Aktien
„Trexit“

Warum die Börse nun Trump-Sorgen bekommt

Von Alexander Armbruster
© dpa, FAZ.NET

Was wird aus Donald Trump? Die Spekulationen schießen ins Kraut. In Washington fällt mittlerweile sogar das Wort „Impeachment“, Vergleiche mit dem Watergate-Skandal machen längst die Runde - sie erinnern an den amerikanischen Präsidenten Richard Nixon, der seiner Amtsenthebung nur deswegen entging, weil er zuvor zurücktrat.

Nun hat die Diskussion offenkundig die Finanzmärkte erreicht, Bankanalysten und Fondsmanager reden darüber. Schon sprechen manche vom „Trexit“ und meinen damit den Auszug des erst seit Januar amtierenden Präsidenten aus dem Weißen Haus. Sie fragen sich, was das bedeuten würde. Naturgemäß nicht mit Blick auf das politische Klima in den Vereinigten Staaten, sondern für die Unternehmen und ihre Geschäfte in der größten Volkswirtschaft der Welt.

Am Mittwoch sind die Aktienkurse an der Wall Street um 1,8 Prozent gefallen (gemessen am Aktienindex S&P 500) - für sich genommen keine besonders große oder problematische Bewegung, aber immerhin der höchste Tagesverlust seit dem Wahlsieg des früheren Immobilienunternehmers.

Aber was hat die Frage, ob Trump seines Amtes enthoben wird oder nicht eigentlich mit den Aktienkursen an der Börse zu tun? Die Geschäfte der amerikanischen Unternehmen hängen ja nun nicht davon ab, ob Trumps Wahlkampfteam Kontakte zu Russland pflegte und auch nicht, ob er den Chef der Bundespolizei FBI nun entlässt oder nicht.

Die Verbindung ergibt sich nicht durch die Person des Präsidenten, sondern durch das mit ihm verbundene Programm. Und da könnte tatsächlich einiges ins Rutschen geraten. Trump hatte im Wahlkampf und nach seinem Wahlsieg viel versprochen: Die größte Steuerreform seit Ronald Reagan, das größte Infrastrukturprogramm seit der „großen Depression“ in den dreißiger Jahren, eine umfangreiche Deregulierung mit besonderem Fokus auf die Finanzbranche und die Energieunternehmen, eine Gesundheitsreform und die grundlegende Neuverhandlung bestehender Handelsabkommen. Eine ganze Menge, Maßnahmen, die in der Summe eine enorme wirtschaftliche Wucht entfalten - wenn sie denn tatsächlich kämen.

Die Börsianer haben, wie das häufig ihre Art ist, infolge von Trumps Wahlsieg dem Republikaner erst einmal einen Vertrauensvorschuss spendiert: Der Dollar wertete auf, die langfristige Verzinsung amerikanischer Staatsschuldtitel stieg, die Aktienkurse legten zu, besonders die von Finanzwerten. Die Führung der mächtigen amerikanische Notenbank Federal Reserve erhöhte die Leitzinsen gleich zwei Mal und änderte ihre Wortwahl dahingehend, dass sie die Geldpolitik umso schneller straffen könnte, je expansiver Trump und die republikanische Mehheit in beiden Kammern des Kongresses die Finanzpolitik ausrichten.

Die ersten Amtsmonate haben bereits Zweifel geschürt, dass Trump sein Programm wird durchziehen können. Nun haben sie zugenommen - ein Präsident, der mehr Kraft und Zeit aufwenden muss, um sich überhaupt im Amt zu halten, hat mutmaßlich weniger übrig für sein Wirtschaftsprogramm, so geht das Argument an der Wall Street.

Die zunächst gescheiterte und bislang nur durch das Repräsentantenhaus gebrachte Gesundheitsreform offenbarte zudem, wie zerstritten die republikanische Partei ist. Mit der Steuerreform wollte die Regierung eigentlich im Herbst beginnen, heißt es immer wieder - aber kommt das nun wirklich oder wird sich das weiter verzögern? Und was ist im kommenden Jahr, wenn viele Abgeordnetensitze neu gewählt werden und die teils wütenden Wähler Trumps ihre Volksvertreter fragen, was denn nun aus dem geworden ist, was der Präsident ihnen versprochen hat?

Kein Glaube mehr an ein Infrastrukturprogramm

Während der Milken Global Conference unlängst, einer Zusammenkunft wichtiger Wirtschaftsvertreter in den Vereinigten Staaten, die vergleichbar ist mit dem Weltwirtschaftsforum in Davos, waren die Erwartungen an den Präsidenten bereits ziemlich gedämpft, berichtet ein gewöhnlich gut informierter Beobachter, der dabei war.

An die in Aussicht gestellten eine Billion Dollar neue Infrastruktur-Investitionen glaubt demnach im Grunde eher niemand mehr. Zu einer umfassenden Deregulierung hatten sich sowohl Trumps Finanzminister Steve Mnuchin als auch Wirtschaftsminister Wilbur Ross in ihren Reden während der Konferenz klar bekannt. Das macht den Geschäftsleuten auch wirklich Hoffnung.

Allerdings gibt es zwei Einschränkungen: Erstens leiden gerade die kleinen und mittleren Unternehmen, die sich am meisten über zu viel Bürokratie beschweren, vor allem unter der Regulierung auf der Ebene der Bundesstaaten und nicht der Bundesbehörden, über die Trump waltet. Zweitens würden weniger Regeln für die Energiebranche tendenziell niedrigere Verkaufpreise bedeuten und es ist nicht klar, welcher Effekt dann für die Unternehmen überwiegt.

Steuerreform auf der Kippe

Auch was die große Steuerreform angeht, ist Skepsis verbreitet. Denn sie wird viel Geld kosten mindestens vorübergehend - und damit höhere Haushaltsdefizite ziemlich unausweichlich machen. Dagegen gibt es allerdings innerhalb der republikanischen Partei Widerstände. Wegen der wohl im Senat endgültig scheiternden Gesundheitsrefom dürften zudem die dann fehlenden Einsparungen die Steuerreform erschweren.

Nun sind all diese Erwägungen in den Kursen an den Finanzmärkten bereits teilweise eingepreist gewesen, noch bevor Trump seine Situation in den vergangenen Tagen eskalierte. Die Inflationserwartungen bewegten sich wieder in Richtung der Niveaus vor Trumps Wahlsieg, die in der Hoffnung auf mehr Wirtschaftswachstum und eine aktivere Finanzpolitik zunächst steiler gewordene Zinsstrukturkurse hat sich wieder abgeflacht. Der Dollar-Kurs fällt, etwa gegenüber dem Euro. Dahinter steht die Ansicht, dass die amerikanischen Notenbanker um Janet Yellen wohl ihre Tonlage wieder entschärfen werden, wenn Trumps Stimulus-Maßnahmen ausbleiben oder nur in geringem Umfang Realität werden.

Eine Sorge dürfte es am Markt ausweislich der Kurse und Kommentare aber eher nicht geben: Die, dass die größte Volkswirtschaft der Welt handlungsunfähig würde, wenn Trump sein Amt verliert. Nachrücken würde zunächst Vizepräsident Mike Pence, der nächste in der Reihe wäre der „Speaker of the House“, Paul Ryan. Beide sind zwar bei Trumps Wählern nicht sonderlich beliebt, dafür aber innerhalb der Partei anerkannt. Sie gelten als „Mainstream-Republikaner“, die eine entsprechende wirtschaftspolitische Agenda verfolgen würden.

Quelle: FAZ.NET
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