Anzeige

Unicredit-Aktie ausgesetzt

Börsen reagieren enttäuscht auf Bankenstresstest

Von Tim Kanning und Christian Siedenbiedel
 - 17:59
Der Turm der Europäischen Zentralbank im Morgengrauen. Bild: dpa, F.A.Z.

Die europäischen Börsen haben am Montag mit Ernüchterung auf den Bankenstresstest reagiert und manche Ergebnisse mit herben Kursverlusten gestraft. Nachdem einige Banken zunächst Kursgewinne verbucht hatten, schlossen die Kurse der meisten Bankaktien deutlich im Minus und zogen zum Teil die europäischen Aktienindizes nach unten.

Anzeige

Der europäische Bankenindex „Euro Stoxx Banken“ verlor rund drei Prozent. Die Aktien von Commerzbank (minus 2,2 Prozent) und Deutscher Bank (minus 1,8 Prozent) gehörten am Montag zu den Verlierern im Dax. Beide Banken hatten den Stresstest zwar passiert, gleichwohl hatten sie schwach abgeschnitten und waren unter den letzten zehn der 51 geprüften Institute gelandet.

Zu den größten Verlierern am Montag gehörte die italienische Großbank Unicredit, zu der die deutsche Hypovereinsbank gehört. Ihr Kurs fiel um mehr als 8 Prozent, die Aktie wurde zeitweise vom Handel ausgesetzt. Offenbar befürchten Anleger, dass der Rettungsplan für die angeschlagene Bank Monte dei Paschi auch für andere italienische Institute Belastungen bringen könnte.

Obwohl die Krisenbank in dem Stresstest auf dem letzten Platz gelandet war, konnte deren Aktie als einer der wenigen europäischen Bankentitel Zugewinne verzeichnen. Hier reagierten Aktionäre offenkundig erleichtert auf einen Rettungsplan in Milliardenhöhe.

Anzeige

Eine böse Überraschung erlebten die Aktionäre der nicht stressgetesteten österreichischen Raiffeisen Bank International, deren Papiere zeitweise um mehr als 5 Prozent nachgaben. Ihre getestete, aber nicht börsennotierte Muttergesellschaft war im Stresstest auf dem zweitletzten Platz gelandet.

Der Test sollte zeigen, ob die Banken für einen Einbruch der Wirtschaft gerüstet sind und ob die Kapitalpuffer der Geldhäuser ausreichen, wenn die Immobilienpreise einbrechen. Veröffentlicht wurde anhand der so genannten harten Kernkapitalquote, wie die Banken unter den verschiedenen Szenarien abschnitten. Die harte Kernkapitalquote setzt das Eigenkapital von Banken ins Verhältnis zu den Risikoposten und gibt Aufschluss über den jeweiligen Kapitalpuffer.

Der Durchschnittswert aller Banken in der Eurozone lag im Krisenszenario bei 8,9 Prozent. Die Deutsche Bank kam auf 7,8 Prozent, die Commerzbank auf 7,4 Prozent, die italienische Monte dei Paschi auf minus 2,4 Prozent. Was bedeutet das alles nun für Anleger? Kann man zu den niedrigen Kursen bei Bankaktien einsteigen, weil endlich die Risiken auf dem Tisch sind und zumindest etwas mehr Klarheit herrscht?

Keine Entwarnung

Viele Fondsmanager jedenfalls sind weiterhin sehr skeptisch, was das betrifft. „Es wird weiterhin schwierig bleiben, Investoren zu finden, die sich für Bankaktien begeistern können“, meint Helmut Hipper, Fondsmanager der Union Investment, der Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken. Grundsätzlich habe sich zwar gezeigt, dass die Banken heute deutlich besser kapitalisiert seien als beim vorangegangenen Stresstest vor zwei Jahren. „Die schwache Ertragslage bleibt aber das Grundproblem der Branche, und dies wird sich angesichts der weiter niedrigen Zinsen nicht ändern“, meinte Hipper.

Auch Robert Mazzuoli, Portfolio-Manager der Fondsgesellschaft Franklin Templeton, sagte, dass der Stresstest zwar die Sensitivität der Banken zu einigen ausgewählten Punkten berechnet, aber kein allumfassendes Bild der aktuellen Lage des Sektors geliefert habe. „Daher kann man nicht sagen, dass mit der Veröffentlichung des Ergebnisses allgemein Entwarnung für den Bankensektor gegeben werden kann.“

Der Stresstest zeige allerdings Qualitätsunterschiede zwischen den Banken. „Hier mag den einen oder anderen überraschen, dass deutsche und irische Banken teilweise schlechter abschneiden als einige italienische“, sagte Mazzuoli. Starke Geschäftsmodelle und gesunde Bilanzen könnten Anleger zum Beispiel bei skandinavischen Banken finden. Er rate dazu, „weiterhin nur äußerst selektiv im Bankensektor engagiert zu sein“, sagte Mazzuoli.

