Großbritannien

Der Brexit gibt den Anlegern Rätsel auf

Von Marcus Theurer, London
 - 09:00

Unmittelbar vor Beginn der Brexit-Verhandlungen zwischen London und Brüssel wächst an den Finanzmärkten die Unklarheit über die Auswirkungen des EU-Austritts auf die britische Wirtschaft. In dieser Woche deuteten neue Konjunkturzahlen auf eine weitere Abschwächung des Wachstums hin. Zugleich ist die Unsicherheit über den geldpolitischen Kurs der Bank von England gewachsen, nachdem drei der acht Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses überraschend für eine sofortige Leitzinserhöhung gestimmt haben.

Die schwierigen Verhandlungen über den EU-Austritt sollen am Montag beginnen. Sie stehen unter großem Zeitdruck, denn laut EU-Vertrag müssen sie bis April 2019 abgeschlossen werden. Zugleich ist in Großbritannien durch die Wahlschlappe für Theresa May die politische Unsicherheit gewachsen. Die Premierministerin hat bei der Parlamentswahl in der vergangenen Woche überraschend ihre Mehrheit im Unterhaus verloren – was die Brexit-Verhandlungen erschweren, aber auch erleichtern könnte.

Einfluss der geldpolitischen „Falken“

Vor allem am Devisenmarkt rechnen viele damit, dass der EU-Austritt den Briten wirtschaftlich schaden wird: Seit dem Austrittsvotum im Juni 2016 hat die stark schwankende britische Währung gegenüber dem Euro um mehr als 12 Prozent abgewertet. Gegenüber dem Dollar hat das Pfund rund 14 Prozent eingebüßt. Der Leitindex FTSE 100 am Londoner Aktienmarkt hat dagegen seit dem Referendum um gut 18 Prozent zugelegt und zwischenzeitlich ein neues Allzeithoch erreicht. Das Börsenbarometer enthält viele exportorientierte Unternehmen, die vom schwachen Pfund profitieren.

In der Bank von England wächst unterdessen der Einfluss der geldpolitischen „Falken“, die für eine straffere Geldpolitik plädieren. Die Notenbank hat ihren ohnehin historisch niedrigen Leitzins im August 2016 auf 0,25 Prozent halbiert, um den damals weithin befürchteten Brexit-Schock abzufedern. Tatsächlich allerdings hat sich die britische Wirtschaftskonjunktur in den Monaten nach dem Volksentscheid weit stabiler gezeigt als erwartet. Allerdings ist wegen der Pfundschwäche, welche die Importe verteuert, die Inflationsrate sprunghaft gestiegen. Deshalb wächst im geldpolitischen Ausschuss der Notenbank die Zahl der Befürworter einer Zinserhöhung.

Schwache Zahlen für die Einzelhandelsumsätze

Auslöser für den Inflations-Alarm unter den Geldhütern dürften auch neue Zahlen für den Mai sein: Demnach lagen die britischen Verbraucherpreise im vergangenen Monat um 2,9 Prozent höher als im Vergleichsmonat des Vorjahres. Dies ist der stärkste Preisauftrieb seit knapp vier Jahren. Seit dem vergangenen Frühjahr hat sich die Inflationsrate der Konsumpreise beinahe verzehnfacht. Das Preisniveau entfernt sich damit vom Inflationsziel der Notenbanker, das bei 2,0 Prozent liegt.

Historischer Tag
Brexit-Verhandlungen haben begonnen
© dpa, afp

Andererseits gibt es auch Argumente, die für eine weiterhin lockere Geldpolitik sprechen: Mittlerweile nämlich deuten die Konjunkturzahlen immer stärker darauf hin, dass der Brexit der britischen Wirtschaft eben doch schadet. Im ersten Quartal ist das Bruttoinlandsprodukt auf der Insel nur noch um 0,2 Prozent gewachsen, während es im Herbst noch um 0,7 Prozent expandiert war. Wegen der steigenden Inflation sind die Reallöhne zuletzt gesunken. Das schwächt die Konsumnachfrage, die wiederum der Hauptmotor des britischen Wirtschaftswachstums ist.

Schwache Zahlen für die Einzelhandelsumsätze im Mai nährten diese Woche die Konjunktursorgen. In dieses Bild passt auch die Gewinnprognose des britischen Möbelherstellers DFS, die unter den Markterwartungen lag. Das Unternehmen, das auch eine eigene Ladenkette betreibt, meldete Absatzschwierigkeiten und machte die politische Ungewissheit dafür verantwortlich. Der Aktienkurs von DFS gab daraufhin am Donnerstag um mehr als ein Fünftel nach. Auch die Kurse anderer Einzelhandelsaktien an der Londoner Börse gerieten unter Druck.

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Quelle: F.A.Z.
Marcus Theurer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marcus Theurer
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
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