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Wissenschaftliche Zählung von NS-Lagern

Leben oder Tod ist keine akademische Frage

Von Ulrich Herbert
 - 17:13
Der Holocaust hatte seinen Ort in den Konzentrationslagern (hier im Bild Buchenwald nach der Befreiung im April 1945). Davon gab es 20, mit 1200 Außenstellen Bild: BYRON H. ROLLINS, F.A.Z.

Das Lager war im Verlaufe der zwölf Jahre langen NS-Herrschaft eine alltägliche, fast unvermeidbare Erscheinung. In der Vorkriegszeit beherbergten allein die Lager für die erwerbslosen Arbeiter im „Reichsarbeitsdienst“ ebenso wie die Lager der Arbeiter, welche zunächst die Reichsautobahnen, dann den „Westwall“ an der Grenze zu Frankreich errichteten, Hunderttausende von jungen Männern. Sogar Fortbildungskurse und Lehrgänge für Studenten, Ärzte oder Rechtsanwälte wurden nun „lagermäßig“ organisiert, Schüler fuhren im Sommer ins Ferienlager, Sportler ins Sportlager - und immer sollte sich darin das Provisorische, das Kollektive, das Militärische ausdrücken. Im nationalsozialistischen Deutschland wurde das Lager zur Lebensform, zum Ausdruck unentwegter Mobilisierung und zum Symbol des permanenten Ausnahmezustands.

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Während des Krieges stieg die Zahl der Lager in Deutschland wie in dem von ihm beherrschten Europa ins schier Unermessliche. Neben den großen Lagersystemen - den Konzentrationslagern, den Lagern für ausländische Zivilarbeiter und Kriegsgefangene - gab es alle Arten von Durchgangs-, Zwischen- und Aufenthaltslagern, Lager für politisch Verdächtige, Polizeilager für „Asoziale“, Sonderlager für spezielle Häftlinge, Straflager für deutsche Wehrmachtsangehörige, „Kinderpflegestätten“ für die Kinder von ausländischen Zwangsarbeiterinnen, Bordell-Lager hinter der Front, Durchgangslager für Umzusiedelnde. Fast jede Sondermaßnahme der NS-Behörden, und davon gab es überaus viele, war mit einem solchen Lager verbunden.

Konzentrationslager

Das Center for Advanced Holocaust Studies des United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) in Washington hat nun eine Berechnung vorgestellt, wie viele Lager es im deutschen Machtbereich insgesamt gegeben hat. Gezählt wurden dabei alle Arten von Einrichtungen, in denen Menschen „verfolgt, zur Arbeit gezwungen, gefoltert, inhaftiert oder ermordet wurden“, wie der zuständige Referent im USHMM, Geoffrey Megargee, erläutert hat. Die dabei summierte Gesamtzahl von 42.500 ist zweifellos realistisch, vermutlich sogar noch etwas zu gering, weil die Zahlen der Kriegsgefangenenlager und der Lager in den von Deutschland besetzten Ländern nicht genau erfassbar sind. Um das zu illustrieren, sei hier eine Überschlagsrechnung auf der Grundlage unserer Freiburger Unterlagen angestellt. Man kann die nach den Kriterien des USHMM erfassten Lager grob in vier Kategorien einteilen.

Erstens die zwanzig Konzentrationslager des Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes der SS mitsamt ihren etwa 1200 Außenlagern. Hinzu kamen zahlreiche, vielleicht ein- oder zweihundert ebenfalls „Konzentrationslager“ genannte Einrichtungen anderer NS-Dienststellen vor allem in Osteuropa. In diesen Lagern waren politische Gegner, Angehörige „feindlicher“ Gruppen aus-ländischer Staaten, Juden, Sinti und Roma sowie aus rassehygienischen Gründen Inhaftierte eingesperrt. In diesem Kontext stehen auch die Zwangsarbeiterlager für Juden, die in Polen meistens bestimmten Bauprojekten angeschlossen waren und nach deren Fertigstellung aufgelöst wurden. Auch von solchen Lagern gab es gewiss einige hundert. Am Ende des Krieges wurden mehr als 500.000 Häftlinge in den Konzentrationslagern gezählt. Insgesamt waren mehr als eine Million Menschen für kürzere oder längere Zeit in Konzentrationslagern eingesperrt. Unter den europäischen Juden gehörten dazu aber nur jene, die überhaupt als Lagerinsassen registriert wurden und nicht, wie die Mehrheit, nach ihrer Ankunft in den Vernichtungszentren wie Auschwitz oder Majdanek sofort umgebracht wurden.

