Dow Jones

Schwacher Dollar treibt Aktienkurse an Wall Street

Von Norbert Kuls, New York
 - 08:19

Die jüngsten Rekorde des amerikanischen Dow-Jones-Index gehen vor allem auf das Konto einer besonderen Gruppe von Aktiengesellschaften: große, multinationale Konzerne mit Hauptsitz in Amerika, die einen Großteil ihrer Umsätze im Ausland machen. Dazu zählen Unternehmen wie der Flugzeughersteller Boeing, der Elektronikkonzern Apple, die Schnellrestaurantkette McDonald’s oder der Baumaschinenhersteller Caterpillar. Die Aktienkurse dieser Konzerne sind in diesem Jahr überdurchschnittlich stark gestiegen, beflügelt von einer deutlichen Abwertung des amerikanischen Dollar, der ihre exportierten Produkte im Ausland günstiger macht. Da die Unternehmen ihre Bilanzen in der Heimatwährung ausweisen, profitieren sie auch, wenn sie im Ausland produzieren oder Dienstleistungen anbieten.

Der U.S.-Dollar-Index, eine Messlatte für den Wert der amerikanischen Währung im Vergleich zu einer Reihe internationaler Devisen, hat seit Anfang des Jahres um 10 Prozent nachgegeben. Allein gegen den Euro wertete der Dollar in diesem Zeitraum um mehr als 11 Prozent ab. Nach der amerikanischen Präsidentschaftswahl Anfang November hatte der Dollar parallel zum Aktienmarkt zunächst haussiert, weil Investoren auf stärkeres Wachstum unter einer neuen Regierung Trump gewettet hatten. Donald Trump hatte staatliche Investitionen in Infrastruktur, Steuersenkungen und eine lockerere Regulierung angekündigt. Als in diesem Jahr deutlich wurde, dass Trump Schwierigkeiten hat, trotz der republikanischen Mehrheit im Kongress seine wirtschaftspolitische Agenda durchzusetzen, ging der Dollar wieder auf Talfahrt. Die Aktienmärkte haussierten weiter, allerdings gab es innerhalb des Marktes Favoritenwechsel. So gehören Bankaktien, die zunächst stark von der Hoffnung auf nachlassende Regulierung profitiert hatten, in diesem Jahr zu den Nachzüglern.

Donald Trump: „Das passiert nicht einfach so“

Der Dow Jones, in dem 30 der größten amerikanischen Aktiengesellschaften abgebildet sind, ist seit Anfang der Jahres insgesamt um mehr als 11 Prozent gestiegen und schloß in der vergangenen Woche erstmalig über 22000 Punkten. Runde Zahlen sind zwar per se nicht aussagekräftiger als andere Rekorde, sorgen aber für erhöhte Aufmerksamkeit bei Normalbürgern und Wertpapierhändlern an der New Yorker Börse, die zu solchen Anlässen gerne Baseball-Mützen mit der jeweiligen Rekordnummer tragen. Auch Donald Trump lenkte die Aufmerksamkeit der mehr als 35 Millionen Leute, die ihm auf dem Kurznachrichtendienst Twitter folgen, mehrfach auf den runden Dow-Rekord. Er suggerierte, dass der „Enthusiasmus“ der Wirtschaft eine Konsequenz seiner Politik sei. „Das passiert nicht einfach so“, schrieb Trump.

Mehr als ein Viertel des gesamten Anstiegs des Dow Jones in diesem Jahr geht auf das Konto der Boeing-Aktien, deren Kurs in diesem Jahr um 53 Prozent geklettert ist. Boeing, die im Dow Jones am stärksten gewichtete Aktiengesellschaft, macht drei Fünftel ihres Umsatzes im Ausland. Apple, dessen Aktie rund ein Siebtel zum Dow-Gewinn beigetragen hatte, erwirtschaftet sogar zwei Drittel des Umsatzes außerhalb der Vereinigten Staaten. Apples Kursplus: 34 Prozent. Der Kurs von McDonald’s, wo ebenfalls zwei Drittel des Umsatzes aus dem Ausland stammen, hat seit Januar um 27 Prozent zugelegt. Damit war der Konzern für rund ein Achtel der Dow-Hausse verantwortlich. Der Aktienkurs des im Index vergleichsweise nicht ganz so stark gewichteten Caterpillar-Konzerns, der mehr als die Hälfte seiner Umsätze in Europa, Asien und Lateinamerika macht, ist um 22 Prozent gestiegen.

Dieser Trend ist nicht nur auf den Dow Jones beschränkt. Daten der Informationsdienste Factset und S&P Dow Jones Indices belegen, dass vergleichsweise stärker im Ausland engagierte Unternehmen auch im breiter gefassten Aktienindex S&P 500 überdurchschnittlich gut abschneiden. Die gemessen am Anteil der Auslandsumsätze obere Hälfte der S&P-500-Unternehmen haben in diesem Jahr einen Median-Kursgewinn von 16 Prozent erzielt (eine Hälfte verbuchte also höhere Kursgewinne, die andere Hälfte niedrigere). Die restliche Hälfte der S&P-500-Mitglieder – also Unternehmen mit stärkerem Geschäftsschwerpunkt in den Vereinigten Staaten – kam dagegen auf einen schwächeren Median-Kursgewinn von nur 8 Prozent.

Hauptgrund ist das steigende Wirtschaftswachstum

Ein wichtiger Grund für die überdurchschnittliche Kursentwicklung der Aktiengesellschaften mit einem hohen Auslandsanteil ist auch das steigende Wirtschaftswachstum in Übersee. Gestützt von der allgemeinen wirtschaftlichen Erholung in Europa und in vielen Schwellenländern wächst die globale Wirtschaft außerhalb der Vereinigten Staaten so stark wie seit vier Jahren nicht mehr, heißt es bei der Bank J.P. Morgan Chase. Die Umsätze der Unternehmen wachen in diesen Regionen derzeit schneller als die Kosten. In den Vereinigten Staaten, wo die wirtschaftliche Entwicklung bereits weiter vorangeschritten ist, werden die Gewinnmargen dagegen von steigenden Löhnen und Gehältern begrenzt.

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Dow Jones: Schwacher Dollar treibt Aktienkurse an Wall Street

Die positiven Währungseffekte waren wiederholt Thema bei der Veröffentlichung der Unternehmensergebnisse für das zweite Quartal, die in diesen Tagen die Wall Street im Bann hält. Die Finanzchefin von Coca-Cola, Kathy Waller, begründete die verbesserten Gewinnaussichten für den amerikanischen Getränkehersteller mit einem „leicht besseren Währungsumfeld“.

Sollte die Dollar-Schwäche anhalten, könnte das die Unternehmensgewinne an der Wall Street, langfristig der wichtigste Treibstoff für Aktienkurse, in den kommenden Quartalen weiter stützen, meinen Analysten. Für das zweite Quartal kalkulieren Analysten für die Unternehmen im S&P 500 derzeit mit einem Gewinnzuwachs um 8,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr, heißt es bei Factset. „Die Gewinnentwicklung war generell sehr gut“, meint Paul Brigandi, der das Handelsgeschäft beim Wertpapierhaus Direxion Investments verantwortet. „Das schürt den anhaltenden Optimismus im Markt.“

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Quelle: F.A.Z.
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Norbert Kuls
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