Auslandsmarkt Paris

Weder Urlaub noch Schonzeit für Macron

Von Christian Schubert, Paris
 - 10:54

An der Pariser Börse ist die Schonzeit für Emmanuel Macron bereits vorbei. Wenn es jemals eine Toleranzperiode für Politiker unmittelbar nach ihrer Wahl in wichtige Ämter gab, dann hat sie für den französischen Präsidenten aus Sicht der Anleger nicht lange gehalten. Der Leitindex CAC-40 erreichte unmittelbar vor Macrons Wahl am 7. Mai und wenige Tage danach seine höchsten Jahresstände bei rund 5400 Punkten, etwa 11 Prozent mehr als zu Beginn des Jahres. Seither ging es mehr oder weniger kontinuierlich bergab. Im Jahresvergleich liegen die vierzig größten Aktien Frankreichs zwar weiter im Plus, doch der Zuwachs ist gegenüber dem Höchststand Anfang Mai etwa um die Hälfte geschmolzen.

Der französische Präsident hat viel Macht, doch zu viel Einfluss darf man ihm auch nicht zuschreiben. Die französische Börse wird selten von innerfranzösischen Vorgängen beeinflusst. Die Furcht vor einem Sieg radikaler Präsidentschaftsanwärter hatte die Kurse im Frühjahr zwar kurzzeitig gedrückt, doch danach ging man schnell wieder zur Tagesordnung mit den Einwirkungen weltweiter Entwicklungen auf die französische Börse über. Zuletzt haben etwa schwache Technologiewerte in den Vereinigten Staaten die europäischen Börsen unter Druck gesetzt. Zudem fielen die Halbjahresberichte einiger französischer Konzerne in der vergangenen Woche gemischt aus. Der Autohersteller Renault konnte etwa nicht an das Gewinnniveau des Erzrivalen PSA Peugeot-Citroën heranreichen. Dass er jetzt mit seinen zahlreichen Allianzpartnern von Nissan über Mitsubishi und Samsung bis zum Lada-Hersteller Avtovaz größter Autohersteller der Welt vor Volkswagen und Toyota geworden ist, erscheint da nur wie ein schwacher Trost. Auch beim Kosmetik-Schwergewicht L’Oréal herrschte Enttäuschung, denn Umsatz und Gewinn lagen unter den Erwartungen. Weil die Aktie des französischen Weltmarktführers in der Vorwoche ein historisches Hoch erreicht hatte, nutzten viele Anleger den Augenblick der Bilanzveröffentlichung für Gewinnmitnahmen.

Die Stärke des Euros

Insgesamt blicken die französischen Großunternehmen jedoch auf eine passable Halbjahresbilanz. An ihren Ausblicken für das Gesamtjahr halten sie weitgehend fest. In Europa hat die Konjunktur deutlich angezogen, darunter auch die französische Volkswirtschaft. Sie verzeichnete im zweiten Quartal dieses Jahres wieder ein Wachstum von 0,5 Prozentpunkten. Schon seit dem vergangenen Herbst legt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Quartal für Quartal in diesem Rhythmus zu. Die noch junge Regierung und ihr Präsident Macron dürfen sich freuen, dass sie ihre Ämter unter solch freundlichen Bedingungen antreten können. Ihre eher vorsichtige Wachstumsprognose für das Jahr 2017 eines BIP-Zuwachses von 1,6 Prozent wird so gut wie sicher eingehalten. Die zuversichtliche Stimmung der Haushalte hat sich nach dem turbulenten Präsidentschaftswahlkampf gefestigt, so dass der Konsum wieder ein verlässlicher Pfeiler der französischen Konjunktur ist. Zwischen April und Juni haben zudem die Exporte der französischen Unternehmen stark angezogen, während die Importe nachließen. Dies ist ein Anzeichen für die gestiegene Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, die sich lange Zeit nicht einstellen wollte. „Die Beschleunigung des Wachstums beginnt nun sich in den Ergebnissen der Unternehmen zu zeigen“, berichten die Analysten von Aviva Investors, wobei die Anhebung der Gewinnprognosen bisher noch auf bescheidenem Niveau notieren.

Ein Wermutstropfen ist die Stärke des Euros. Es ist nur wenige Monate her, da wiesen alle wichtigen makroökonomischen Indikatoren in eine günstige Richtung: niedrige Ölpreise, niedrige Zinsen und ein niedriger Eurokurs. Vor etwa sieben Monaten notierte der Euro noch auf dem niedrigsten Stand seit 2002. Doch nun hat sich das Währungsblatt gedreht. Um rund 11 Prozent gewann das europäische Geld seit Jahresbeginn gegenüber dem Dollar und notiert nun so hoch wie seit Januar 2015 nicht mehr. Dies stellt die noch fragile Konkurrenzfähigkeit etlicher französischer Unternehmen auf die Probe. Unternehmen wie Schneider, Peugeot, Michelin und Dassault Systèmes haben ihre Erwartungen an der Währungsfront angepasst.

Senkung des Wohngeldes angekündigt

Die Analysten sind sich allerdings nicht einig, inwieweit ein stärkerer Euro wirklich eine Belastung ist. Schließlich kann die Kurserhöhung auch die gestärkte Konjunktur in Europa zum Ausdruck bringen. Viele Experten blicken mit größerer Unruhe auf die Beschlüsse der Zentralbanken, im Fall der französischen Unternehmen vor allem auf die EZB. Wenn sie ihre Zinserhöhungen einleitet, was nur noch eine Frage der Zeit zu sein scheint, dann werden die französischen Unternehmen erst wirklich getestet – und mit ihnen die Regierung, die den staatlichen Schuldenberg abtragen will.

Unbenanntes Dokument

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. in völlig neuer Form, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken, optimiert für Smartphone und Tablet. Jetzt gratis testen.

Macron und sein Premierminister Edouard Philippe gönnen sich im August kaum Urlaub, denn es gilt die Zeit für die Vorbereitung von Reformen zu nutzen. Eine schwierige Baustelle ist die geplante Kürzung von Sozialabgaben, die schon für viel Beunruhigung sorgt, seitdem die Regierung für 6,5 Millionen Franzosen eine Senkung des Wohngeldes um monatlich 5 Euro angekündigt hat. Die Popularität des jungen Präsidenten hat erste Kratzer bekommen, zumal er auch mit dem Militär hart umspringt – ebenfalls aus Spargründen. Die Anleger an der Börse verfolgen dies interessiert, aber bisher ohne große Sorgen. Bei ihnen hat sich der Eindruck verfestigt, dass Macron „pro business“ sei. Das ist er wohl auch, die Frage ist nur, ob der diese Haltung gegenüber vielen skeptischen Franzosen durchsetzen kann.

Quelle: F.A.Z.
Christian Schubert - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Schubert
Wirtschaftskorrespondent in Paris.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenEmmanuel MacronParisMitsubishiNissanPariser BörseSamsungToyota MotorVolkswagenBörse