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Lager für Kriegsgefangene

Zweitens die Gettos in den eroberten Gebieten Osteuropas: Diese „besonderen Wohngebiete“ für Juden wurden vor allem in den Städten der besetzten osteuropäischen Länder errichtet, um die jüdische Bevölkerung von den übrigen Bewohnern zu isolieren. Zu dieser Kategorie kann man auch die „Judenhäuser“ zählen, in die vor allem in Deutschland und Österreich Juden vor ihrer Deportation in den Osten eingewiesen wurden. In der „Yad Vashem encyclopedia of the ghettos during the Holocaust“ sind insgesamt neunhundert Gettos verzeichnet. Die Zahl der Judenhäuser in Deutschland und Österreich, die oft ja nur einige Wochen oder Monate existierten, ist bisher nicht bekannt. Angesichts der etwa 120.000 in den Osten deportierten deutschen und österreichischen Juden ist eine Größenordnung von 1.000 vermutlich realistisch.

Drittens die Lager für Kriegsgefangene: Im Sommer 1944 waren etwa 2,3 Millionen Kriegsgefangene in Deutschland zur Arbeit eingesetzt und lebten in von der Wehrmacht bewachten Lagern - wenn sie diese denn erreichten, denn Millionen sowjetische Kriegsgefangene starben vor Erreichen des Reichsgebiets im Hinterland der Ostfront an Hunger und an Seuchen. Die genaue Zahl der Kriegsgefangenenlager ist nicht eruierbar, auch weil sie zum Teil sehr klein waren und nur für wenige Wochen bestanden. Andere Lager waren hingegen riesig und umfassten mehrere tausend Gefangene. Geht man plausiblerweise von einer durchschnittlichen Belegung von vierhundert Personen aus, kommt man auf eine Zahl von etwa 5.000 bis 7.000. Nicht einberechnet sind hier die Kriegsgefangenenlager in den von Deutschland besetzten Ländern.

Lager für ausländische Zivilarbeiter

Viertens: Die zahlenmäßig bei weitem größte Kategorie bildeten die Lager für ausländische Zivilarbeiter, von denen im Sommer 1944 in Deutschland 5,2 Millionen zur Arbeit eingesetzt wurden. Ähnlich wie die KZ-Häftlinge und die Kriegsgefangenen waren auch sie überwiegend gegen ihren Willen nach Deutschland gebracht worden, insofern ist die Bezeichnung „Zwangsarbeiter“ zutreffend. Allerdings galt das nicht für alle Gruppen. Es gab, vor allem in den ersten beiden Kriegsjahren, auch größere Zahlen von Freiwilligen, von denen allerdings ein Teil, etwa viele ursprünglich freiwillig nach Deutschland gekommene Ukrainer, nach Ablauf des Arbeitsvertrags nicht nach Hause zurückkehren durfte. Auch die Lebensbedingungen der einzelnen Gruppen waren sehr unterschiedlich. Viele Arbeiter aus West- und Nordeuropa erhielten Löhne wie die Deutschen und lebten auch nicht schlechter als diese. Auch die Arbeitslager, in denen sie untergebracht waren, waren dementsprechend viel komfortabler. Viele wurden auch in Schulen oder Gasthäusern „lagermäßig“ untergebracht. Die polnischen und vor allem die sowjetischen Zivilarbeiter und Zivilarbeiterinnen - fast die Hälfte der Arbeitskräfte aus Polen und der Sowjetunion waren Frauen - lebten hingegen viel schlechter, oft hinter Stacheldraht und unter Bewachung. Die Mortalitätsrate der ausländischen Zivilarbeiter in Deutschland war aber nicht signifikant höher als die der deutschen Bevölkerung.

Die Zahl der Lager für die ausländischen Zivilarbeiter ist aufgrund der unzureichenden Unterlagen nicht präzise, in ihren Größenordnungen aber durchaus berechenbar. Geht man hier von einer durchschnittlichen Belegungszahl von 200 aus - ein Durchschnittswert der vorhandenen Lagerlisten für das Ruhrgebiet und die angrenzenden ländlichen Regionen -, so kommt man auf etwa 25.000 solcher Lager allein in Deutschland, die von einer Unterkunft für zehn polnische Landarbeiter bis zu Lagern mit mehreren tausend Insassen reichten. Nicht einberechnet ist hier die Zahl der in Lagern untergebrachten Menschen, die in ihrem eigenen Heimatland oder in einem Drittland für Deutschland arbeiten mussten - die zahlreichen „Rotspanier“ oder russischen Arbeiter beim Atlantikwall in Frankreich etwa.

