Münchner Konzertsaal

Der Witz des gewollten Zufalls

Von Patrick Bahners

Applaus des bayerischen Innenministers, der auch Bauminister ist, für das Oberlandesgericht München. Der Rechtsstreit des Freistaats mit dem Architekten Stephan Braunfels, dem die Teilnahme am Wettbewerb für den Münchner Konzertsaal verwehrt wurde, hat ein fröhliches Ende genommen. Aber stimmt es, was Joachim Herrmann den Bürgern versichert, dass mit der unanfechtbaren Entscheidung des dreiköpfigen Vergabesenats „die Misstöne auch offiziell beseitigt sind“? Die Vergabekammer der Regierung von Oberbayern, ein gerichtsähnlich arbeitendes Gremium unter dem Dach der Exekutive, hatte zwei von Braunfels erwirkte Beschlüsse gefällt.

Im Januar ordnete die Kammer an, dass seine Bewerbung noch einmal geprüft werden musste. Als Braunfels in dieser Neubewertung wiederum die für die Zulassung zum Wettbewerb erforderliche Punktzahl verfehlte, bestätigte die Kammer im Mai seinen nunmehr ausführlicher begründeten Ausschluss. Bei der Prüfung dieser Begründung stellte sie freilich allerlei Ungereimtheiten fest. Jeder Bewerber hatte drei Probestücke seiner Schaffenskraft zu benennen, die einerseits nach technischen Gesichtspunkten bewertet wurden und andererseits nach den Kriterien der Originalität, Innovation und gestalterischen Qualität sowie der Übertragbarkeit dieser Aspekte auf das Projekt eines Konzerthauses. Bei Braunfels waren es die Pinakothek der Moderne in München sowie zwei Nebengebäude des Bundestags in Berlin.

Ein ganz erheblicher Freiraum

Die Kammer entdeckte in der Beurteilung aller drei Referenzen bei allen ästhetischen Kriterien Punkte, die sie nicht nachvollziehen konnte. Gleichwohl beanstandete sie die Summierung nicht. Braunfels erreichte jeweils das zweitbeste in der Punkteskala vorgesehene Ergebnis. Hier konnte man, gemäß der juristischen Harmonielehre, tatsächlich von Misstönen sprechen: Denn die Ballung der Monita blieb folgenlos. Das Oberlandesgericht hat die Beanstandungen der Kammer sämtlich getilgt, weil es keine Anhaltspunkte für eine unfaire Anwendung der Kriterien durch das Punktgericht finden konnte. Das spricht aber nicht gegen die Qualität der Bauten von Braunfels, sondern gegen die Eignung der Kriterien für eine faire Auswahl.

Originalität, Innovation, Qualität, Übertragbarkeit: Wie das Oberlandesgericht ausführlich darlegt, sind diese Gesichtspunkte so allgemein gehalten, dass es den Teilnehmern unmöglich war, ihr Abschneiden zu prognostizieren. Diese Unbestimmtheit verstieß möglicherweise gegen die Grundsätze des Vergaberechts: Das hätte Braunfels „auch ohne rechtliche Beratung“ erkennen können und sofort rügen müssen. Da er wie die anderen Teilnehmer die Gummikriterien akzeptierte, muss er hinnehmen, dass das Gericht ihre Dehnbarkeit bestätigt. Minister Herrmann hofft, dass die Öffentlichkeit sich wieder auf „das Wichtigste am Konzertsaal“ besinnt: „Da ist Musik drin!“ Sofern das auch für den Konzertsaalwettbewerb gelten soll, handelt es sich um aleatorische Musik. Für das Oberlandesgericht liegt auf der Hand, dass sich der Freistaat mit den absichtsvoll vagen Kriterien „einen ganz erheblichen Freiraum verschafft“ hat. Adornos Verdikt über die Aleatorik bestätigt sich: Der Witz des gewollten Zufalls ist, dass das Schicksal korrigiert werden muss.

Quelle: F.A.Z.
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Joachim Herrmann | Rechtsstreit