Großtagung in Würzburg

Die Artus-Dröhnung

Von Oliver Jungen
 - 15:50
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Die Romantiker mochten es übersichtlich. Bei ihnen versammelt König Artus rund ein Dutzend gleichberechtigte Ritter um sich: die an ihren Enden vernähte Abendmahlstafel gewissermaßen. Der mittelenglische Dichter Layamon sprach im 13. Jahrhundert hingegen von einem Tisch, „wondrous fair, at which sixteen hundred men and more might sit“. An diesem Megamöbel hätte die gesamte Internationale Artusgesellschaft (IAS) mit ihren knapp tausend Mitgliedern Platz. Bei den einwöchigen Großkonferenzen der IAS, die nur alle drei Jahre stattfinden, zeigt sich tatsächlich eine kuriose Vorliebe für runde Tische, egal, wie eng es dadurch in den Räumen wird. Die Sache mit der Égalité nimmt man ebenfalls ernst: Jedes Mitglied, ob Ordinarius oder Laie, darf Vorträge halten.

Schwafler und Verschwörungstheoretiker – „dotty Arthurians“, wie man sie hier nennt – sind trotzdem nicht mehr anzutreffen. Das historisch-kritische Niveau hat sie wohl abgeschreckt. Ganz unschrullig geht es dennoch nicht zu, doch ist das eine im eigenen Garten gewachsene Exzentrik. Immer wieder einmal wird etwa (das mythische) Camelot entdeckt. Diesmal tat dies Peter Field (Bangor), ein ehemaliger Präsident dieser Artus-Runde, der durch Zufall in den Quellen auf das römische Fort Camulodunum gestoßen ist. Es lag an der römischen Straße zwischen Chester und York, wäre ein guter Ausgangspunkt für die Verteidigung gegen die einfallenden Angelsachsen und soll die wahre Adresse des Artus-Hofes darstellen. Hört, hört!

Schiffbrüche mit Eitelkeiten

Weil Cora Dietl (Gießen) gegenwärtig Präsidentin der Gesellschaft ist, fand die Tagung jetzt in Deutschland statt, überhaupt erst zum dritten Mal seit der Gründung im Jahre 1948. Würzburg, Geburtsort Meister Konrads und Sterbestadt Walthers von der Vogelweide, ist eine honorige Wahl, allerdings sind beide Dichter nicht mit dem Artus-Sagenkreis verbunden. Wolframs-Eschenbach immerhin liegt in Ausflugsentfernung. Zu Dietls Nachfolger wurde in Würzburg der Mediävist Andrew Lynch von der University of Western Australia gewählt. Die Konferenz im Juli 2020 wird dennoch nicht unter Kängurus, sondern im sizilianischen Catania stattfinden. Beschlossen wurde zudem, dass die bislang bei De Gruyter gedruckte Artus-Bibliographie fortan kostenlos als Online-Datenbank zugänglich ist.

Was da im schicken Burkardus-Tagungshaus am Würzburger Dom stattfand, war auch ein Wettstreit der akademischen Kulturen. Deutsche Mediävisten analysierten mit philologischem Eifer, wie sie das seit Jahrzehnten tun, narrative Strategien und verschachtelte Motivkomplexe der mittelhochdeutschen Artus-Epen; ihre französischen Kollegen näherten sich den Texten eher mit abstrakt-theoretischen Konzepten; Niederländer beschäftigten sich gern mit dem pädagogischen Potential der Artus-Erzählungen; Amerikaner warfen einen ungetrübten Blick auf die Rezeption – was sich mitunter in länglichen Nacherzählungen niederschlug –, und die Engländer, wenn sie nicht Thomas Malorys grandiose Kompilation „Le Morte d’Arthur“ aus dem 15. Jahrhundert untersuchten, waren für jeden schrägen Blick auf den Artus-Komplex offen.

So befassten sich die Vorträge von Leah Tether (Bristol), Samantha Rayner (University College London), Adele Cook (Bedfordshire) und Rebecca Lyons (Bristol) mit den semiakademischen Mittelalter-Editionen im Penguin Verlag. Aus den intensiven Archivrecherchen ging hervor, wie ungeplant der Verlag in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in die Rolle des Verbreiters dieser englischen Grundtexte rutschte. Zentrale Editionen wie das große Malory-Projekt kamen sogar erst nach mehreren Schiffbrüchen zustande, wobei Eitelkeiten der beteiligten Forscher eine Rolle spielten. In diesem Fall ging es um zwei der Gründer der IAS, Eugène Vinaver und Roger Sherman Loomis: Vinaver weigerte sich nach dem Tod von Loomis, dessen Einleitung zu Malory zu vollenden, weil er mit der Festlegung der Textgrundlage – die erste Druckfassung durch William Caxton sollte durch das 1934 entdeckte Winchester-Manuskript nur in Zweifelsfällen ersetzt werden – nicht einverstanden war.

