dass bald ein neuer Tag anbrechen werde, und es klingt wie die Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde. Denn wenn dieser Tag endlich heraufziehe, in dessen erstes Morgenrot uns „eine Menge großartiger Frauen“ und nur „einige ziemlich phänomenale Männer“ geführt hätten, dann müsse nie wieder jemand bekennen: „Me too“.

Welch ein Kulminationspunkt einer Golden-Globe-Rede, mit der die amerikanische Talkshow-Legende Oprah Winfrey, die erste schwarze Multi-Millardärin des Landes, Film- und Fernsehproduzentin, Sender-Besitzerin, Schauspielerin, Verlegerin mit eigenem Personality-Magazin, Autorin, Schulstifterin, Franchise-Unternehmerin und selbsternannte Philanthropin mit spiritueller Mission sich vordergründig dafür bedankte, dass sie – wieder einmal als erste Schwarze – die Auszeichnung für ihr Lebenswerk entgegennehmen durfte. Tatsächlich brachte Winfrey sich als potentielle Bewerberin für den kommenden Wahlkampf um das amerikanische Präsidentenamt ins Spiel. Und das, obwohl die Dreiundsechzigjährige, die Hillary Clinton und Barack Obama unterstützt hatte, noch wenige Wochen zuvor ihrer besten Freundin Gayle King in der von dieser moderierten CBS-Show „This Morning“ sagte: Nein, sie strebe kein politisches Amt an. Winfrey spricht auch jetzt nicht von einer Kandidatur.

Video starten

Spekulationen über Kandidatur„Oprah wäre ein großer Spaß“

Das große „We shall overcome“-Projekt

Ihre Rede bei den Golden Globes wurde als das Gegenteil verstanden. Kein einziges Mal fiel der Name Harvey Weinstein, stattdessen schloss Winfrey auf geschickte Weise die vom Skandal um den Hollywoodproduzenten losgetretene „Me too“-Kampagne, die sich gegen sexuelle Übergriffe vor allem mächtiger Männer auf weniger mächtige Frauen wendet, mit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung kurz. Sich selbst zeichnete Winfrey als Freundin der freien Presse, als Verfechterin der „absoluten Wahrheit“ und als lebenslange Advokatin eines gleichermaßen feministischen wie anti-rassistischen „We shall overcome“-Projekts, dessen Zeit nun gekommen sei.

Dass ausgerechnet Oprah Winfrey, die „Beichtmutter der Nation“, in deren Talkshows jahrzehntelang Prominente zu teils tränenreichem Seelenstriptease erschienen, nichts von den Übergriffen im Showbusiness gewusst haben will, kann einen nur verblüffen. Doch solche Gedanken ließ sie nicht aufkommen: „Time’s Up“, sagt sie immer wieder und spannt den Bogen von ihrer frühen Kindheit in ärmlichen Verhältnissen im noch rassengetrennten Mississippi bis in die Gegenwart. Damit könnte sie den hashtagtauglichen Slogan für ihre mögliche Kampagne gefunden haben – das Gegenprogramm zu „Fire and Fury“ gewissermaßen. 48 Prozent der wahlberechtigten Amerikaner, so ermittelte eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Rasmussen Reports, würden jetzt für Oprah Winfrey stimmen. Nur 38 Prozent für Donald Trump.

Sie verwirklichte den amerikanischen Traum

Nach einem Jahr mit Trump scheint Amerika reif für eine Erlöserin. Winfrey ist in fast allem das Gegenteil des amtierenden Präsidenten, der für seine Gegner den Archetypus des zu überwindenden, alten weißen Mannes darstellt, einen Atavismus der Geschichte. Sie ist eine Frau, sie ist schwarz, wurde als uneheliche Tochter einer minderjährigen Putzfrau geboren und als Kind missbraucht. Als Jugendliche brachte sie ein Kind zur Welt, das kurz nach der Geburt starb.