Analysten unberührt

„Für uns ist die Bankenkrise keinesfalls ausgestanden, auch wenn der EZB-Stresstest diesen Eindruck zu erwecken versucht“, urteilt auch das Bankhaus Metzler. In dem Test sei eine schwere, drei Jahre anhaltende Rezession mit stark fallenden Börsenkursen und Immobilienpreisen simuliert worden. „Das latente Risiko lang andauernder Notstandszinsen, das selbst kosteneffizienten Banken die Gewinne raubt, wurde aber außen vor gelassen“, kritisiert die Bank: „Die Vernichtung des Zinses durch die EZB sorgt jedoch für permanenten Stress.“

So veranlassten die Stresstestergebnisse auch keinen Analysten dazu, Kauf- oder Verkaufempfehlungen für die Deutsche Bank oder die Commerzbank zu ändern. Nur wenige gaben überhaupt neue Einschätzungen ab, in die sie die Ergebnisse der Bankenaufsicht einfließen ließen. Hinsichtlich der Deutschen Bank rät nach Daten des Finanzdienstleisters Bloomberg nach wie vor ein gutes Drittel der Analysten zum Verkauf der Aktie, nur vier Beobachter des Papiers empfehlen sie zum Kauf. Hinsichtlich der Commerzbank gibt immerhin gut die Hälfte der Analysten eine Kaufempfehlung ab, die übrigen raten zum Halten oder Verkaufen.

Deutsche Großbanken behaupten sich

Die schlimmsten Befürchtungen hätten sich nicht bewahrheitet, fasste Analyst Jernej Omahen von der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs die Test-Ergebnisse in einer Studie zusammen. Sein Kollege von der britischen Großbank Barclays, Mike Harrison, kommentierte, die Deutsche Bank habe in dem Stresstest zwar Schwächen gezeigt, doch habe diese besser abgeschnitten habe als befürchtet. Einige Analysten hatten vor Bekanntgabe der Ergebnisse die Deutsche Bank sogar in ähnlich großen Schwierigkeiten wie Monte dei Paschi gesehen. Mehrere Marktbeobachter goutierten nun, dass die beiden deutschen Großbanken offenbar, wie von diesen selbst behauptet, vorerst ohne weitere Kapitalerhöhungen auskommen dürften.

Auch der Bundesverband deutscher Banken (BdB) versicherte am Montag, dass die beiden Banken keine Kapitalerhöhung bräuchten. Ihre Kapitalquoten hätten auch bei einer simulierten Krise über den gesetzlichen Mindestanforderungen gelegen, sagte BdB-Geschäftsführer Dirk Jäger am Montag in Frankfurt. „Deshalb ergibt sich unmittelbar kein Handlungsbedarf.“ Dass die Landesbanken beim Stresstest allesamt besser abschnitten als Deutsche Bank und Commerzbank, führt Jäger vor allem auf die „schlechtere Ausgangsposition“ der Großbanken in puncto Kapitalquote zurück. Zudem seien die privaten Institute im Stresstest wegen ihres Geschäftsmodells härter getroffen worden.

Im Krisen-Szenario mussten Banken simulieren, dass es an allen Ecken gleichzeitig brennt, was nach Einschätzung von Experten Universalbanken wie die Deutsche Bank und die Commerzbank benachteiligt hat. Aus Sicht von Jäger ist die Kernkapitalquote, die Banken im Stressszenario ausweisen, auch nicht die entscheidende Zahl. Wichtiger sei, wie stark die Quote im Stress gesunken sei. „Die Sensitivität ist fast wichtiger als der absolute Betrag, so lange dieser ausreichend ist.“

Nach Einschätzung der Bundesregierung hat der Stresstest die Robustheit der deutschen Institute bewiesen. „Insgesamt zeigen die Stresstest-Ergebnisse, dass die deutschen Institute auch für die im Stresstest simulierten erheblichen Verschlechterungen der weltwirtschaftlichen Lage ausreichend Polster gebildet haben“, sagte ein Sprecher des Finanzministeriums am Montag in Berlin.

Ob das Kapital bei den Banken tatsächlich ausreicht, dazu gab es am Montag allerdings unterschiedliche Auffassungen. So hieß es in der Analyse von Goldman Sachs, dass der Test vor allem bei den systemrelevanten Großbanken gezeigt habe, dass die Kapitaldecke noch immer dringend aufgepolstert werden müsse. Die Unterschiede zwischen den Instituten würden immer größer.

Ingo Frommen von der Landesbank Baden-Württemberg wies darauf hin, dass die Deutsche Bank mit ihrer absoluten Verschuldungsquote, die das Eigenkapital in Bezug zur gesamten Bilanz ohne Risikogewichtung stellt, in einem Krisenszenario gerade so den vorgegebenen Mindestwert von drei Prozent erreichte. Obwohl der Risikovorstand der Bank, Stuart Lewis, eine Kapitalerhöhung weiterhin ausgeschlossen habe, bleibe die Möglichkeit wie auch der ungewisse Ausgang der vielen Rechtsstreitigkeiten ein großer Belastungsfaktor für die Bank.

Quelle: F.A.Z.
Tim Kanning
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.Redakteur in der Wirtschaft.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenCommerzbankDeutsche BankEZBGoldman SachsUnicreditUnion-Investment-GmbHStresstest

Anzeige