Alle argumentieren mit Artus

Den Löwenanteil bildeten philologische Vorträge. Dabei scheint man sich eher über den Status quo zu verständigen als grundstürzende Neuinterpretationen zu wagen. Das zeigten etwa Friedrich Wolfzettels (Frankfurt am Main) Überlegungen zur Entsakralisierung des „Perceval“ Chrétien de Troyes durch zwei inselkeltische Adaptationen aus dem 14. Jahrhundert. Dass der „Sir Perceval of Galles“ und der „Peredur fab Efrawg“ bei der Heimholung dieses Stoffs die gralsmetaphysische Überhöhung zugunsten einer psychologischen respektive rein abenteuerlichen Geschichte unterlaufen – laut Wolfzettel eine „heroische Subversion“ der „kontinentaleuropäischen Hybris“, um einen gralsfreien Erzählraum zu schaffen –, wurde indes nicht zum ersten Mal festgestellt.

Interessanter war es, sich dem Tafelritter Gawein aus frappierend auseinanderklaffenden europäischen Erzählperspektiven zu nähern. Bei Geoffrey von Monmouth ist dieser Artus-Neffe römischer als die Römer, ein ausgewiesener Edelmann, wie Siân Echard (University of British Columbia) nachwies. Hemmungslos idealisiert begegnet er uns laut David Johnson (Florida State University) in der niederländischen Tradition als Walewein. In der französischen Tradition wurde er dagegen zu einem häufig scheiternden „Ritter light“, wie es Joan Tasker Grimbert (Catholic University of America) formulierte. Die nordische Tradition überging Gawein geradezu, machte Kevin Kritsch (McNeese State University) sehr amüsant klar, und die deutschen Autoren erhoben ihn, so Evelyn Meyer (Saint Louis University), zu einem ambitionierten Womanizer. Wer künftig die Eurofloskel „Einheit in der Vielfalt“ hört, der darf an diesen schillernden Lancelot-Rivalen denken.

Filmkritik „King Arthur“
Eher die Vorstufe zu einem Videospiel
© AP, Warner Bros.

Engagiert diskutiert wurde in Würzburg, wo angesichts der popkulturellen Beliebtheit der Artus-Legende die Grenze zwischen kreativer Ausgestaltung und Schindluder liegt. Ein wenig begreift man sich durchaus als Artus-Polizei, ist aber nachsichtig. Dass viele Hollywood-Filme (zuletzt mit Guy Ritchie) dem Stoff einen Tort antun, stört niemanden, hat doch schon besagter Geoffrey in seiner „Historia Regum Britanniae“ (1136) kräftig ausgestaltet. Für gefährlicher hält man die sich im Internet austobenden nationalistischen Aufladungen – auch die British National Party argumentiert mit Artus –, weil sie mit scheinbaren Wahrheiten operieren, wo es nur Intertextualität gibt.

Damit hing eine zweite Grundsatzdebatte zusammen: Kann die Mediävistik vom Boom des Fantasy-Mittelalters profitieren? Nicht nur Carolyne Larrington (Oxford) bezeichnete „Game of Thrones“ als gute „Einstiegsdroge“. Und warum auch nicht? Die Mittelalter-Disziplinen können jede Schützenhilfe gebrauchen, wenn diese Zeit, wie Cora Dietl andeutete, den meisten Studierenden heute herzlich egal ist. Es fehle einfach jedes historische und religiöse Minimalwissen. Viele Abiturienten wüssten nicht einmal, wer früher gelebt habe: Luther oder Karl der Große. Vielleicht glauben sie dann ja in Zukunft, die beiden aus „Game of Thrones“ zu kennen. Vor diesem Hintergrund erscheint eine so lebendige wissenschaftliche Gesellschaft, wie sie im Würzburger Dauerregen (König Alfred!) zusammenkam, als kleines Wunder.

Quelle: F.A.Z.
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