Oprah Winfrey ist keine Erbin, sie verwirklichte den amerikanischen Traum. Noch auf der Highschool wurde sie als Sprecherin fürs Radio entdeckt. Sie studierte und ging als Fernsehreporterin nach Baltimore. Aber es erschien ihr falsch, Menschen zu befragen, ohne selbst Anteilnahme an deren Schicksal zeigen zu dürfen. Erst in Chicago bei WLS-TV gelang ihr der Aufstieg in eine eigene Liga. Ein Vierteljahrhundert lief „The Oprah Winfrey Show“ oder später einfach „Oprah“. Die Sendung machte die Frau, die nie heiratete, aber schon lange mit dem Unternehmer Stedman Graham liiert ist, zur Weltmarke und Medienmogulin.

Eine zur Seelenführerin mutierte Talkshow-Königin

Warum? Das ist für die Talkshow-Königin eine Glaubensfrage, die spätestens seit ihrem werbewirksamen Einsatz für das Selbsthilfe-Buch und den Film „The Secret“ der Australierin Rhonda Byrne vor zehn Jahren kein Geheimnis mehr ist. Sie habe schon immer nach den kosmischen Gesetzen gelebt, die „The Secret“ offenbare, bekannte Winfrey bei ihrem Kollegen Larry King über die pseudowissenschaftliche Publikation, die das „Gesetz der Anziehung“ propagiert. Winfrey fasste auf ihrer Website zusammen: „Die Energie, die du in die Welt schickst, egal ob gute oder schlechte, ist exakt, was zu dir zurückkehrt. Du kannst die Umstände deines Lebens selbst schaffen“. Heute sagt sie sogar, ein Vielfaches komme zurück, wenn man erst visualisiere, dann loslasse. So habe sie ihre Rolle im Film „Die Farbe Lila“ bekommen, die für sie den eigentlichen Startpunkt ihrer Karriere markiert. Das Gesetz der Anziehung im Verbund mit der „Macht der Intention“ sei „die Goldene Regel auf Steroiden“, ultimatives Werkzeug der Selbstermächtigung, wie sie immer wieder in Talks mit Heilspropheten aus New Age-Zirkeln wie Gary Zukav, Louise Hay, Wayne W. Dyer oder Eckhart Tolle darlegte.

Im Umkehrschluss müsste das heißen, dass alle, die unter Krankheiten oder anderen Schicksalsschlägen wie Krieg und Gewalt leiden, die falschen Gedanken ins Universum hinausgeschickt haben. Auch „Me too“-Opfer. Auch eine Frau, die in Winfreys Show auftauchte, sagte, sie wolle ihren Brustkrebs mit der Kraft der Gedanken heilen – und bald darauf starb. Aber auf die Füße gefallen ist Oprah Winfrey ihre von ihr als christlich verstandene Erfolgsspiritualität ebenso wenig wie die Tatsache, dass sie seit Jahr und Tag für die „Weight Watchers“ wirbt, ohne dauerhaft zu erschlanken. Sie habe Frieden mit ihrem Körper geschlossen, sagt sie einfach. Auch die Missbrauchsfälle an der von ihr in Südafrika gegründeten Vierzig-Millionen-Dollar-Schule, der „Oprah Winfrey Leadership Academy“ für handverlesene schwarze Mädchen, schadeten ihr nicht.

Wer ihre Sendung „Super Soul Sunday“ einschaltet, die nach dem selbstgewählten Aus von „Oprah“ auf ihrem eigenen Sender „OWN“ läuft, sieht eine zur Seelenführerin mutierte Talkshow-Königin, die Leute wie Arianna Huffington von ihrem Weg nach ganz oben als spiritueller Reise voller „Aha-Momente“ erzählen lässt. Sendungsbewusstsein amalgamiert mit Selbstoptimierungsglaube und Selbsterlösungssehnsucht zum marktkompatiblen Heilsangebot für alle: Oprah Winfreys Version von „Yes you can“ und „Change you can believe in“. Jeder Mensch, sagt sie, könne werden, woran er glaubt. Ob sie an sich als Präsidentin glaubt? Sie hat das Geld. Sie hat keine politische Erfahrung. Sie kann ihre Anhänger beseelen. Wie Trump. Für die einen ist das der Himmel auf Erden, für andere eine apokalyptische Vorstellung.

Quelle: F.A.Z.
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenOprah WinfreyDonald TrumpAmerikaFrauenMännerHillary ClintonBarack ObamaGolden Globe Award