Der Unterschied zwischen Leben und Tod

Nimmt man diese verschiedenen Kategorien zusammen, so wird deutlich, dass die von den Historikern des USHMM berechneten Zahlen realistisch und eher vorsichtig berechnet sind. Von den hier genannten mehr als 40.000 Lagern sind etwa 35000 solche für Kriegsgefangene und Zivilarbeiter, die in Deutschland zur Arbeit eingesetzt wurden. Diese Größenordnungen sind nicht neu, aber es ist verdienstvoll, wenn solche Aussagen auf der Basis genauerer Zählungen präziser gefasst worden sind.

Damit wird aber auch erkennbar, dass die in der „New York Times“ und auch in der deutschen Presse jetzt vielfach vorgenommene Einordnung der Zahlen an der Sache vorbeigeht. In der „Zeit“ etwa wurde der verantwortliche Historiker Geoffrey Megargee gefragt: „Ändert Ihre Arbeit etwas daran, wie Deutsche auf den Holocaust blicken? Macht eine Zahl von 42.500 Orten der Nazi-Gewalt nicht deutlich, dass an jeder Ecke ein Lager war? Unübersehbar?“ Megargee betont daraufhin, seine Ergebnisse erweiterten den Blick „um mehrere Dimensionen, so dass verständlicher wird, wie es zum Holocaust kam“.

Das ist nicht zutreffend. Unter „Holocaust“ wird die Ermordung der europäischen Juden verstanden. Die Lager für Kriegsgefangene oder gar für die Zivilarbeiter aber betrafen völlig andere Gruppen von Menschen, die mit dem Holocaust nicht in Verbindung standen. Das Schicksal der ausländischen Zivilarbeiter in Deutschland war gewiss nicht leicht, zumal für die aus Osteuropa stammenden Arbeiter. Aber es unterschied sich himmelweit von dem eines polnischen Häftlings, der jahrelang in einem Konzentrationslager eingesperrt war, oder eines jüdischen Jungen, der nach ein paar Monaten im Warschauer Getto ins Vernichtungslager deportiert und dort umgebracht wurde. Ein französischer Zivilarbeiter musste in Deutschland arbeiten, er war den Bombenangriffen ausgesetzt, lebte oft unbequem und wurde womöglich schikaniert; anschließend kehrte er nach Hause zurück. Die Juden hingegen wurden im Holocaust ermordet. Der Unterschied zwischen Leben und Tod ist keine akademische Differenzierung.

Gigantischen Ausmaße

In der Tat stand während des Kriegs in Deutschland an jeder Ecke ein Lager, in den Städten wie auf dem Lande. Der hier vor aller Augen durchgeführte „Auslän-dereinsatz“ gehörte zum Kriegsalltag der Deutschen. Mit dem in den besetzten Gebieten des Ostens umgesetzten Mord an den europäischen Juden stand er jedoch nicht in Verbindung - höchstens insofern, als die Tarnerklärung der NS-Behörden, auch die Juden würden in den Osten zum Arbeitseinsatz geschickt, auf diese Weise eine beruhigende Plausibilität zu erhalten schien. Kenntnisse über das Mordgeschehen in Polen und der Sowjetunion waren in der deutschen Bevölkerung gleichwohl durchaus verbreitet, sei es durch die Berichte der deutschen Soldaten oder die ausländischen Sender, sei es durch die überall sich verbreitenden Gerüchte.

Von der Frage der Einordnung der erhobenen Befunde abgesehen, aber machen die vom USHMM erarbeiteten Zahlen einmal mehr deutlich, welche gigantischen Ausmaße die nationalsozialistische Politik der Verfolgung, der Vertreibung, der Zwangsarbeit, des planmäßigen Massenmords, der Hungerpolitik und der „völki-schen Flurbereinigung“ besaß. Die Vorstellung, die NS-Verbrechen hätten weit im Osten, heimlich und ohne Augenzeugen stattgefunden, ist falsch. Diese überaus zahlreichen und voneinander so sehr verschiedenen Vorgänge aber unter dem Begriff des „Holocaust“ zusammenzufassen ist nicht nur falsch, sondern fällt auch weit hinter die erreichten differenzierten Kenntnisse über die nationalsozialistische Verfolgungspolitik zurück.

Ulrich Herbert lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg.

Quelle: F.A.Z.
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