Zum Tode von Hélie de Saint Marc

Widerstandskämpfer, Putschist, Offizier

Von Jürg Altwegg
 - 16:28

Verhaftet wurde er erstmals am französischen Nationalfeiertag bei dem Versuch, die Grenze nach Spanien zu überqueren. Nach dem Einmarsch der Deutschen hatte sich der 1922 geborene Hélie de Saint Marc in Bordeaux dem Widerstand angeschlossen. Seiner Festnahme im Sommer 1943 folgte die Deportation nach Buchenwald, wo er dank einem Letten überlebte, der sein Brot mit ihm teilte. Die Euphorie im befreiten Frankreich mit seinem Kult der Résistance verstörte ihn genauso wie die Scham der Niederlage von 1940. Er pfiff auf seinen Ruhm und schloss sich der Fremdenlegion an. In ihren Reihen führt er Krieg in Indochina. Das Debakel und den Rückzug 1954 empfand er als Verrat an den Verbündeten. In Algerien sah er alles noch dramatischer: Wie sollte er den Soldaten klarmachen, dass de Gaulle entgegen allen Versprechungen den Rückzug befohlen hat und das französische Departement seinem eigenen Schicksal überlassen will? Saint Marc gehörte zu den Offizieren, die 1961 den aussichtslosen Putsch gegen den Staatschef versuchten. Jahrelang saß er deswegen im Gefängnis.

Nach seiner Freilassung und Rehabilitierung in Raten schwieg er. Auf Drängen seines Neffen schrieb er zum Ende des Jahrhunderts seine Memoiren, die auch ins Deutsche übersetzt wurden.

In Paris verliehen ihm die Frauen des Prix Fémina ihren Essaypreis. Saint Marc machte Bekanntschaft mit August Graf von Kageneck, dem Frankreich-Korrespondenten der „Welt“ und früheren Offizier der Wehrmacht. Ihr gemeinsames Buch „Unsere Geschichte“ erschien 2003 und wurde ein Bestseller.

In den vergangenen Jahren wurde der zu Unrecht als Reaktionär verfemte Putschist zusehends als Mann der - echten - Verweigerung und möglichen Versöhnung verehrt. 2011 gab Nicolas Sarkozy in einer denkwürdigen Zeremonie dem von Krankheit Gezeichneten die Ehrenlegion zurück, mit der er für seine Verdienste im Widerstand und in Vietnam ausgezeichnet worden war und die man ihm nach dem Putsch aberkannt hatte. In Südfrankreich ist Hélie de Saint Marc nun im Alter von 91 Jahren gestorben. Der „Figaro“ würdigte ihn mit einem langen Nachruf „als moralische und historische Referenz“ und einer Aufnahme aus seiner Bibliothek auf der Seite eins: „Die Ehre eines Offiziers“.

Quelle: F.A.Z.
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Jürg Altwegg
Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.
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