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Zum Tod von Jacques Chessex

Monsieur Bovary

Von Jürg Altwegg
 - 16:55
Jacues Chessex (1934 - 2009) Bild: Foto Jean Lausanne, F.A.Z.

Ein Tod wie der von Molière: Am Freitag starb Jacques Chessex in einer städtischen Bibliothek. Als erster Nichtfranzose hatte der Waadtländer Schriftsteller Jacques Chessex für seinen Roman „Der Kinderfresser“ den französischen Prix Goncourt gewonnen, seither war er wie kein anderer Westschweizer im französischen Literaturbetrieb präsent. Seine frühen Werke drehen sich um Schuld und Sühne, heimliche Sexualität und verbotene Lust in der Provinz. Als „Verdammte, Ausgestoßene, Ungeliebte, ewig Unerfüllte“ beschrieb er die Dichter in seinem Essay „Die heiligen Schriften“. Chessex identifizierte sich mit Gustave Flaubert - und seiner eigenen Provinz, der er den programmatischen Band „Leben und Sterben im Waadtland“ widmete. Seinen Schnauz trug er wie das große Vorbild, und als Stilist pflegte er einen gleichen Kult des Schreibens wie Flaubert.

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Jacques Chessex war ein besessener Schriftsteller. In „Mona“ geht es um einen angesehenen Rechtsanwalt, der mit 55 Jahren einer jungen Frau verfällt. Die Geschichte eines Ehepaars, das in den Bann einer Halbwüchsigen gerät, erzählt er in „Bernsteinfarbene Augen“. Im deutschen Sprachraum blieb sein Werk wegen der Mühlen des helvetischen Kulturaustauschs, in die er geriet, lange zu sehr auf die Schweiz beschränkt. Es umfasst auch Gedichte. Mit Erfolg hat sich Jacques Chessex der Malerei gewidmet - einige seiner mythischen, aus der Tiefe strahlenden Bilder waren gerade in der Genfer „Labyrinthe“-Ausstellung zu sehen.

Dem Volkszorn ausgeliefert

In jüngster Zeit sind seine Sätze knapper und seine Bücher dünner geworden. Die authentische Geschichte eines Sittlichkeitsverbrechers und Leichenschänders, „Der Vampir von Ropraz“, erschien bei Nagel & Kimche. Im Februar veröffentlicht der Verlag auch Jacques Chessex' Buch über einen jüdischen Viehhändler, der im Krieg in seinem Heimatort Payerne entführt, ermordet und zerstückelt wurde. Der Titel der englischen Übersetzung lautet: „A Jew Must Die“. Diese Geschichte, die der Schriftsteller als Kind erlebte, hat den Schriftsteller in Payerne im vergangenen Frühling wie nie zuvor in seinem Leben dem Volkszorn ausgeliefert. In vielen Veranstaltungen diskutierte er mit seiner ganzen Energie und Empörung über das jüdische Opfer und seine faschistischen Mörder. In Yverdon hatte man gerade seinen Roman über die Beichte eines Pfarrers auf die Bühne gebracht. Bei einer öffentlichen Diskussion brach Chessex tot zusammen. Die letzte Frage, auf die er keine Antwort fand, betraf Roman Polanski.

Quelle: F.A.Z.
Jürg Altwegg
Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.
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