Hightech aus Aschheim

Die cleveren Jungs von Wirecard

Von Thomas Klemm
 - 10:07

Technologiekonzerne sind normalerweise eine aufregende Sache. Konsumenten und Anleger sind geradezu elektrisiert, welche Neuerung Apple als Nächstes auf den Markt bringt, in welches Geschäftsfeld Amazon als Nächstes vordringt und wie sich ein Essenslieferant wie Delivery Hero als Börsenneuling schlägt. Weniger öffentliches Aufsehen erregen eine Reihe anderer Technologiefirmen, obwohl sie nicht minder innovativ sind und fortwährend Produkte präsentieren, die im besten Fall auch das Leben von Händlern und Verbrauchern bereichern. Wirecard zum Beispiel tüftelt eher im Verborgenen an neuen Technologien, um das Bezahlen für alle bequemer zu machen. Kein sexy Gewerbe, aber eines mit Zukunft. Denn bezahlt werden muss schließlich immer und immer öfter auch im Internet und mobil.

Wirecard hat sich gut eingerichtet im Hintergrund. Der Firmensitz befindet sich fernab von Finanzzentren und Start-up-Schmieden in der Gemeinde Aschheim, östlich von München gelegen, in einem Gewerbegebiet. In unmittelbarer Nähe gibt es ein paar Budgethotels, eine Kfz-Werkstatt und einen vietnamesischen Imbiss. Nicht nur das Unternehmen bevorzugt die Randlage, auch sein Vorstandschef Markus Braun ist keiner, der sich gerne in den Mittelpunkt drängt. Obwohl der 47-Jährige fast ein Drittel seines Lebens Wirecard-Vorstand ist, sind seine öffentlichen Auftritte über die Hauptversammlungen hinaus überschaubar. Interviews gibt er so gut wie gar nicht, seine Leidenschaft für neue Technologien lebt er lieber im Stillen aus. Doch wenn Braun einmal ins Erzählen gerät über die Zukunft des Einkaufens und des Bezahlens, dann ist er so wenig zu stoppen wie der digitale Fortschritt, für den seine Firma seit Jahren steht. „Wir sind eine Art Turbo, extrem innovativ“, sagt Braun in seinem österreichischen Zungenschlag. Der Ehrgeiz, die technischen Möglichkeiten immer weiter voranzutreiben, stecke „in der DNA des Unternehmens“.

Angefangen hat Wirecard als Zahlungsabwickler

Derart überschwänglich drücken sich gewöhnlich junge Gründer aus, die sich der Disruption verschrieben haben, die also Geschäftmodelle von Banken, Versicherern und anderen angreifen. Im Prinzip ist auch Wirecard ein Fintech, also eine Firma aus der Finanztechnologie, obwohl die Bayern mit Banken, Kreditkartenfirmen und Einzelhändlern mehr kooperieren als konkurrieren. Doch wer es wagt, das 1999 gegründete Unternehmen als ältestes Fintech Deutschlands zu bezeichnen, der bekommt sofort Widerspruch zu hören. Der Begriff „alt“ passe nicht zu einer Firma, die unermüdlich auf der Jagd nach Neuerungen ist, sagt Braun und wirkt fast ein wenig empört.

Angefangen hat Wirecard als Zahlungsabwickler, und zwar in einer Zeit, als Online-Shopping nur ein Fremdwort war und sich die meisten Menschen noch gar nicht vorstellen konnten, dass Einkaufen und Bezahlen im Internet gang und gäbe sein würde. Braun und seine Leute zeigten sich unbeeindruckt von den Zweiflern und wetteten auf die Zukunft. Man könne die Menschen nicht zur Technik missionieren, sie müssten selbst die Vorteile erkennen, ist Brauns Credo.

Wirecard ging 2000 an die Börse, hat also die turbulente Dotcom-Blase erfolgreich durchlitten und erweiterte stetig das Geschäftsfeld. Alsbald übernahm die Firma für Online-Händler nicht nur die Zahlungsabwicklung, sondern auch das Risikomanagement, schützte sie also vor säumigen oder zahlungsunfähigen Kunden. Die Firma gibt, seit sie 2006 mit einer Banklizenz ausgestattet wurde, eigene Kreditkarten heraus, und frühzeitig verschrieb man sich im beschaulichen Aschheim dem mobilen Bezahlen rund ums Smartphone. Vor zwei Jahren entwickelte Wirecard eine App namens „boon“, über die das kontaktlose Bezahlen an der Ladenkasse möglich ist und die demnächst auch Kontoführung, Versicherungsverwaltung und Bonusprogramme ermöglicht. „In der Hochtechnologie führt eine Technologie zur nächsten, es wird nie die ultimative Killer-App geben“, sagt Vorstandschef Braun, mit einem Anteil von sieben Prozent der größte Wirecard-Einzelaktionär. An der schier grenzenlosen technologischen Entwicklung maßgeblich mitzuwirken, das betrachtet der CEO als „großes Privileg“.

In den vergangenen Jahren hat Wirecard das Wachstum vorangetrieben, ist nach der jüngsten Übernahme des amerikanischen Kartenherausgebers Citi Prepaid Card Services nun auf allen fünf Kontinenten vertreten, hat 29.000 Groß- und 150.000 Kleinkunden und nennt sich Marktführer. Der Aktienkurs stieg stetig, in den vergangenen zehn Jahren um 560 Prozent. Die Anleger waren zufrieden.

Eine stattliche Dividende

Jedenfalls bis zum Februar vergangenen Jahres, als sie von vermeintlichen Enthüllungen einer bis dahin unbekannten Research-Firma namens Zatarra aufgeschreckt wurden. Zatarra erhob im Internet schwere Anschuldigungen, bezichtigte Wirecard in einem 101-seitigen Report der Geldwäsche, des illegalen Glücksspiels und der Bestechung und gab für die Aktie ein Kursziel von null Euro aus. Zwar wies Wirecard alle Vorwürfe zurück, doch viele Anteilseigner reagierten verunsichert. Sie erinnerten sich plötzlich daran, dass Wirecards Vorgängerfirma EBS-Holding in den Frühzeiten des Internets auch Zahlungen für Kunden aus der Glücksspiel- und Pornoszene abgewickelt hatte. Der Aktienkurs gab um bis zu einem Viertel nach, eine Milliarde Euro gingen binnen kürzester Zeit verloren.

Vor dieser Attacke hatten mehrere Hedgefonds auf fallende Kurse der Wirecard-Aktie gewettet. Nach einer Anzeige der Bankenaufsichtsbehörde Bafin ermittelt die Münchner Staatsanwaltschaft nun gegen mehrere Verdächtige wegen Kursmanipulation. Je nach Verlauf des Strafverfahrens entscheidet Wirecard, ob das Unternehmen auch zivilrechtlich vorgeht. Braun mag sich dazu nicht weiter äußern, er setzt darauf, vorübergehend verunsicherte Anleger mit seiner strategischen Ausrichtung zu überzeugen. Bisher ist sie aufgegangen: Die Wirecard-Aktie, die vor der Leerverkaufsattacke rund 46 Euro kostete, hat sich nicht nur erholt, sondern jüngst auch ein Rekordhoch von 60,90 Euro erreicht. An der Börse ist Wirecard rund sieben Milliarden Euro wert, und die Analysten sehen noch weiteres Potential. Von 28 Analysten raten 19 zum Kauf des Tec-Dax-Werts, nur einer empfiehlt den Verkauf.

Was Wirecard seinen Inhabern nicht bietet, ist eine stattliche Dividende. 16 Cent je Aktie sollen es für das Geschäftsjahr 2016 sein, zwei Cent mehr als im Vorjahr. Der Anteil der Ausschüttung am Konzernüberschuss ist von zwölf auf sieben Prozent zurückgegangen. Braun begründet dies damit, dass sich das Unternehmen als Wachstumswert verstehe: „Man sollte in Wirecard investieren, weil man an das Wachstum der Digitalisierung glaubt.“ Noch werden 85 Prozent der globalen Transaktionen bar abgewickelt, der Rest elektronisch mit Karte oder digital über Internet oder Apps. „Wir stehen erst am Anfang, das beginnt erst richtig anzuziehen“, sagt Braun.

„offline“ Fuß zu fassen ist schwierig

Dass der Boom im Online-Handel weitergeht und damit die digitale Zahlungsabwicklung kein Ende nimmt, darauf kann sich Wirecard verlassen. Schwieriger ist es, „offline“ Fuß zu fassen, also in den Geschäften in Innenstädten. Ladeninhaber tun sich schwer damit, ihre Kassen nachzurüsten oder sie durch moderne Terminals oder Tablets zu ersetzen. Das liegt auch daran, dass die Liebe der Deutschen zum Bargeld unverbrüchlich ist, auch wenn sie allmählich öfter mit Plastikkarte oder Smartphone bezahlen. Braun drückt sich diplomatisch aus, um die hiesige Eigenart zu beschreiben. „Der deutsche Konsument ist dem Komfort sehr aufgeschlossen, wird aber nie ein Vorreiter sein. Aber wenn immer mehr Menschen merken, dass sie ihren Kaffee einfach mit dem Smartphone bezahlen können, wollen sie so eine positive Erfahrung viel häufiger machen.“

Eine spezielle Gruppe nimmt das Angebot, in Deutschland per Smartphone zu bezahlen, gerne an: nämlich Chinesen, die zu Besuch sind. Seit Wirecard mit dem zu Alibaba gehörigen Bezahldienst Alipay 2015 eine Kooperation begonnen hat, haben Einzelhandelsketten wie Rossmann, Zwilling und Body Shop oder Warenhäuser wie Printemps ein kleines Zusatzgerät an ihren Kassen installiert und setzen darauf, dass die Chinesen ihrem Ruf als ausgabefreudige Touristen gerecht werden. Im Schnitt geben sie 3000 Euro im Urlaub aus, dreimal so viel wie Deutsche. „Digitalisierung erzeugt, wenn man es richtig macht, im stationären Handel eine direkte Umsatzsteigerung, vergleichbar wie wir sie im Online-Handel sehen“, sagt Braun.

Wirecard wächst deutlich stärker als der Markt, für dieses Jahr ist ein organisches Wachstum von 23 Prozent angepeilt. Ehrgeizig ist die von Braun ausgegebene „Vision 2020“. Sie sieht eine Verdreifachung des Transaktionsvolumens gegenüber 2016 vor, von 67 Milliarden Euro auf 190 Milliarden Euro im Jahr 2020. Der Umsatz, der im vergangenen Jahr erstmals knapp über eine Milliarde Euro betrug, soll dann auf 2,5 Milliarden Euro steigen. „Die nächsten zehn Jahre werden die zurückliegenden zehn Jahre noch einmal deutlich in den Schatten stellen“, sagt Markus Braun. Aufregende Zeiten selbst für ein Tech-Unternehmen wie Wirecard, das sich ansonsten eher bedeckt hält.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Klemm, Thomas
Thomas Klemm
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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